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Auf Teufel komm raus

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Jürgen Flimms »Faust I«-Inszenierung in Köln *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 24/1983

Es gibt im »Faust« ein paar unverwüstlich wirksame Nummern. Das sind die Auftritte des komödiantisch-satirischen Lustspenders Mephisto: Wie er als Faust verkleidet einem Provinzdummkopf seine Dummheit um die Ohren haut oder wie er mit schmalziger Schmeichelei die welke Frau Marthe noch einmal zum Glühen bringt.

Und es gibt im »Faust« ein paar unmittelbar bewegende Augenblicke. Das sind Gretchens Herzensergießungen, die Empfindungen eines verliebten, verführten, verzweifelten Mädchens, wie sie so lyrisch-innig und reich vor Goethe nur Shakespeare auf die Bühne gebracht hat.

Ferner gibt es im »Faust«, und da wird es schwieriger, die Titelfigur, einen Mann, der in einer Masse von Versen (oft strömenden, schönen) von seinem Wünschen und Wollen, von seinem Verlangen nach Größe und von seinen Verzweiflungen spricht und doch auf der Bühne schwer eine deutliche, begreifbare Gestalt gewinnt: Erst behauptet er, auf Teufel komm raus auf universale Welterfahrung versessen zu sein, doch in dem Augenblick, wo sie zu haben wäre, rums, reduziert dieses Interesse sich auf die Verführung der nächstbesten gottesfürchtigen Jungfrau.

Aus Goethes verschlungener Lebens-Phantasiegeschichte heraus und im hinterhältig-vielsinnigen Gesamtplan der »Faust«-Dichtung hat das natürlich seinen Sinn - wenn aber »Der Tragödie Erster Teil«, wie beliebt, für sich erscheint, bleibt es ernüchternd merkwürdig, wie der kosmische Erkenntnisflug in die Butzenscheibenwelt eines Rührstückes abstürzt, wie der philosophische Welteroberungsschwung in einem Mädchenkämmerlein zum Erliegen kommt, in den Wonneschauern, die das Schnuppern an einem jungfräulichen Kopfkissen Faust über den Rücken jagt.

In Köln erscheint Faust zu Beginn als ein grauer, gichtverkrümmter alter Mann, der in einem Haufen schmutziger Papiere hockt, fröstelnd den Mantel um seine dürren Knochen rafft und mit krächzender Stimme sein vertanes Leben bejammert. Später, beim Osterspaziergang mit sehr schleppendem Greisenschritt, rezitiert er verdrossen einiges aus Goethes kraftvoll-frischer Naturlyrik, parodiert dabei manchmal die schnaubende Intonation seines verehrten Kollegen Bernhard Minetti und hockt dann wieder jammernd am Wegesrand: gescheitert, verzweifelt, erledigt, kaputt.

Faust als Greis, das hat Theater-Tradition, und der theatralische Gewinn liegt auf der Hand: Wenn dann Mephisto, wie man aus der Schule weiß, Faust die Chance eines »zweiten Lebens bietet, die Erfüllung aller versäumten Wünsche, kann eine effektvolle Verjüngungs-Maskerade stattfinden:

Aus dem Meckergreis wird ein hübscher junger Herr, der fortan mit guter Haltung und kräftiger Stimme um Gretchen wirbt und sich nur noch selten am Boden herumwälzt, verzweifelt, weil er nun die ganze tolle Mephisto-Chance damit vertut, ein harmloses Mädchen ins Elend zu stürzen. Faust als Versager, als bloßer Möchtegern-Faust? Daß es in Köln manchmal so aussieht, ist das Unglück der Aufführung, nicht ihre Rettung.

Der Kölner Regisseur Jürgen Flimm ist, jenseits dessen, was dort als rheinische Frohnatur geschätzt wird, ein verzweifelter Skeptiker, aber einer, den seine Melancholie zu Taten treibt und immer mal wieder zu beglückendem Leichtsinn beflügelt. Er ist eine große Spielernatur, aber kein »faustischer« Mensch, kein wahrhaft Zerrissener, kein Radikaler, der aufs Ganze geht.

