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»AUF DERSELBEN SEITE DER BARRIKADE«

Geht die Apo zur DKP über? Einigen sich Westdeutschlands Anarchisten und Kommunisten auf die Rate-Idee? Das hofft jedenfalls der Ost-Berliner Philosoph Wolfgang Harich, 49, van 1956 bis 1964 wegen staatsfeindlicher Umtriebe in Haft und derzeit freier Mitarbeiter des Akademie-Verlags. Er untersucht in einem, van der SED nicht genehmigten, in der Baseler »edition etcetera« erschienenen Buch die Zukunftsperspektive der Neuen Linken*. Diesem Buch, dem ein Harich-Aufsatz im »Kursbuch« 19 voranging, sind die folgenden Auszüge entnommen.
aus DER SPIEGEL 6/1971

Da ist sie wieder, die »Propaganda durch die Tat« -- in Reinkultur. Fast hundert Jahre hat diese gute alte Oma nun schon auf dem Buckel, doch mit dem frischen Pariser Rouge von 1968 auf den Runzeln wirkt sie beinahe wieder jugendlich, zumal sie es immer noch nicht verlernt hat, den Sex -- den freien, nichtfamiliären, versteht sich -- viel wichtiger zu finden als alle Politik. Reformismus? Sicher nein, wenn man an die manierlichen, nie mit faulen Eiern werfenden, nie die Familie in Frage stellenden Sozialdemokraten denkt, die, etwa in Bonn, an so vielen schönen Reformprojekten, vom Strafvollzug bis zum Autobahnverkehr, basteln. Aber ja, unbedingt ja, wenn man an die Funktion des Reformismus denkt, progressive soziale Impulse in vielfältiger Verzettelung so abzureagieren, daß das kapitalistische System davon nicht im geringsten berührt wird. Wie man sich innerkapitalistisch nützlich machen kann, kann man sich auch Innerkapitalistisch mausig machen -- das System bleibt stehen. Während Minister Jahn die Strafgefangenen Volleyball spielen läßt und für adrette Tischdeckchen in ihren Zellen sorgt, sucht Revolutionär Cohn-Bendit ein neues Verhältnis zu seiner Freundin. Während Minister Leber nein sagt zu den Fernlastern auf der Autobahn, sagt Revolutionär Cohn-Bendit nein zur Familie. Schön und gut, doch was ändert das eine wie das andere an den herrschenden Besitzverhältnissen, was an dem staatlichen Machtapparat, der diese Verhältnisse schützt?

Die ganze anarchistische Konzeption, Freiheiten des künftigen herrschaftslosen Zustandes in die Gegenwart hineinzuziehen, nichtautoritäre Verhaltensweisen Inmitten der autoritären Gesellschaft vorzuleben, ist im Kern reformistisch oder weist zumindest unverkennbare Analogien zum Reformismus auf. Sie kann praktisch kein anderes Ergebnis haben, als daß der Kapitalismus mit neuer Innenpolsterung nunmehr auch in solchen Ecken und Winkeln ausgestattet wird, die von den sozialdemokratischen Polsterern bislang übersehen wurden. Und mit neuen, grellbunten Tapeten! »Das Leben bei uns in der Bundesrepublik ist durch underground viel farbiger geworden«, äußerte jüngst eine versnobte Dame aus dem Westen zu dem Verfasser dieser Zeilen. Viel farbiger, in der Tat, und das hat gerade noch gefehlt! »Untergrund« hieß einst die Illegalität unter Lebensgefahr kämpfender politischer Verschwörer. »Underground« nennt sich -- welche Blasphemie! -- das äußerstenfalls gegen irgendeinen längst aufgeweichten alten Sittlichkeitsparagraphen verstoßende »Anti-Milieu«, worin der Neoanarchismus dem Mißbehagen an der »Wohlstandsgesellschaft« auch die letzten Gelegenheiten nimmt, systemgefährdend zu werden, und überdies dem business durch Kreierung schnell wechselnder, provokanter, knalliger Moden früher ungeahnte Absatzmärkte erschließt.

Man täusche sich nicht! Das von der »Propaganda durch die Tat« gelieferte Innenpolster kann für die Herrschenden durchaus komfortabel sein, auch wenn es aus Rebellionen besteht, und gerade dadurch.

