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FILM / ZEITSCHRIFTEN Auf das Schärfste

aus DER SPIEGEL 49/1969

Die Auflage stieg, der Chefredakteur mußte fallen: Trotz publizistischer Erfolge darf Werner Kließ, 29, das Monatsblatt »Film« nicht länger redigieren.

Die Auflage fiel, der Chefredakteur machte Platz. In finanziellen Schwierigkeiten übertrug der Münchner Kino-Historiker Enno Patalas, 40 ("Sozialgeschichte der Stars"), die Redaktion seiner Zeitschrift »Filmkritik« einem Mitarbeiter-Kollektiv und begnügte sich mit dem Posten des »Sekretärs«.

Dieses Revirement an den beiden Cinéastenblättern signalisiert eine schwere Krise der deutschen Filmpublizistik -- und damit Gefahr für die in der Bundesrepublik ohnehin unterentwickelte Filmkultur. Denn keine nationale Cinémathek protegiert die Erforschung des Massenmediums Film, und Filmliteratur ist -- wenn sie überhaupt verlegt wird -- kaum abzusetzen.

Drehbücher und ernsthafte Analysen wurden bislang fast nur in den Filmzeitschriften verbreitet, die damit zuweilen sogar ihr Vorbild, die Pariser »Cahiers du Cinéma«, erreichten. Doch nun entzweit Verleger, Redakteure und Mitarbeiter ein Glaubensstreit um den rechten ideologischen Standpunkt.

So mißfiel der Chefredakteur Kließ, der in drei Jahren aus dem anfangs recht kümmerlichen »Film« ein munteres, aggressives Links-Journal für wählerische Kinogänger gemacht hatte -- und mit 8000 Beziehern ein fast rentables dazu » seinem Verleger Erhard Friedrich ("Opernwelt"), weil er »die Gesichtspunkte und Meinungen der revolutionären Linken immer stärker dominieren« ließ.

Friedrichs Konsequenz: Ab 1. Januar 1970 managt sein Cheflektor und »Theater heute«-Redakteur Henning Rischbieter auch den »Film«. »Wer die wirtschaftliche Macht hat«, sagt Kließ zu diesem »glatten Rausschmiß«, »bestimmt, was geschrieben wird.«

Bis dahin freilich hatte er Verleger-Willkür kaum zu spüren bekommen. Kließ durfte ketzerische Godard-Sprüche aufs Titelblatt setzen ("Die Kunst der Massen ist eine Idee der Kapitalisten") und Polizei-Einsätze gegen demonstrierende Studenten attackieren lassen ("Wer gerade geht, wird vorgebeugt"). Er kämpfte unbehelligt mit Revolutionsslogans ("Brecht die Macht der Synchronisateure") gegen die Filmindustrie, mischte Kommunikationstheorien von SDS-Genossen unter die eher konventionellen »Film«-Rezensionen und rückte sogar Enteignungstheorien ein:

Die »Apo, vertreten durch die linken Autoren«, so verlangte ein Mitarbeiter, solle die »Verfügungsgewalt« über den »Film« an sich reißen; »selbsttätig«, denn: »Würde Kließ die Zeitschrift mit Billigung des Verlags der Apo zur Verfügung stellen: nichts wäre gewonnen.«

So etwas aber soll nun bei der Konkurrenz geschehen. Mit Billigung des der SPD nahestehenden Frankfurter Verlages »Filmkritik« praktizieren Patalas und seine linken Autoren das bislang liberalste Mitbestimmungsmodell der deutschen Presse:

Patalas, 1957 Begründer und seither Chefredakteur der »Filmkritik' wird durch ein Redaktionsstatut künftig zum Erfüllungsgehilfen seines Mitarbeiter-Stammes ("Filmkritiker Kooperative) degradiert. Als auf zwei Jahre gewählter Redaktionssekretär muß er fortan jedes Manuskript der Rezensenten akzeptieren und unverändert drucken -- in der vom Autor gewünschten Aufmachung.

Zu dieser ungewöhnlichen Pressefreiheit hat sich Patalas allerdings erst nach internen Querelen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten entschlossen. So entdeckte der Verlag, der sich in der Vergangenheit gelegentlich Farbtitel und Bildseiten heimlich hatte von den Verleihfirmen honorieren lassen, unlängst ein Manko von 120 000 Mark in seinen Büchern -- die Druckschulden eines Jahres. Er bot daraufhin das kleine (Verkaufsauflage: 4500). zudem binnen Jahresfrist von rund 300 Abonnenten abbestellte Blatt samt Lagerbeständen für 45 000 Mark feil. Um das Weitererscheinen bis zum Auftritt eines Käufers zu garantieren, soll die neue Kooperative treuhänderisch nun auch die Verlagsgeschäfte der »Filmkritik« führen.

Doch selbst wenn ein neuer Verleger das Magazin saniert -- die Zukunft der »Filmkritik« ist so ungewiß wie die des Konkurrenzblatts »Film«.

»Film« wird durch die Trennung von Kließ jedenfalls fachkundige Autoren einbüßen -- in einem vom WDR-Mitarbeiter Georg Alexander entworfenen Flugblatt protestieren »Film«-Beiträger »auf das Schärfste« gegen den Friedrich-Verlag und kündigen ihm die weitere Mitarbeit. Und Patalas hatte schon vor Verkündigung des neuen Statuts auf sieben Kritiker verzichten müssen, denen seine Zeitschrift, jahrelang das beste deutsche Cinéasten-Journal der Nachkriegszeit, Rang und Ruf verdankt.

Sie sagten sich öffentlich von ihm los, denn ihr Anführer Patalas hatte sich gewandelt. Einst war er gegen fast alle Rezensenten in deutschen Feuilleton-Redaktionen aufgetreten -- in der »Filmkritik« verfocht er eine erst später popular gewordene ideologiekritische, an Adorno und dem emigrierten deutschen Filmhistoriker Siegfried Kracauer ("Von Caligari bis Hitler") orientierte Film-Exegese. Patalas damals über seine »neue Kritik": »Sie interessiert sich mehr für die Aussage als die Form« eines Lichtspiels.

Nun aber gibt es für Patalas »kein Zurück zu dem alten Soziologismus": Der Kritiker hat die Wirkung der künstlerischen Form entdeckt und rechnet sich zur »ästhetischen Linken«.

Jetzt druckt er gern private Apercus sensibler Mitarbeiter ("Ob ich den Mut haben werde, mir die deutsche Fassung anzusehen, weiß ich noch nicht"), nun »werden Glaubensbekenntnisse verlangt, nicht durchreflektierte und ausformulierte Kritik« -- so der Patalas-Gegner Franz Schüler.

Nach so sonderbaren -- Patalas: »legitimen« -- Veränderungen bei »Filmkritik« und einsamen Verleger-Entscheidungen bei »Film« ist Deutschlands wichtigsten Lichtspiel-Magazinen der Film nicht mehr so wichtig: Die Bezieher der »Filmkritik« sollen nunmehr auch etwas »über Theater. Platten und Kochen« zu lesen bekommen; in »Film« wird demnächst »das Medium Fernsehen ... systematisch reflektiert und kritisiert«.

Und diesen neuen Themen (bei unverändertem Heftumfang) opfern beide Zeitschriften auch ihre guten Namen: »Film« wird umbenannt in »Fernsehen und Film«; die »Filmkritik« soll in den siebziger Jahren »Kino« heißen.

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