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Auf Daunen

Giuseppe Verdi: »Don Carlos«. Dirigent: Carlo Maria Giulini. Solisten: Ruggero Raimondi, Placido Domingo, Sherrill Milnes, Giovanni Foiani, Simon Estes, Montserrat Caballé, Shirley Verrett. Orchester des Opernhauses Covent Garden. EMI 10 191-02 149/52; 68 Mark.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Es war ein würdiges Jubel-Fest: Zur Hundertjahrfeier der Londoner Covent-Garden-Oper, am 9. Mai 1958, dirigierte Carlo Maria Giulini den (von Visconti inszenierten) Verdischen »Don Carlos« -- so exquisit, wie höchstens Toscanini einst die höfische Intrige dargeboten hatte. Erst 12 Jahre später kam eine Giulini-Produktion des Don Carlos in die Plattenstudios, als Giulini-Nachlaß bei Lebzeiten; .denn der Dirigent hat mittlerweile das Opernpult verlassen und widmet sich sonst nur noch der symphonischen Musik.

Giulinis Platten-Carlos ist ein Gang zu den Quellen. Der puristische Kapellmeister spielt sich nicht selber mit überwertiger Brillanz an die Rampe. Er balanciert auf der Ideallinie zwischen lukullischer Genußoper und deutlicher Detail-Diktion. Kein falscher Glanz verstellt die Sicht auf kompositorische Finessen. Wichtige Details. die Knoten der Dramaturgie, schält er plastisch heraus. Die englischen, amerikanischen, spanischen und italienischen Gesangsstars wirken so gelöst, als würden sie von dem eher zweitklassigen Covent-Garden-Orchester auf Daunen gebettet. Endlich einmal schließt sich das Potpourri schöner Melodien zum musikalischen Drama.

Die Kunst, aus Ariensängern handelnde Menschen zu machen, kommt bei Giulini nicht von ungefähr: Er hat nachgedacht. In den Tiefen der Opernpsychologie fand er: »Carlos ist ein Jüngling, der ohne Wärme, ohne Kontakt zum Vater aufgewachsen ist, er ist gehemmt.«

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