Die Cohn-Bendits beurteilen den Mai/Juni als eine echte revolutionäre Situation, aus der die lohnabhängigen Massen Frankreichs als Sieger, als Herren der Produktion, hätten hervorgehen können und hervorgehen sollen. Der französischen Gewerkschaftsbürokratie, mit Einschluß der führenden Funktionäre und des Apparats der CGT, sowie der parlamentarischen Linken, von Waldeck Rochet bis Mitterrand, werfen sie dementsprechend vor, verantwortlich dafür zu sein, daß das nicht geschah, daß die einzigartige Chance, ein führendes Industrieland des Westens aus dem kapitalistischen System herauszubrechen und zur Bastion des Sozialismus zu machen, vertan wurde. Und so weit ist Ihnen zuzustimmen. Wenn nahezu die gesamte arbeitende Bevölkerung eines kapitalistischen Landes -- 10 Millionen Arbeiter und Angestellte einer nur knapp 50 Millionen Menschen zählenden Nation -- fünf Wochen lang streikt, die Betriebe besetzt hält, sich ansatzweise bereits Organe einer Räteherrschaft zu schaffen beginnt, und bei alledem in genialer Improvisation sogar die eigene Versorgung, wie auch die der unbeteiligten Bevölkerungskreise, zu sichern weiß, dann ist es nicht mehr Ausdruck revolutionärer Ungeduld, von einer Situation zu sprechen, die endgültig zugunsten der Arbeiterklasse entschieden werden kann.

Wochenlang, bis zum 29. Mai, der Reise de Gaulles zu seiner Generalität nach Baden-Baden, lag in Frankreich die Macht praktisch auf der Straße. Wochenlang also hätte die KPF, eine Partei mit ungefähr 450 000 disziplinierten, klassenbewußten Mitgliedern und einem weitverzweigten, marxistisch geschulten Funktionärsapparat, Gelegenheit gehabt, von der betrieblichen und kommunalen Basis her ein Rätesystem zu errichten, vor dem, bei kluger Taktik seiner politischen Führung, die offizielle Regierung Immer weiter hätte zurückweichen müssen, ohne von ihren Machtmitteln noch nennenswert Gebrauch machen zu können. Wenn das versäumt wurde, so ganz sicher deswegen, weil Zentralkomitee und Parlamentsfraktion, ver-

»Wolfgang Harich: »Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus«. edition etcetera, Basel; 120 Seiten; 10 Mark.

knöchert in der Routine der Legalität, eingeschworen auf den friedlichen, parlamentarischen Weg, den Rätegedanken vergessen hatten. So hat der Mai/Juni 1968 nicht nur das Vorurteil widerlegt, daß die Arbeiterklasse in den Kapitalismus integriert sei. Er hat auch bewiesen, daß es immer noch, wie ehedem, der Bourgeoisie nützt, wenn Arbeiterführer sich unter dem Eindruck einer allzu lang anhaltenden Ebbe der revolutionären Bewegung auf legalistische Konzeptionen festlegen.

Was aber hat -- so ist zu fragen -- in dem Buch der Cohn-Bendits ("Linksradikalismus -- Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus"), das diesen Standpunkt verdienstvollerweise durch zahlreiche Fakten erhärtet, die Verwerfung der »stalinistisch-jüdisch-christlichen« Opferbereitschaft zu suchen? Es läßt sich doch nicht leugnen, daß die darin angegriffenen Politiker und Gewerkschaftsführer ihr Verhalten während des Mali Juni vor allem mit dem Argument gerechtfertigt haben, dem französischen Volk müßten die Opfer einer bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung mit dem Machtapparat der herrschenden Klassen erspart bleiben. Wer, wie die Cohn-Bendits, geradezu eine Weltanschauung daraus macht, der Revolution die Opfer zu verweigern, die sie noch stets gefordert hat, der mußte im Frühsommer 1968 die reformistische, auf Beschwichtigung der Arbeiter abzielende Taktik dieser Kräfte unterstützen, der hat jedes Recht verwirkt, sie zu kritisieren oder gar ihnen Verrat vorzuwerfen.

