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SPRACHE / GRUNDDEUTSCH Auf der Kippe

aus DER SPIEGEL 23/1968

»Der Einfluß des deutschen Sprachanteils«, bekennt Werner Ross, Direktor des »Goethe-Instituts zur Pflege deutscher Sprache und Kultur im Ausland«, »steht im ganzen Wissenschaftsbereich auf der Kippe.«

In den USA ist der Anteil des Deutschen im Fremdsprachenunterricht von 24,5 Prozent vor dem Ersten Weltkrieg auf heute etwa acht Prozent gesunken.

Japanische Universitätsprofessoren raten ihren Studenten, als zweite Fremdsprache neben Englisch lieber Russisch oder Französisch zu lernen.

Italienische Schüler haben von Jahr zu Jahr ein geringeres Interesse an der deutschen Sprache. In den italienischen Hauptschulen waren für 1966 nur noch 205 Lehrer-Planstellen für Deutsch vorgesehen. Dagegen: 3339 für Französisch und 1297 für Englisch.

Das New Yorker »Institute of Technology« plädierte dafür, Deutsch als Pflichtfach zu streichen. Eine Untersuchung ergab, daß 55 Prozent aller in den Jahren 1964/65 eingereichten technisch-naturwissenschaftlichen Dissertationen keinen Hinweis auf deutsche Forschungsergebnisse enthielten.

An der Universität Belgrad studierten im Wintersemester 1966/67 nur rund 200 Studenten deutsche Sprache und Literatur im Hauptfach. Vor zehn Jahren waren es noch fast 500 Studenten.

Nur »Werbung im großen Stil«, so kommentiert Institutsleiter Ross die Alarm-Meldungen seiner ausländischen Dependancen« kann verhindern, daß deutsch abgefaßte Publikationen von der Wissenschaft in absehbarer Zeit nicht mehr zur Kenntnis genommen werden

Um für die Muttersprache von 90 Millionen Mitteleuropäern effektvoll zu werben, will das in München ansässige Goethe-Institut gemeinsam mit dem Mannheimer »Institut für deutsche Sprache« ein »Grunddeutsch« erarbeiten. Damit soll dem bei Ausländern als »altmodisch, schwerfällig, nur für Spezialisten wichtig« verrufenen Deutsch das Odium genommen werden, es sei »das Latein der modernen Fremdsprachen«.

Das Grunddeutsch beschreibt Gerhard Kaufmann von der Wissenschaftlichen Arbeitsstelle des Goethe-Instituts als »verkleinertes Funktionsmodell, das systemhafte Gegebenheiten der Sprache widerspiegelt« und damit für Ausländer schneller und leichter erlernbar ist.

Zu diesem Zweck wurden erst einmal Computer mit 27 für die geschriebene Gegenwartssprache repräsentativen Texten -- von Thomas Mann bis zur »Bild-Zeitung« -- und mit etwa der gleichen Anzahl Tonbandaufnahmen von der Umgangssprache gefüttert. Die Computer stellten fest,

* wie oft, in welcher Zusammensetzung und Bedeutung (allein ein Wörtchen wie »als« hat vier Hauptfunktionen) bestimmte Wörter vorkommen;

* welche Satzstrukturen und Satzbaumuster besonders häufig sind. Aus vier bereits vorhandenen Worthäufigkeitslisten und dem Wortmaterial von Thomas Mann, »Bild« und Umgangssprache selektierte Kaufmann 3200 besonders häufig vorkommende, also auch für ein vereinfachtes (Grund-)Deutsch offenkundig unerläßliche Wörter (geschätzte Gesamtzahl deutscher Wörter: 350 000).

Etwas anders verfuhr Kaufmann bei den Satzbaumustern. Er strich literarische, selten verwandte Satzkonstruktionen und reduzierte die Zahl der Muster auf elf leicht oder relativ leicht erlernbare, die aber unerläßlich bleiben. Das einfachste Muster: »Die Angelegenheit eilt« -- das schwierigste: »Wir verhandeln mit ihm über den Abschluß eines Kaufvertrages.«

Im vergangenen Jahr gab Kaufmann die erste »Grammatik der deutschen Grundwortarten« heraus. Diese Grammatik ist aber nur »als Grundlage zur Datenverarbeitung« gedacht und daher für Lehrer und Laien unverständlich. Anfragen von Deutschlehrern aus dem Ausland nach Unterlagen werden vorerst vom Goethe-.Institut noch mit dem Hinweis beantwortet: »Gedulden Sie sich noch zwei bis drei Jahre.«

Immerhin ermöglicht die Münchner Grundwörter-Kartei schon jetzt die Planung einzelner Schritte im Grunddeutsch-Unterricht.

Will etwa ein Lehrer die Passivbildung mit schwachen, intransitiven Verben üben, die ein Objekt mit der Präposition »auf« bei sich haben können (zum Beispiel: verzichten, achten, antworten), so sucht der Computer diese heraus -- aber keineswegs alle, sondern nur gebräuchliche.« Entgegnen« lehnt der Computer als zu hochgestochen ab.

Um den Deutschunterricht im Ausland in jeder Beziehung ökonomisch zu gestalten, versuchen die für das Goethe-Institut tätigen Wissenschaftler auch, ein »Wissenschaftsdeutsch« zu erarbeiten.

Weil ausländische Wissenschaftler und Studenten oft nur so viel Deutsch lernen möchten, wie sie brauchen, um deutsche Beiträge ihres Fachgebiets zu verstehen, wurden Texte aus 40 wissenschaftlichen Gebieten -- von der Astronomie bis zur Zoologie -- daraufhin untersucht, ob sich neben den international häufig gleichlautenden Fachausdrücken Wortbildungs- und Satzbauformen finden lassen, an denen jedes Fach teilhat.

Bisheriges Ergebnis der Auszählung von 100 000 Wörtern aus den 40 Texten: »Die Sprache des Demonstrierens, Argumentierens und Schlüsseziehens ist weitgehend allen gemeinsam.«

Die Deutschen fingen erst spät damit an, sich in ihrer Sprachforschung vom Alt- und Mittelhochdeutschen loszureißen. Die »Sprache muß gegenwartsbezogen betrachtet werden«, empfiehlt der Direktor des Mannheimer Instituts, Paul Grebe, und man sollte sich auch nicht scheuen, sie einer Reinigung durch Computer zu unterziehen.

In der Bundesrepublik gibt es bis heute keinen Lehrstuhlinhaber für reine Sprachwissenschaft. Unter den Germanisten in München und Mannheim, die für das Goethe-Institut die »Grundstrukturen der deutschen Sprache« herauspräparieren sollen, ist keiner, der sich in Gegenwartsdeutsch habilitiert hat. Als »peinlich« bezeichnet es Werner Ross, daß in der internationalen Organisation der Professoren für angewandte Sprachwissenschaft kein Deutscher ist, »weil es keinen gibt«.

So ist denn auch die Erfassung des gesamten aktuellen Sprachinventars in Westdeutschland und für das Deutsche ohne Vorbild. Trotzdem ist Ross optimistisch. Die Arbeit der 17 in München und Mannheim tätigen Germanisten, so hofft er, werde dazu beitragen, daß »Deutsch in hundert Jahren neben Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch bestehen kann«.

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