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SCHRIFTSTELLER Auf trostloser Straße

Der englische Romancier Graham Greene, 67, hat eine melancholische Autobiographie veröffentlicht. Ihr Titel: »Eine Art Leben«.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Die früheste Erinnerung, die er bewahrt hat, führt bereits ans Herz aller Dinge: »Ich sitze in einem Kinderwagen auf einem Hügel, und zwischen meinen Füßen liegt ein toter Hund.« Mit zwölf weiß er »schon instinktiv, daß ich auf seiten der Opfer, nicht der Peiniger stand«. Mit 13 denkt er an Selbstmord: Er will sich sein rechtes Bein aufschneiden, ißt Tollkirschen, schluckt 20 Aspirintabletten und trinkt eine Fixierlösung, die er für giftig hält.

Kein Zweifel, er ist ein bedenkliches Kind. Und er könnte sehr gut zu einer jener ausgebrannten, desperaten, von Gewissensbissen und Glaubensnöten zernagten Typen am Abgrund des Lebens heranwachsen, mit denen Graham Greene seit mehr als vier Jahrzehnten sein düsteres »Greeneland« bevölkert.

Aber nein, diesmal erzählt der englische Romancier, jetzt 67 und seit Jahren im südfranzösischen Antibes wohnhaft, von sich selbst: »Eine Art Leben«, mit melancholischem Understatement vorgetragen, ist Greenes Autobiographie oder doch zumindest ein sanft und sparsam konturiertes Selbstbildnis des Künstlers als Kind und junger Mann*.

»Wenn man seine Erinnerungen nicht auf dem Sterbebett abschließen kann, ist jedes Resümee willkürlich«, meint Greene und laßt seinen Bericht »mit den Jahren des Mißerfolgs ausklingen, die der Annahme meines ersten Romans folgten«.

Doch so willkürlich ist dieser vorzeitige Schluß gar nicht. Zu dieser Zeit nämlich. um sein 28. Jahr, hat der junge Graham bereits alle Konflikte durchlebt, die der ältere Greene zum Thema seiner Romane erheben und unermüdlich variieren wird. Er weiß, zum Beispiel, was ein Außenseiter und ein Versager ist und was es heißt, als Verräter zu gelten. Kurz, »Greeneland« ist schon entdeckt. Nur zeigt es sich fürs erste

* Graham Greene: »Eine Art Leben«. Deutsch von Maria Felsenreich und Hans W. Polak. Paul Zsolnay Verlag, Wien; 260 Seiten; 23 Mark.

noch von seiner bürgerlich-idyllischen Seite -- ein Kleinstadt-Milieu mit Fassaden im Tudor-Stil und großen Parks, erfüllt von Bienensummen und Buchsbaumduft. durchflattert von Fledermäusen und Nachtfaltern, beherrscht von einer Sechs-Kinder-Familie mit Nurse, Gärtner. Köchin, Haushälterin, einem Schwarm von Hilfsdienstmädchen und »einem ganzen Geschwader von Tanten und Onkeln. die alle Greene hießen«,

Hier in Berkhamsted, Grafschaft Hertfordshire, verbrachte Greene die »endlosen Jahre« seiner Kindheit voller »Magie und Beschwörung«. Hier ertrug er als Schüler »die endlose Gleichförmigkeit dieses Lebens«. den »Furzgestank« im Internat. die seelischen Foltern seiner Kameraden. Denn sein Vater war Rektor und er somit »der Sohn eines Verräters«.

Das führte zu kindischen Selbstmordversuchen (Greene: »Selbstmorde. die gelingen, sind oft nur Hilferufe, die nicht rechtzeitig gehört wurden") und schließlich an den Rand des Zusammenbruchs. Graham war 16. da schickten ihn seine Eltern auf ein halbes Jahr zu psychoanalytischer Behandlung nach London. Der Seelenarzt in Lancaster Gate. wo Greene »wahrscheinlich die glücklichste Zeit meines Lebens« zubrachte, reparierte den manisch-depressiven Jüngling, so gut es ging.

Ein Übel allerdings konnte auch die Analyse nicht beheben. Ob in der väterlichen Schule oder später in Oxford -- Greene litt unaufhörlich an jener von Baudelaire entdeckten Romantiker-Krankheit, die Langeweile heißt. Im Kampf gegen »meine krankhafte Langeweile« nahm er die Flasche und war »ein ganzes Semester lang ... betrunken«. Aus »drückender Langeweile« rannte er zum Zahnarzt und ließ sich im Ätherrausch einen gesunden Zahn ziehen: »Ein paar Minuten der Bewußtlosigkeit waren wie Ferien von der Welt. Ich hatte zwar einen guten Zahn verloren, aber die Langeweile war für den Augenblick verschwunden.«

Zum Glück für den jungen Romantiker« der »in jedem Heuschober einen geeigneten Schauplatz für eine bukolische Liebesszene sah«. tauchte schließlich eine 29jährige Gouvernante auf, die er mit Gedichten und Küssen überschüttete und die ihm »vorübergehend die Last der Langeweile erträglich« machte.