Und in welcher Revolution dieses Jahrhunderts hat der Reformismus sich eigentlich noch nicht in der Absicht, Opfer unbedingt zu vermeiden, auf die Seite der Herrschenden gestellt? Der heiligste politische Grundsatz aller Reformisten besagt, daß der Verwirklichung des Sozialismus unter keinen Umständen die Herrlichkeiten der bürgerlichen Demokratie -- der Parlamentarismus, das »pluralistische« Parteiensystem, die Pressefreiheit (die für Hugenberg oder Springer nicht ausgenommen) -- zum Opfer fallen dürften. Nach diesem Rezept wurde zum erstenmal -- man weiß, mit welchem Ausgang -- in der deutschen Novemberrevolution 1918 verfahren, in der übrigens die Sozialdemokraten dem Volk auch materielle Opfer zu ersparen wußten, indem sie nämlich der vom Krieg zerrütteten Wirtschaft keine »kostspieligen Sozialisierungsexperimente« zumuteten und außerdem vor der Drohung einer fortdauernden alliierten Hungerblockade in die Knie gingen. Es ist diese Politik, die mit dem legalistischen Sichfestlegen auf den parlamentarischen Weg und mit der Praxis des Revolutionsverzichts vom Mai/Juni nachträglich gutgeheißen wird, und es ist um nichts weniger diese Politik, der die Cohn-Bendits das Wort reden mit ihrer Losung: »Wir kämpfen nur für uns und nicht für unsere Kinder und wollen daher dem Sozialismus keine Opfer bringen!« Wären die Ebert, Scheidemann, Noske, Legien 1918/19 aufrichtig gewesen, so hätten sie keine passendere Losung auf ihr Panier schreiben können. Denn für die Kinder von damals wurde, im Zeichen der sozialdemokratischen Beteuerung, Ihre Ernährung dürfe nicht gefährdet werden, so wenig gekämpft, so miserabel gekämpft, daß die nicht gestürzten, nicht enteigneten Konzernherren, Bankiers und Großgrundbesitzer sie zwanzig Jahre später, nunmehr mit den Graupensuppen Hitlerscher Feldküchen genudelt, in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs verheizen konnten. *

Mir ist unbehaglich zumute bei dem Gedanken, ein für den Tag geschriebenes, auf den Ton aktueller Fehde gestimmtes Pamphlet von gestern zu publizieren in einem Augenblick, da der darin bekämpfte Gegner sich ohnehin auf dem Rückzug befindet. Ich meine nicht die Neue Linke schlechthin, von der ich glaube, daß man sie irrigerweise für erledigt hält (und die ich im übrigen nie als Gegner empfunden habe). Ich meine den Neoanarchismus, dem sie, jedenfalls in Westeuropa, derzeit in Scharen abtrünnig wird.

... Indes bewegen Schreib-, Setz- und Druckmaschinen sich träger als die in Apo-Köpfen ablaufenden Denkprozesse. Und nicht erst beim Schreiben, schon vor dem Einlegen eines jungfräulichen Farbbands hätte ich darüber nachsinnen sollen, was es zu bedeuten hatte, daß ein versatiler und sensibler Apo-Denker wie Enzensberger, mit den Gleichgesinnten stets in Tuchfühlung, ihnen im Erkennen und unsentimentalen Berichtigen eigener Irrtümer aber meist voraus, offensichtlich umzulernen begann. In früheren Heften hatte sein »Kursbuch« allen Vorlieben des Neoanarchismus reichlich und kritiklos Tribut gezollt. Man kann es nachlesen, wie da im Ausfabeln von »Gegenmilieus« geschwelgt, wie Macht jeder Art und Herkunft in Zweifel gezogen, wie von »Kommunarden« mit andächtigem Ernst über den Pimmel von Klein Egon Tagebuch geführt wurde. Plötzlich war das nicht mehr so. Aus Kuba heimgekehrt, beanstandete Enzensberger wie ein altgedienter Politruk unzulängliche Parteiarbeit der Castro-Kommunisten. Und Im Frühjahr 1969 war das Umdenken bei ihm so weit gediehen, daß er antianarchistische Artikel in Auftrag gab. Wo diese Schwalbe fliegt -- hätte ich mir sagen sollen -, da kann auf der äußersten Linken der Lenz einer neuen Gestalt des Weltgeistes nicht fern sein. Unverhofft war der Lenz da, mitten im Winter.

Und heute? Denkt man an Westdeutschland und West-Berlin, so mehren sich dort die Anzeichen dafür, daß die Neue Linke ihr antiautoritäres Stadium hinter sich gelassen hat, ohne daß es dem reformistischen Regime In Bonn, das mit Amnestie, herabgesetztem Wahlalter und flexiblerer Ostpolitik um die »unruhige Jugend« wirbt, deswegen besser gelingen würde, diese wieder ins System zu integrieren. Unauffällige, kaum telegene Vorgänge wie die vielversprechende Radikalisierung der Jungsozialisten oder das Aufbegehren der Lehrlinge gegen die sie schamlos ausbeutenden Lehrherren sind gesellschaftlich, bedeutsamer geworden als alles, was in den Kreisen der linken Intelligenz und an den Universitäten geschieht.

Unter diesen Umständen erscheint es mehr als fraglich, ob eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus noch auf der Höhe der Situation steht.

