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BUCHHANDEL Auf den Strich

Demnächst sollen alle deutschen Bücher mit einem maschinell lesbaren Strich-Code versehen werden. Was wie bloße Cover-Kosmetik aussieht, könnte kleinere Verlage in ihrer Existenz gefährden. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Schon wieder droht die Kultur des Abendlandes unterzugehen, diesmal stirbt sie an ein paar Strichen. »Kultur ade?« fragt das Fachblatt »Buchmarkt«, und der West-Berliner Kleinverleger Dirk Nishen sieht eine »geistige Katastrophe« heraufziehen wo es doch nur um die flächendeckende Einführung von Balkencodes im deutschen Buchhandel geht. Den allerdings werden die Computerstreifen (Fachbezeichnung: EAN 978) gründlich umkrempeln.

An piepende Scannerkassen und die »Europäische Artikelnummer« auf Schokoriegeln, Bratpfannen und Pampers hat sich die bundesdeutsche Kundschaft mittlerweile gewöhnt. Jetzt ist auch die Bücherbranche »auf den Strich gekommen«, wie das »Börsenblatt«, Pflichtorgan der deutschen Verleger und Buchhändler, unfreiwillig einsichtig formuliert. Der Verleger-Ausschuß des Verbandes, der sich wohl nicht zufällig Börsenverein des Deutschen Buchhandels nennt, hat die Code-Norm für alle Bücher beschlossen, nicht nur für Taschenbücher, wo sie heute schon von etlichen Verlagen verwendet wird.

Anders als beim übrigen Warenangebot mit seinen briefmarkengroßen Streifenfeldern sollen die Bücher mit mindestens 86 mal 32 Millimeter großen Codefeldern versehen werden. Denn - deutsche Gründlichkeit - die Striche reichen nicht, zusätzlich soll noch mit einem umfangreichen »OCR-B-Code« gearbeitet werden. Selbst bei großformatigen Titeln beherrscht der futuristische Flatschen die Rückseite der Bücher so stark, daß ein freies Design unmöglich wird - der Balken springt ins Auge. Magere Zeiten für bibliophile Sammler.

Bei codierten Büchern dürfen bestimmte Umschlag- und Einbandmaterialien wie Leinen, geprägte Papiere oder Bütten nicht verwendet werden, und auch bei der Farbgebung bestimmt der Code das Bild. Der soll nämlich möglichst schwarz auf weiß erscheinen, was also entweder eine schwarzweiße Graphik oder beim Druck Zusatzkosten für eine weitere Farbe erzwingt.

Klar, daß sich längst nicht alle Verlage auf den Strich schicken lassen. Beispielsweise Enzensbergers »Andere Bibliothek« mit ihren monatlich bei Greno erscheinenden bibliophilen Titeln wäre mit Strichcode kaum denkbar.

Das aber heißt - und hier wird das ästhetische zu einem ökonomischen und kulturellen Problem -, daß Umsatzeinbußen hinnehmen muß, wer sich die Lesepistole nicht auf die Brust setzen lassen will. Denn die Buchabteilungen von Kaufhäusern, Ketten wie »Montanus« oder Großbuchhandlungen dürften, wenn sie erst mit den neuen Scanner-Kassen ausgerüstet sind. Ungestreiftes einfach aus dem Angebot nehmen.

Mindestens 35000 Mark kostet die Einführung des neuen »Warenwirtschaftssystems jeden Buchhändler. Nur die größten werden es sich leisten können und erhoffen sich damit, wie etwa die Mayer'sche Buchhandlung in Aachen, Vorreiter der EANisierung, ein weiteres Umsatz-Plus von 40 Prozent.

Rentabel werden die Computerkassen und Lesegeräte aber nur, wenn mindestens 60 Prozent der Bücher codiert sind. Der Rest müßte nachträglich etikettiert werden. Bei Mayer in Aachen hält man solche Nachrüstung, die den Wareneingang um ein bis zwei Tage verzögern würde, allerdings für »nicht zumutbar«. Konsequenz: Nur was Striche hat, wird verkauft.

Am Ende der Entwicklung könnte das Selbstbedienungskaufhaus für bedrucktes Papier stehen, in dem mit nur einer Aufsichtsperson monatlich Tausende von Exemplaren umgesetzt werden. Der Kunde sucht sich sein Buch selber, fährt mit der Lesepistole über den Code und zahlt bargeldlos mit Scheck- oder Kreditkarte.

Möglich, daß von dieser Entwicklung die Tante-Emma-Buchläden profitieren, in denen noch Buchhändler arbeiten, die mehr als Händler sind und ihr Sortiment nicht nur nach Abverkaufsgeschwindigkeit zusammenstellen. Existenzbedrohend aber - Strich oder stirb - wird die Code-Abstinenz für kleine und mittlere Verlage, die, wie zum Beispiel Wagenbach mit seinen Erich-Fried-Titeln, auf die Kaufhaus- und Ketten-Umsätze ihrer wenigen Dauer- und Bestseller angewiesen sind.

Der Wagenbach-Verlag gehört denn auch zu den Initiatoren einer Verweigerungs-Front, der sich inzwischen auch die Buchgestalter und Hersteller großer Häuser wie Rowohlt, Fischer, dtv und Suhrkamp angeschlossen haben.

Auf der kommenden Frankfurter Buchmesse will der Börsenverein mit einer Taschenbuchhandlung für die »Ausschöpfung aller möglichen Rationalisierungsreserven« ("Börsenblatt") werben. Sicher wird das »integrierte Warenwirtschaftssystem« funktionieren. Aber einige Regale könnten leer bleiben. Mit den Massen-Schmökern von Heyne oder Bastei-Lübbe allein läßt sich nicht einmal eine Modell-Buchhandlung betreiben.

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