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MUSIKTHEATER Auf Moos

In Genf wurde Rolf Liebermanns Oper »Der Wald« uraufgeführt. Mit dieser angeblich »bitteren Komödie« sagt sich der ehemalige Neutöner vom zeitgenössischen Musiktheater los. *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 16/1987

Noch bevor sich der Vorhang hebt, trällert ein Pikkolo munter drauflos. Eine Flöte fällt mit fröhlichem Tirili ein. Schließlich stolziert eine liebestolle Mezzokoloratur-Diva namens Regine an die Rampe und stakkatiert allerlei »Tralala« rauf, runter und wieder ganz rauf.

Wenn dann, vor dem properen Landhaus im ersten Bild, auch noch Regines pubertärer Geliebter Alexis als Koloratursopran in Hosenrolle halsbrecherisch in die Spitzenlagen girrt, gleicht das Grand Theatre in Genf einer einzigen Voliere.

Anfangs macht das Vogelkonzert sogar Spaß: Pfeift da vielleicht einer mit all den lachhaften Koloratorturen auf all die lächerlichen Usancen der Gattung Oper? Veralbert da ein ironischer Insider etwa trillernd die Goldkehlen des Gewerbes und deren aufgeplustertes Gehabe?

Zumindest der Komponist Rolf Liebermann sieht in seiner vierten, am letzten Mittwoch in Genf uraufgeführten Oper »Der Wald« »von A bis Z eine einzige Satire« und damit »eine von Grund auf böse Geschichte«, weshalb er den französisch gesungenen Fünfakter wohl auch als »Comedie amere«, als bitteres Lustspiel, untertitelt hat.

Hätte ja sein können, daß Liebermann, 76, dieser polyglotte Profi, zum Kehraus seiner Karriere, nach erfolgreichen Jahren als Komponist ("Konzert für Jazzband und Symphonieorchester«, »Die Schule der Frauen") und als Opern-Prinzipal in Hamburg und Paris sein Metier einmal souverän auf die Schippe nehmen würde - so wie es, auf sein Geheiß und in seiner Hamburger Amtszeit, dem 1971 noch draufgängerischen Mauricio Kagel mit »Staatstheater« glückte.

Wem, wie Liebermann, »die Krise des total maroden internationalen Opernbetriebs auf die Nerven« geht und »die vollkommene Demoralisierung der Stars« angeblich längst die Lust am Job vermiest hat, der müßte den Federkiel eigentlich mit Wonne in Galle tauchen.

Doch statt dessen hat dieser opernverdrossene Opernnarr sich in den »Wald« des russischen Dramatikers Alexander Ostrowski (1823 bis 1886) geflüchtet, hat dessen ohnehin betulich-harmloses Verwirrspiel von der Librettistin Helene Vida, Liebermanns Frau, zum platten Konversationsstück roden lassen und dem literarischen Kahlschlag nur noch Noten auf handgeschöpftem Büttenpapier unterlegt - Musik von erlesenem Design,

vergleichbar den Lederwaren aus dem Atelier Luis Vuittons, der die Premiere gesponsert und deren prominenteste Gäste lukullisch abgefüttert hat.

»Ein Stück so richtig für Sänger« wollte Liebermann schreiben. Hat er, die Stimmen stimmen wie bei Bellini, Donizetti, Massenet. Es gibt Arien nach alter Vätersitte, Duette, die die Sänger in keuscher Umarmung auf den Knien von sich geben, und im Finale sogar ein regelrechtes Ensemble.

»Auf keinen Fall« wollte Liebermann der ehemalige Neutöner, »diesen modischen Krach im Orchestergraben«. Hat er nicht: Die Oboen, »die allen Gesang so leicht zudecken«, fehlen; das Blech, ohnehin bescheiden gesetzt, bläst nur mit halber Kraft; das Schlagzeug schlägt erst gar nicht richtig zu.

Um so genüßlicher säuselt die Harfe. Die Holzbläser tändeln dahin und daher. Mal schluchzen vier Celli im Einklang, mal zuckert eine Geige solistisch vor sich hin. Mit Streichereinheiten ist Liebermann ohnehin spendabel - ein Klangkörper aus lauter Weichteilen, der »Wald« auf tönendem Moos.

Darin wimmelt es - »Figaro« hier, Wagner da, Richard Strauss allerorten - von altbekannten Ohrwürmern. Darüber tummelt sich nicht nur Strawinskis »Feuervogel«, sondern gleich die ganze Vogelschar, wie sie der tonsetzende Ornithologe Olivier Messiaen belauscht und freundlicherweise mittels Spickzettel dem Kollegen Liebermann zum Abschreiben übersandt hat. Doch Komödiantisches, gar pointiert-satirischen Vorwitz, enthält das gut zweistündige Opus nur in Spurenelementen, und bitter daran ist einzig der Trugschluß des Komponisten, sein »Wald« sei auch nur eine Minute lang ungemütlich. Dafür hat er ihn zu begehrlich in Grund und Boden kultiviert, auch wenn Ostrowskis Vorlage, in der bornierte Krämer- mit weltoffenen Künstlerseelen aneinandergeraten, »ein Stück meiner eigenen, persönlichen Leidensgeschichte« sein sollte.

Auch er, der Zürcher Bohemien, sei »das schwarze Schaf in der Familie« gewesen, der studierte Jurist, der lange Zeit tingelnde Chansonetten in den Kneipen am Klavier begleiten mußte, bis ihn der Erfolg in gehobene und schließlich höchste Kulturkreise trug.

So könnte er ein Lied davon singen, wie brisant sich »der Konflikt zwischen bourgeoiser Gesellschaft und freiem Künstlertum« - Ostrowskis dramaturgisches Raster - zuspitzen kann. Nur: Gesungen hat er es nicht, jedenfalls nicht zeitgemäß.

Schon vor mehr als 40 Jahren hatte Liebermann Ostrowski vertonen wollen. Und das wäre, sagt er nun glaubhaft, »sicher eine ganz andere Oper geworden«.

Denn aus dem »Korsett der Dodekaphonie« hat sich der Komponist inzwischen befreit, die »Unarten der modernistischen Macher«, die als Extremisten aus einem Pianissimo gleich ins nächste Fortissimo« Kobolz schlagen, sind ihm zuwider, er fühlt sich »unabhängiger, offener und wagemutiger« - für den großen Schwenk zurück in die Ablage der Musikgeschichte.

So fällt seine (in der Oper als Sprachform den Künstlern des »Waldes« zugedachte) Zwölftonreihe, die er aus je zwei Dur- und Moll-Akkorden gebaut und »in 48 Varianten« durchgespielt hat, auch nicht weiter störend auf. Gegen den soften Schmelz der Terzen und Sexten, mit denen er die Stimmbänder des bürgerlichen Ostrowski-Lagers gesalbt hat, bleibt die Fingerübung des abgedankten Neutöners ohne Chance.

Offenbar weiß Liebermann, dessen »Wald« im Mai nächsten Jahres von der Oper Frankfurt bei den Schwetzinger Festspielen - in deutscher Sprache und entsprechend revidierter Fassung der Gesangspartien - dargeboten werden soll, was er denen, die ihn seiner Verdienste wegen achten, wirklich zugemutet hat: »Das Stück ist im Grunde eine Art Operette.«

Klaus Umbach

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