Im Jahre 1970 ließe sie sich nur unter der Bedingung verantworten, daß ihr, zusammen mit dem Hinweis auf die ephemere Situation, die sich in ihren unmittelbaren Bezugnahmen auf Zeitereignisse widerspiegelt, eine nunmehr an die Adresse der M. L., der Jungsozialisten und sicher auch der DKP zu richtende Warnung hinzugefügt wird -- die Warnung, es sich mit den neoanarchistischen Genossen nicht zu leicht zu machen, Ihre überragenden Verdienste als Bahnbrecher der gegenwärtigen Radikalisierung von Jugend und Intelligenz nicht zu vergessen und vor allem nie den Fehler zu begehen, sie ihrer abstrusen Ideen und objektiv schädlichen Praktiken wegen als Feinde zu betrachten, die von der revolutionären Bewegung möglichst fernzuhalten seien.

... Ist die Warnung vor Diffamierungen überflüssig? Ich glaube nein. In dem marxistischen »Philosophischen Wörterbuch« (von 1964, letzte Neuauflage 1969) liest man unter dem Stichwort »Anarchismus«, daß unter dessen Vertretern im 19. Jahrhundert Bakunin, als »einer der heftigsten Feinde der revolutionären Arbeiterbewegung«, die »unrühmlichste Rolle« gespielt und sogar »Denunziation und Spitzeldienste« nicht verschmäht habe -- was eine reine Unterstellung ist, für die es nicht den geringsten Beweis gibt. Die »Literaturnaja Gaseta« tat 1968 die Militanten des Neoanarchismus an der West-Berliner FU als Rowdys und Provokateure ab. Im gleichen Jahr ließ sich in Frankreich Georges Marchais dazu hinreißen, Daniel Cohn-Bendit seine Herkunft aus Deutschland vorzuwerfen, während ein nach den Polizeischlachten von Flins veröffentlichtes Kommuniqué der CGT behauptete, es bestünde eine »Komplicenschaft« zwischen der gaullistischen Regierung und den anarchistischen »Unruhestiftern«, und namentlich sei der Neoanarchist Geismar ein »Spezialist der Provokation«, der »im Dienst der schlimmsten Feinde der Arbeiterklasse« handle. In dem 1969 erschienenen Buch »Fetisch Revolution« von Hans G Helms schließlich wird die Neue Linke überhaupt als elitär und faschistisch gebrandmarkt. Ihre Gedanken über die sozialistische Organisation der Arbeit nach der Revolution liefen, so heißt es da, auf »die schöne alte »Utopie' des Konzentrationslagers« hinaus, »über dessen Tor zu lesen stand: »Arbeit macht frei'«; den geistigen Urhebern solcher Projekte sei zu empfehlen, ihre »ökonomische Begabung« dem Bundesverband der Deutschen Industrie zu verkaufen. Und an anderer Stelle: Die Antiautoritären wollten die Revolution gar nicht, sie hätten Angst vor ihr, sie fürchteten, durch sie ihre Privilegien zu verlieren.

Gegen derlei Betätigung von Dreckschleudern ist auf der ganzen Linie Protest am Platze -- Protest und dazu ein deutliches Wort in eigener Sache: Ich wünschte sehr, mein Pamphlet gegen revolutionäre Ungeduld mit dieser Art Anarchismuskritik nicht verwechselt zu sehen.

Vielleicht reicht das gemeinsame Endziel Herrschaftslosigkeit seiner derzeitigen Abstraktheit und Ferne wegen nicht aus, zwischen Marxisten und Anarchisten zivile Umgangsformen einzuführen. Doch es gibt näherliegende Dinge, durch die sie ebenfalls verbunden sind, vergangene und auch gegenwärtige. Sie werden von der gleichen herrschenden Klasse gehaßt und verfolgt. Es eint sie eine glorreiche Tradition gemeinsamen Kampfes, mit der Pariser Commune als Ausgangspunkt. Beide schwören auf den Rätegedanken, der merkwürdigerweise auf beiden Seiten eine Inkonsequenz und Abweichung darstellt. Genuin anarchistischen Ursprungs führt gleichwohl jeder Versuch, ihn zu realisieren, zur Errichtung eines neuen Staates; denn Räteherrschaft herrscht, und zwar sogar diktatorisch. Andererseits hat Marx, für den die Unentbehrlichkeit politischer Herrschaft der Arbeiterklasse außer Zweifel stand, sich vor 1871 darunter kein Rätesystem, sondern die zentralistische Demokratie jakobinischen Typs vorgestellt. Was half es? Die Praxis der Commune belehrte beide Teile eines Besseren, und abermals in Paris brachte erst jüngst der Mai/Juni dies in Erinnerung, als die Enragés unter der schwarzen Fahne, die M. L. unter der roten auf derselben Seite der Barrikade standen, durch die Räte-Idee geeint. Zu hoffen bleibt, daß es bald wieder soweit sei, nur diesmal besser vorbereitet und nicht bloß westlich des Rheins und unter Beteiligung aller, für die Rouge et Noir kein Roman aus dem 19. Jahrhundert ist.

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