Aber eben nur vorübergehend. Dann mußte Greene zu neuen Mitteln greifen. Er griff zum kleinen Damenrevolver seines älteren Bruders und spielte ("Die Chancen standen fünf zu eins gegen eine Leichenschau") Russisches Roulette. »Ich erinnere mich«. schreibt Greene. »an ein überwältigendes Glücksgefühl, als flammte plötzlich Karnevalsbeleuchtung in einer finsteren, trostlosen Straße auf ... Es war wie das erste befriedigende sexuelle Erlebnis.«

Greene gab dem »heftigen Verlangen nach der Adrenalinspritze« noch einige Male nach. Aber zuletzt empfand er nur noch »eine kurze, dumpfe Erregung«. Er beschloß, »dem Revolver, der sechs Kammern hatte, eine sechste und letzte Chance zu geben« -- dann »war eine Schlacht geschlagen, doch der Krieg gegen die Langeweile mußte weitergehen«.

Greene: »Ich spielte auch später im Leben eine Art Russisches Roulette, als ich zum Beispiel, ohne Afrika zu kennen, auf einem absurden Weg leichtsinnig Liberia durchquerte; es war die Angst vor der Langeweile, die mich in der Zeit der religiösen Verfolgungen nach Tabasco trieb, in eine Léproserie im Kongo, ins Kikuyu-Reservat während des Mau-Mau-Aufstandes, in den Bürgerkrieg nach Malaya, und schließlich in den Indochina-Krieg.«

Aus Langeweile geschah es wohl auch, daß sich der junge Greene um Aufnahme in die KP bewarb, ohne damals »auch nur im geringsten an den Marxismus zu glauben« -- er hoffte, auf diese Weise kostenlos nach Moskau reisen zu können.

Aus Langeweile offerierte er sich 1924 der deutschen Botschaft in London als Propaganda-Arbeiter -- er wollte im französisch besetzten Rheinland gegen die Separatisten agitieren und durfte tatsächlich auch mit deutschem Geld Ferien am Rhein machen.

»In diesem Alter«, schreibt Greene. »war ich bereit, als Söldner alles zu tun. wenn es mir nur Aufregung und ein bißchen Gefahr eintrug. Wahrscheinlich steckt in jedem Romancier ein Spion: Er beobachtet, er hört mit, er sucht Motive und analysiert Charaktere, und in seinem Bestreben. der Literatur zu dienen, ist er skrupellos.« Und daß er -- vielleicht aus Langeweile? -- der Literatur dienen wollte, daran gab es keinen Zweifel. Schon schrieb er an seinem ersten Roman. Aber er mußte auch, nachdem er mit beträchtlichen Schulden von Oxford abgegangen war, Arbeit suchen und »wählen, in welchem Gefängnis ich meine lebenslängliche Haft verbüßen wollte«.

Greene, der mit 21 zum Katholizismus konvertierte und ein Jahr später die Katholikin Vivien Dayrell-Browning heiratete, fand ein recht passables Gefängnis: Er wurde Hilfsredakteur bei der Londoner »Times« und verlebte dort »vergnügliche und wenig anstrengende Stunden« -- gern erinnert er sich »an das gemütlich brennende Feuer im Kamin des Redaktionszimmers, ein Symbol friedlichen Lebens«. »Bei der 'Times', bekennt Greene. »wäre ich wohl lebenslänglich glücklich geblieben, wäre es mir schließlich nicht doch gelungen. einen Roman zu veröffentlichen.«

Der Roman hieß »The Man Within« (deutsch: »Zwiespalt der Seele") und erschien 1929 im Verlag Heinemann. Im selben Jahr nahm Greene, zum Entsetzen der »Times« -Kollegen, (vorübergehend) Abschied vom Journalismus und zog mit Frau Vivien aufs Land. Er hat diesen Entschluß noch bitter bereut: »Ich glaubte, ich sei schon ein Schriftsteller und die Welt läge mir zu Füßen. aber so ist das Leben nicht.« Die Zeit der Mißerfolge begann, Greene schien. gleich manchem Helden seiner später so erfolgreichen Bücher, ein ausgebrannter Fall. »Wenn gewisse Themen in meinen Romanen häufig wiederkehren«, schreibt er in seiner Autobiographie, »so vielleicht nur deshalb. weil gewisse Themen in meinem Leben wiederkehrten. Das Versagen gehörte damals dazu.«

Und noch mit 67 ist ihm eines klar: »Der Schriftsteller verdient Nachsicht wie der Marktschreier: Er schreit laut. um sich Mut zu machen, denn er weiß, daß sein Erfolg nur Schein ist.«

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