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FRANKFURT Auf der Kippe

Wieder einmal heftige Proteste gegen die geplante Uraufführung von Fassbinders »Der Müll, die Stadt und der Tod« - jetzt muß sich das Stadtparlament mit dem Drama beschäftigen. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Das Stück soll, so will es das Vermächtnis des Verstorbenen, in der Stadt uraufgeführt werden, von der es handelt. Aber Frankfurt ist um Rainer Werner Fassbinders Frankfurt-Drama »Der Müll, die Stadt und der Tod« bislang immer herumgekommen.

Dreimal hat das Stück um einen reichen Juden und Grundstücks-Hai bislang für Eklats gesorgt. 1975, als Fassbinder mit den Proben begonnen hatte, platzte das Projekt, und Fassbinder ging.

Im Jahr darauf sollte der Text bei Suhrkamp erscheinen. Der Verlag stoppte die Auslieferung, nachdem Joachim Fest, Herausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, im Müllstück antisemitische Tendenzen erkannt hatte.

Im vorigen Jahr schließlich feuerte Frankfurts Kulturdezernent Hilmar Hoffmann den Generalmanager Ulrich Schwab, der das Stück an Frankfurts Alter Oper aufführen wollte.

Nun aber wird es ernst. An Frankfurts Schauspiel haben die Proben begonnen, ein Termin für die Uraufführung steht schon fest: Am 31. Oktober will der neue Schauspieldirektor Günther Rühle mit Fassbinders »Müll«-Stück reinen Tisch machen.

Der Streit um Fassbinder, Runde '85, begann moderat. Die Jüdische Gemeinde protestierte, ein Brief der B'nai-B'rith-Loge bat Rühle höflich um »Überprüfung« seines Entschlusses.

Frankfurts CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann zeigte sich vom Gedanken an eine Aufführung des Fassbinder-Stücks nur »bedrückt«. SPD-Kulturdezernent Hilmar Hoffmann sekundierte (wie schon im Jahr zuvor): »Nach Auschwitz können wir uns keine Mißverständnisse und keine Naivität leisten.« Gleichwohl solle Rühle spielen, wenn er das verantworten könne.

In der vorigen Woche wurden die Töne schriller. Wallmann solle »sich nicht einschüchtern lassen«, forderte am Dienstag die Frankfurter Ausgabe der »Bild«-Zeitung. Tags darauf legten drei Frankfurter Politikerinnen von CDU, SPD und FDP rund 400 Unterschriften vor und drohten gleich »weitere Vorhaben« an: Genau »1 Stunde vor Beginn der Vorstellung« werde vor dem Frankfurter Kammerspiel eine machtvolle Demonstration stattfinden. Am Donnerstag dieser Woche schließlich wird sich das Parlament, die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, mit dem Thema beschäftigen.

Dann, so hoffen die Protestierer, steht das »Müll«-Drama wieder auf der Kippe.

Das Kolportage-Stück bietet Angriffsflächen zuhauf, am empfindlichsten bei Fassbinders Hauptfigur, lediglich »Der reiche Jude« genannt. Der Grundstücksspekulant kauft alte Häuser auf, läßt sie einreißen und baut neue.

Zum Schluß des ungeschlacht gebauten und eilig hingeschriebenen Dramas, nach einer kalten Liebesaffäre mit der Hure »Roma B.«, bringt der Jude die Frau um. Der Polizeipräsident deckt den Mörder: »Die Stadt schützt mich, das muß sie. Zudem bin ich Jude.«

Das Drama ist durchsetzt mit Couplets, Opernduetten, Tango-Einlagen. In der Anfangsszene parlieren Menschen auf einer Mondlandschaft - Hommage an Gerhard Zwerenz' Frankfurt-Roman »Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond«, dem Fassbinder die Motive entnommen hat. In einer »Müll«-Verfilmung (1976) von Daniel Schmid, »Schatten der Engel«, wirkte Fassbinder als Schauspieler mit.

Weder Zwerenz' Buch noch Schmids Kino-Bild erregten anderswo übermäßig hohes Aufsehen. In Frankfurt aber wirkte die Mischung - Huren, jüdische Spekulanten, Filz - brisant wie eh und je. Und immer, wenn Frankfurts politische Denker über ihren »Müll« diskutierten, waren die Erkenntnisse überwältigend.

