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KUNST Auf der Warteliste

Deutsche Konstruktivisten, lange Zeit wenig beachtet, kommen zu Ansehen und Markterfolg.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Vor vierzig, fünfzig Jahren stritt der Maler Walter Dexel auf vorgeschobenem Posten für eine konstruktive Kunst; später mußte er die Produktion einstellen und geriet in Vergessenheit. Heute endlich, mit 81, ist Dexel wieder wer: Sein Werk wird ausgestellt und publiziert und auch gekauft.

Mit dieser Kurve seiner Vita und seines Ruhms ist Dexel kein Sonderfall; vielen deutschen Konstruktivisten erging es ähnlich. Seit je im Schatten der bedeutenderen Russen und Niederländer, wurden sie nach Berufsverbot und Krieg bei weitem nicht so eifrig rehabilitiert wie ihre Landsleute aus der expressionistischen Schule. Deutsche Maler geometrischer Formenstrenge wurden -- mit Ausnahme des längst weltberühmten US-Emigranten Josef Albers --erst im vergangenen Jahrzehnt, in hohem Alter oder auch postum, allmählich von einer »Renaissance des Konstruktivismus« (so der Kölner Kritiker Horst Richter) eingeholt.

Dexel etwa kam schrittweise zu öffentlicher Aufmerksamkeit, nachdem 1961 einige seiner Bilder bei einer Berliner Gedächtnisausstellung für die historische Avantgarde-Galerie »Der Sturm« gezeigt worden waren. Jetzt ist sein OEuvre umfassend in der Kunsthalle Hamburg ausgebreitet, deren Direktor Werner Hofmann demnächst auch eine repräsentative Dexel-Monographie vorlegt. Einen Prachtband über den Dexel-Kollegen Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 bis 1962) hat unlängst der holländische Kunsthistoriker Hans Jaffé publiziert -- auch dieser Künstler, der voriges Jahr eine Retrospektive in Mannheim und dann in den USA hatte, ist endgültig von der »Warteliste der Übersehenen« (Hofmann> zu streichen*.

Derweil versucht sich die Kölner Galerie Gmurzynska-Bargera an einer Konstruktivisten-Obersicht »Deutsche Avantgarde 1915-1935« und hat dafür annähernd 200 Werke von 30 Künstlern zusammengebracht.

Die saßen in »Keim- und Operationszellen über das ganze Land hin« verteilt (Richter im Ausstellungskatalog) und brachten -- abseits eines strengen Dogmas. wie es der Niederländer Piet Mondrian vertrat -- meist einen »offenen, modulationsfähigen Konstruktivismus« hervor (Hofmann).

Dexel. der als promovierter Kunsthistoriker den Kunstverein in Jena leitete. aber auch als Gebrauchsgraphiker und Bühnenbildner arbeitete, hielt sich beim Malen konsequent an die exakte, abstrakte Geometrie -- ähnlich wie Vordemberge in Hannover, wo der Russe El Lissitzky 1927 sein »Abstraktes Kabinett« auch mit Dexel- und Vordemberge-Bildern einrichtete.

Erich Buchholz in Berlin, jetzt 80, gestattete sich freihändige, gleichsam organische Abweichungen von der mathematischen Figur. Der heute 74jährige Architekt Robert Michel brachte in Frankfurt verschränkte Gebilde zu Papier. die wie Grundrisse für Phantasieschlösser anmuten, und eine Kölner »Gruppe progressiver Künstler« suchte mit geometrisierten Menschen-Bildern politisches Engagement.

Die deutschen Konstruktivisten. soweit sie nicht wie Vordemberge emi-

* Werner Hofmann: »Der Maler Walter Dexel«. Josef Keller Verlag. Starnberg; 72 Seiten; 24.50 Mark. Hans L. C. Jaffé: »Vordemberge-Gildewart«. Verlag M. DuMont Schauberg. Köln; 144 Seiten; 78 Mark.

grierten (in die Niederlande), mußten zumindest in der Nazi-Zeit pausieren; bei manchen aber ist die Werk-Lücke weit größer: Buchholz hatte sich bereits 1925 aufs Land zurückgezogen und die Kunst für 20 Jahre aufgegeben, der Hamburger Graphiker und Teppichweber Max Olderock, heute 76, nahm erst 1955 die künstlerische Arbeit wieder auf, Dexel 1961.

Der Alt-Abstrakte, der als Buchautor und Chef der »Formsammlung« in Braunschweig ausgehalten hatte, vollzog seinen Neubeginn als Rück-Schritt: Er malte seine Bilder zunächst nach alten Skizzen und findet es auch heute noch »ganz vernünftig«, klassische Dexel-Motive in neuen Siebdruck-Editionen zu verbreiten. Die Stuttgarter Galerie Müller ließ Vordemberge-Blätter sogar noch acht Jahre nach dem Tod des Künstlers drucken.

Soldie Remakes gehorchen dem Druck des Markts. Denn frische Einfälle der alten Herren sind weit weniger gefragt als ihre Erfindungen von dazumal -- die aber mehr und mehr.

Bilder Vordemberges zum Beispiel sind in den beiden letzten Jahren an Museen in Hamburg, Düsseldorf und Münster verkauft worden. Die Preise der einigermaßen seltenen Stücke (nach der Zählung des Monographen Jaffé sind insgesamt rund 190 erhalten) stiegen dabei kräftig an: allein seit der Mannheimer Ausstellung um ein Viertel. Große Formate kosten jetzt bis 60 000 Mark.

Konstruktivistische Klein-Kunststücke weniger berühmter Meister sind aber in der Kölner Ausstellung noch ziemlich wohlfeil zu bekommen -- so Aquarelle des einstigen »Sturm«- Redakteurs Lothar Schreyer um 2000 und winzige Olderock-Blätter selbst für 200 und 300 Mark. Galeristin Antonina Gmurzynska findet das »fast umsonst« und rät den Kunden dringend, »zuzugreifen«. Sie fügt hinzu: »Die tun das auch.«

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