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RAUBKUNST Auf der Spur des Verlorenen

Die Erben der Künstlerwitwe Sophie Lissitzky-Küppers fordern seit Jahren ein Klee-Bild aus dem Münchner Lenbachhaus zurück - jetzt schöpfen sie neue Hoffnung.
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 8/2009

Der Titel des Bildes wirkt rätselhaft: »Sumpflegende«. Zugleich ist er die treffende Metapher für das abenteuerlich verworrene Schicksal dieses Gemäldes. Paul Klee (1879 bis 1940) hat es 1919, ein Jahr vor seiner Berufung an das Bauhaus in Weimar, auf Karton gemalt: eine dörfliche Welt, die zerfällt und die noch in der Auflösung, im Durcheinander von Dächern, Fenstern und Bäumen, wie ein Bildmärchen in Rotbraun, Hellgrün, Grau und Weiß wirkt. Aus der kleinen Kirche reckt sich der Kopf eines Ungeheuers, sein böser Blick scheint das Gepurzel der Dinge verursacht zu haben.

Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war es durchaus nicht absurd, das aktuelle Lebensgefühl in solch schrecklichschönen Visionen zu verdichten. Sophie und Paul Erich Küppers - der Mitgründer und Leiter der hannoverschen Kestnergesellschaft - erwarben das Bild, das heute als ein Hauptwerk des Kubismus gilt, kurz nach seiner Fertigstellung: als Grundstein ihrer privaten Kunstsammlung, die auch Namen wie Kandinsky und Kirchner aufwies.

Heute hängt das Bild, das die Nazis beschlagnahmt hatten und dessen Wert auf über zwei Millionen Euro geschätzt wird, als Leihgabe im Münchner Lenbachhaus. Es gehört zu gleichen Teilen der Stadt München und der privaten Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung. Sie erwarben die »Sumpflegende« 1982 für umgerechnet rund 350 000 Euro von einer Schweizer Galerie.

Doch über die Rechtmäßigkeit des Kaufs entflammte ein Streit, der bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist. 1992 versuchte der einzige noch lebende Sohn von Sophie Küppers, Boris, genannt Jen, das Gemälde aus einer Ausstellung im Berliner Alten Museum sicherstellen zu lassen - er scheiterte vor Gericht.

Jen, der Sohn aus Sophies zweiter Ehe mit dem russischen Avantgarde-Maler El Lissitzky, lebt heute in Spanien. Er gibt nicht auf und hat, wie auch drei Enkel von Sophie, neue Hoffnung geschöpft. Seit kurzem gibt es dafür einen guten Grund. Die Kunstdetektive Melissa Müller und Monika Tatzkow haben im Münchner Sandmann-Verlag nach jahrelangen Recherchen das Buch »Verlorene Bilder - Verlorene Leben« (Untertitel: »Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde") veröffentlicht; darin wird die Irrfahrt der »Sumpflegende« etwas anders dargestellt, als sie bisher gesehen wurde.

Die neuen Fakten: Sophie Lissitzky-Küppers hat das Eigentum an Klees »Sumpflegende« niemals verloren. Das Bild wurde zwar aus der Landesgalerie Hannover, wo es als Leihgabe hing, 1937 von den Nazis eingezogen; aber es durfte nie enteignet werden, weil - so ein Gesetz von 1938 - »Nicht-Reichsangehörigen« die 1937 als »entartet« angeprangerten und beschlagnahmten Beispiele der modernen »Verfallskunst« (Joseph Goebbels) wieder »zur Verfügung zu stellen« waren.

Im Falle von Lissitzky-Küppers geschah dies aber nicht, obwohl sie als Bürgerin der Sowjetunion in der Nähe Moskaus lebte. Unter den Nazis galt sie als »jüdisch-bolschewistisch« versippt, weil sie mit dem jüdischen Künstler El Lissitzky verheiratet war; so übergab man das Klee-Bild lieber dem Händler Hildebrand Gurlitt, der »entartete Kunst« gegen Devisen ins Ausland verkaufte, dies Werk aber vorerst behielt.

Dem Verlust des Klee-Bildes liegt also gar kein Enteignungsvorgang zugrunde, der verjähren könnte. Rechtlich blieb es stets das - bloß vorübergehend verschwundene, 1962 dann in Köln plötzlich aufgetauchte und versteigerte - Eigentum der Familie Lissitzky-Küppers.

Anlässlich der Versteigerung zeigte sich das Landesmuseum Hannover zunächst interessiert; schließlich hatte das Bild ja einmal dort gehangen. Man entschied sich dann aber »aus rechtlichen Gründen« gegen einen Kauf. Die Hannoveraner wussten, dass auf der Rückseite des Bildes der Name von Frau Lissitzky zu lesen ist - und dass es ihr auch aus antisemitischen Gründen vorenthalten worden war.

Die Münchner kannten derlei Skrupel nicht und griffen zu. Haben sie das Bild wirklich »gutgläubig« erworben, wie das Landgericht 1993 meinte? Hat man nie mit Hannover telefoniert? Andererseits: Ist es überhaupt recht und billig, den 27 Jahre zurückliegenden Erwerb eines Bildes, das zuvor 20 Jahre im internationalen Kunsthandel herumgereicht wurde, jetzt noch rückgängig machen zu wollen?

Es gibt einen Präzedenzfall: Im Jahr 2002 hat die Schweizer Fondation Beyeler Kandinskys »Improvisation 10«, die ebenfalls Sophie Lissitzky-Küppers gehört hatte, zwar nicht zurückgegeben. Aber man hat einer außergerichtlichen Einigung zugestimmt, die den Erben eine Entschädigung in zweistelliger Millionenhöhe zusprach. Bewirkt hat dies auch die »Washingtoner Erklärung« von 1998, in der sich 44 Staaten verpflichteten, bei »NS-verfolgungsbedingten« Vermögensverlusten nicht mehr auf Verjährungsfristen (in Deutschland 30 Jahre) zu pochen.

Die Münchner aber geben nicht nach. Als ein Leipziger Anwaltsbüro jetzt um eine Neuverhandlung der Sache bat, erhielt es einen wortkargen Brief des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude, der feststellt, die Washingtoner Erklärung sei hier »nicht anwendbar«. Ude zum SPIEGEL: Das Urteil von 1993 sei »rechtskräftig«, der Verlust des Bildes habe »nichts zu tun mit rassistischen oder politischen Gründen, die in der Person des Enteigneten liegen«. Ursache der Enteigung sei »allein das Werk selbst« gewesen, das die Nazis als »entartet« einschätzten.

Kunstexpertin Tatzkow hält diese Argumente, wie sie dem SPIEGEL sagte, nicht nur für »fehlerhaft«- ein Sohn von Sophie war im KZ -, sie findet auch Udes entsprechenden Brief »skandalös unsensibel«.

Die Lissitzky-Anwälte wollen indes vor einem US-Gericht die Ansprüche der Erben feststellen lassen. Die US-Justiz kann die Rückgabe zwar nicht anordnen, aber erheblichen moralischen Druck ausüben. MATHIAS SCHREIBER

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