Er hat ein Verlangen nach Harmonie, das ihm die Geduld und Empfindsamkeit gibt, Susanne Lothar das Gretchen ganz nah, ernst und geradeaus leben und sprechen zu lassen; er hat eine Lust und Wut zur Subversion, die ihn zum vergnügten Komplizen Mephistos macht - Wolf-Dietrich Sprenger ist ein kräftig ordinärer, ungeziert bösartiger Kerl -; doch er hat eine so tiefe Angst vor dem, was von Faust selbst zu verlangen wäre, daß sein Faust-Darsteller Hans-Christian Rudolph ein ungebrochener Biedermann bleibt: gesund, aber glanzlos.

Jürgen Flimm, seit 1979 Schauspieldirektor in Köln, ist einer der erfolgreichsten deutschen Theaterleiter. Doch die Mischung aus Ehrgeiz, Geschick und Verbindlichkeit, mit der Flimm als Chef seinen Laden in Schwung gebracht hat, ist mit dem Erfolg mehr und mehr zum Manko des Regisseurs Flimm geworden. Die ganz eigenen Motive für die Wahl eines Stückes waren bei ihm oft schwer zu erkennen; und seit er in Köln pro Saison einen Schwergewichts-Klassiker - Kleist, Shakespeare, Goethe - auf die Bühne stemmt, bestimmen ihn offenbar nur noch Prestige- und Karriere-Überlegungen: Er macht auf Teufel komm raus,

komm raus, was, wie er meint, von einem Regisseur seines Kalibers erwartet wird - und es wird, gipfelnd in diesem »Faust«, modisches Neo-Staatstheater, das seine Hohlheit mit schicken Zutaten bemäntelt.

Haupt-Zutäter, wieder einmal, ist der Bühnenbildner Erich Wonder, gewiß der freieste, phantasievollste Szenen-Zauberer dieser Jahre, der sich freilich gern über die Bedürfnisse eines bestimmten Stückes hinweg in eigene Träume hineinphantasiert. Für die ersten »Faust«-Szenen hat Wonder eines seiner romantischsehnsuchtstiefen Landschaftspanoramen entworfen, die durch delikate Lichtwechsel allmählich aus Nebelbläue auftauchen (so ähnlich sah vor ein paar Monaten in München ein recht anderes Stück aus, Edward Bonds »Sommer") - da aber hier der Schauplatz das »Studierzimmer« sein soll, muß Faust als Säulenheiliger in einer Art Storchennest vor dieser Riesenvision hausen.

Gretchens Welt, stockschwarz und »gotisch« verwinkelt wie eine expressionistische Stummfilmdekoration, hat Wonder in ein Polarlicht getaucht, das selbst die Liebenden im stockschwarzen, blumenlosen Gärtchen frieren läßt, und das Finale nutzt er zu einem Trip in die schwindelnden Lichtperspektiven des Science-fiction-Kinos: Bilder von einer verwegen-abwegigen Grandiosität, mit der die Inszenierung wenig anfangen kann. Sie bleibt ein Unternehmen ohne Kopf und ohne Faust, das als einzige Novität einen Arsch bietet.

Vermutlich »uraufgeführt« wurden in Köln etwa fünfzig Goethe-Verse von energischer Obszönität, die in Gesamtausgaben nur versteckt im Nachlaß-Schrott zu finden sind: der Entwurf zu einem Satans-Auftritt in der Walpurgisnacht. Vor einem Jahr hat Albrecht Schöne dieses mißachtete Fragment in seinem Goethe-Buch »Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult« ans Licht gehoben - nun hat sich Flimm darauf gestürzt und dafür so ziemlich die ganze übrige Walpurgisnacht weggeschmissen.

Er läßt kurzerhand Faust selbst dem Satan den Arsch küssen und meint, mit einer flotten Klitterei die Kurve kratzen zu können, die - unter Verzicht auf den ganzen »Faust II« - den Himmel-Hölle-Diskurs des Gesamtwerkes zu einem Punkt bringt.

In der Schlußszene eilt der weißbemützte Nikolaus, der im Prolog als Gottvater aus einer Wolke auf die Welt hinabgeschaut hat, noch einmal über die Bühne und meldet, Gretchen sei »gerettet«; Faust ist nach einem letzten Gretchen-Kuß schlagartig gealtert, wieder ein gichtkrummer Greis; Mephisto ruft: »Her zu mir!« und Faust schleppt sich hinter ihm her in die Hölle - so windig wird im Neo-Staatstheater der metaphysische Anspruch eines Welt-Werks erledigt: mit einem Abgang, rums in den Orkus.

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