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KOMMENTATOREN Auf Raten

aus DER SPIEGEL 5/1969

Als der zweite Mann im Staate stürzte, geriet das Erste Deutsche Fernsehen ins Wanken. Zum erstenmal hat das ARD-Programm am letzten Dienstag auf den Dreieinhalb-Minuten-Kommentar in der Spätausgabe der Tagesschau verzichtet.

Der Fall Gerstenmaler schien zwar den Chefredakteuren und Programmdirektoren der ARD-Anstalten ein TV-Wort zu lohnen. Doch mit Termin und Autor für das heikle Thema taten sie sich schwer.

Anderthalb Stunden lang -- weit über die gebuchte Zeit hinaus -- debattierten sie auf ihrer telephonischen Routine-Schaltkonferenz am letzten Montag hin und her.

Hauptkommentator und Polit-Koordinator der ARD, Dieter Gütt: »Ich kann nicht immer Trouble-shooter sein, jetzt soll mal ein anderer ran.« Baden-Badens Programmdirektor und versierter TV-Diskutant Günter Gaus: »Für Gerstenmaier müßte ich mindestens sechs Minuten haben.«

Als dann die Telephonrunde die Sendezeit -- Dienstagabend -- festlegte, schieden Gütt und Gaus wegen anderer Verpflichtungen vollends aus. Der dritte Kandidat, Peter Merseburger von »Panorama«, akzeptierte schließlich Termin und Thema -- zunächst.

»Der Fall Gerstenmaler« war in der Tagesschau am letzten Dienstag zwar angekündigt worden, doch eine knappe Stunde vor seiner Sendung wollte auch Merseburger nicht mehr, weil »an diesem Abend das Thema von Hamburg aus nicht genau zu übersehen war«.

Um wenigstens das Sujet zu retten, rief er abends um halb zehn bei Günter Müggenburg vom Westdeutschen Rundfunk an, ob nicht das »Studio Bonn doch lieber einen Hintergrundbericht machen« wolle.

Müggenburg aber sagte lieber auch ab: »Meine Studiobesatzung ist schon heimgegangen.« Resignierend holte sich Merseburger Rat bei Chef-Koordinator Lothar Hartmann und dem NDR-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf. Danach hielt er es für »angemessen, auf den Kommentar zu verzichten«.

ARD am letzten Dienstag: No comment.« Das Kind war im Brunnen -- eine ziemliche Pleite ...«, befand Gütt, » ... für das ganze System«, ergänzte Merseburger.

Als tags darauf die Bonner Bühne schon für den Rücktritt Gerstenmaiers hergerichtet wurde, kommentierte Merseburger am Mittwochabend in einem zweiten Anlauf (Titel: »Rücktritt auf Raten") schließlich doch, und nun mit solcher Verve ("Selbstgerecht, uneinsichtig und voller Trotz"), daß sich am gleichen Abend bei Müggenburg noch ein »führender CDU-Sprecher« meldete: Die CDU sei »sehr empört« und »die Gerstenmaier-Lösung nun wieder in Frage gestellt«.

Am Donnerstag aber -- so Müggenburg -- wurde dann doch »alles unter den Teppich gekehrt«. Und auch Merseburger atmete erleichtert auf: »Na ja, nun ist er ja weg.«

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