Theater, erkannte in diesem Jahr die SPD-Lokalgröße Frolinde Balser, Mitglied in der Damenriege gegen Fassbinder, befasse sich »eigentlich auch mit Kunst«, von der sie eine »Folgeabschätzung« forderte, wie sie auf »anderen Gebieten des Geisteslebens« schon lange geübt werde: »Die Kunst muß das endlich auch einmal lernen.«

Nicht minder wuchtig hatte die Grünen-Sprecherin Jutta Ditfurth 1984 getönt, deren Partei auch heute uneingeschränkt für das »Müll«-Stück eintritt. Ditfurth ortete im Streit um Antisemitismus und Pornographie einen »Schleim«, der zwar »unsichtbar«, aber dennoch »mit scheinheiligem Pathos« ausgestattet sei. Ditfurths Verheißung: »Die Grünen werden Mittel und Wege finden, zumindest den Text des Fassbinder-Stücks der Öffentlichkeit doch noch zugänglich zu machen« - was dem Frankfurter Verlag der Autoren inzwischen mit besten Geschäftsergebnissen gelingt.

Die Flut von Artikeln, Resolutionen und Gegenresolutionen belegt, wie Mißverständnisse, Halbwahrheiten und Fehlinterpretationen sich durch die (fast zehn Jahre dauernde) Diskussion schleppen. Heiko Holefleisch und Dietrich Hilsdorf, der Dramaturg und der Regisseur des Stücks, haben es während der Vorarbeiten dokumentiert.

Als erster griff »FAZ«-Herausgeber Joachim Fest daneben. Bei seinem Versuch, den Linken im allgemeinen und Fassbinder im besonderen Antisemitismus anzuhängen, zitierte das Blatt beispielsweise den Satz: »Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen.« Allerdings: Den Satz spricht ein als solcher kenntlich gemachter Antisemit.

Selbst »Zeit«-Theaterfachmann Benjamin Henrichs unterlief ein Mißgeschick: Fassbinder zeichne seinen Juden als »fett und geil und häßlich«, der Unhold sei mit einem Schwanz bestückt »dick wie eine Bierflasche«. Es handelt sich bei dem Zitat aber nicht um Fassbinders Figurenbeschreibung, sondern um bewußt falsche Sätze, die die Hure ihrem eifersüchtigen Zuhälter entgegenschleudert.

Bei der Rekonstruktion des Dauerkrachs stießen Holefleisch und Hilsdorf nebenbei auf den vollständigen Text eines Fassbinder-Briefs, in dem der Dichter 1976 sein Frankfurt-Stück verteidigt hat. Dieser Brief wurde weithin abgedruckt. Ein politisch heikler Satz freilich fehlte: »Die Stadt läßt die vermeintlich notwendige Dreckarbeit von einem, und das ist besonders infam, tabuisierten Juden tun, und die Juden sind seit 1945 in Deutschland tabuisiert, was am Ende zurückschlagen muß, denn Tabus, darüber sind doch wohl alle einig, führen dazu, daß das Tabuisierte, Dunkle, Geheimnisvolle Angst macht und endlich Gegner findet.«

Zumindest mit den Begriffen »Tabu« und »Angst« argumentiert auch Schauspieldirektor Rühle. Er sieht Fassbinders reichen Juden als Theaterfigur, die »wie eine Sonde« in eine »belastete Gesellschaft« eingeführt wird - das »Müll«-Werk mithin als ein schmerzhaftes Lehrstück über den Antisemitismus.

Kulturdezernent Hoffmann, Gegner des Stücks, hegt wenigstens die Hoffnung, daß es dem Regisseur gelinge, mit seinem Juden-Darsteller die Motivation des Spekulanten verstehbar zu machen - Rache für erduldetes Leid seines Volks. Denn Fassbinders »reicher Jude« ist die einzige »Müll«-Figur, die sich für ihr Handeln verantwortet, während die anderen gut deutsch alle Schuld von sich weisen.

Die guten Absichten des Schauspieldirektors, des Regisseurs und Fassbinders möchten die meisten Gegner nicht infrage stellen. Frankfurts Juden aber treibt eine Angst um, die auch die sensibelste Aufführung, so sie denn zustande kommt, nicht beseitigen wird. Michel Friedman, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde und mit 29 Frankfurts jüngster CDU-Parlamentarier: »Selbst bei allen edlen Ambitionen - von nun an wird jeder das Stück spielen können, auf der ganzen Welt und wie er will« - hypothetisch vorausgesetzt natürlich, die Rechte-Inhaber zögen mit.

Dann, so Friedmans Befürchtung, könnten auch unbedarfte Regisseure das Drama inszenieren. Oder gar Neonazis und dann als antisemitisches Schmierstück.

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