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FERNSEHEN Auf zum letzten Gefecht

»In freier Landschaft«. Fernsehspiel von Leo Lehman (Buch) und Michael Kehlmann (Regie). ARD 15. März, 21 Uhr.
aus DER SPIEGEL 12/1977

Sozialismus: Geschichte und Zukunft, Mythos und Wirklichkeit. Scheitern und Hoffnung dieser für unser Jahrhundert folgenreichsten Idee sind Gegenstand unserer Reihe.«

Behäbig und erhaben wie der Pendelschlag der guten alten Standuhr klingt die Ankündigung, in der die Fernsehspielabteilung des NDR ein Projekt von biblischen Ausmaßen vorstellt. Mit nicht minder ausladender Gestik weist auch der Obertitel des Großunternehmens wie auf verlorengegangenen Gutsherrenbesitz: »Der Traum vom Paradies auf Erden«.

Vorgesehen sind Romanverfilmungen, so von Dostojewskis »Dämonen«, die im nächsten Jahr als Vierteiler zu sehen sein werden; Theaterstücke und Fernsehspiele zeitgenössischer Autoren sollen die Geschichte der Arbeiterbewegung aufarbeiten und von Zukunftsforschern entworfene Gesellschaftsmodelle durchspielen.

Der Aufwand verblüfft. Ein Fernseh-Konzil über den Sozialismus gestern, heute und morgen in einem Land, in dem Sozialismus unter rechtschaffenen Leuten als eine besonders impertinente Form von flegelhaftem Benehmen gilt. Lind die soll nun salonfähig gemacht werden? Über ihre Motive schweigen die Verantwortlichen. Unschuldig, als ob sie lediglich einen Kursus über Differential-Rechnung einleiteten, erklären sie, die Sendereihe möchte »den Zuschauer mit Anschauungsmaterial ausstatten«. Zur beruflichen Fortbildung vielleicht?

Die Ausstatter winden sich. Sie haben ja nichts gegen den Sozialismus, nur sind sie in Sorge, daß die Zuschauer »für die Auseinandersetzungen, denen sich im letzten Quartal unseres Jahrhunderts niemand wird entziehen können«, ungenügend präpariert sind.

Die Vorbereitung auf das säkulare Gefecht beginnt am Dienstag dieser Woche mit einem dreistündigen Elementarkursus über Formen der politischen Diskussion.

Der polnisch-englische Dramatiker Leo Lehman ("Alter: 50; Ziel: besser zu schreiben") hat das Seminar in ein Fernsehspiel verpackt, in dem zwei bis drei Dutzend Leute in ebenso vielen abgeschlossenen Szenen ihre politischen Ansichten mal so ganz frei von der Leber weg aufsagen dürfen.

Ein Stückeschreiber erklärt, er schreibe ganz allein fürs Proletariat, die Bourgeoisie müsse endlich aus dem Theater verschwinden; der Regisseur brüllt dagegen, er könne das Proletarier-Geschwätz nicht mehr hören.

In einer altgedienten Bürgerfamilie streiten Schwiegersohn und Schwiegervater über den Vietnam-Krieg. Der Schwiegersohn sieht in Saigon »die Heuschreckenschwärme der Kommunisten« einfallen, der Schwiegervater ist froh, daß die »amerikanischen Marionetten Ky und Thieu« endlich verschwinden, und die Kontrahenten stehen sich an Lautstärke, Rechthaberei und Streitsucht in nichts nach.

Unter der Schirmherrschaft von Lehmans patriarchalem Liberalismus schlagen sich linke Bürgertöchter, enttäuschte, halb und ganz kurierte Kommunisten, haßverzerrte Mannweiber Parolen um die Ohren, als ob sie mit Latten aufeinander losgingen. Da die Meinungen durch nichts an die Personen gebunden sind, durch keine Biographie, durch keine Erfahrung mit der politischen Wirklichkeit, versteht man auch nicht, warum sie dennoch sich derart ins Zeug legen, daß langjährige Freundschaften und Ehen darüber kaputtgehen.

Auch Lehman versteht die ganze Aufregung nicht, obwohl er sie doch selber vom Zaun gebrochen hat. Warum? Wohl um zu zeigen, daß politische Diskussionen zu nichts führen und nur das Familienleben stören.

Die Alternative zu den ideologischen Muskelprotzen, die am Schluß auf einem antifaschistischen Jubiläumsschwof im Suff ihre wahre politische Meinung -- »Gucken Sie sich mal diese Titten an« -- preisgeben, ihr mahnendes Gegenbild verkörpert Tom, ein Photograph, der an einer Bilddokumentation über »die Geschichte einer Krankheit« -- gemeint ist der Sozialismus -- arbeitet.

Tom erklärt gleich eingangs, früher, ja, da sei er auch mal Sozialist gewesen. Bitteres Mienenspiel im Lexikongesicht von Günther Schramm kündet von der Heilung dieser Jugendsünde durchs Stahlbad des Lebens.

An Streitgesprächen beteiligt er sich nicht; er lächelt und photographiert. Nur in stillen Stunden bei der durch multiple Sklerose ans Bett gefesselten Freundin wird Toleranz auch ihm einmal schwer. »Aber wenn die Welt die Kommunisten so dringend haben will, dann soll sie doch Sie wird dann schon sehen, was Tom jetzt schon sieht: Mauer, Stacheldraht und Wachturm.

Der Rest ist leeres Geschwätz. So leer, daß der NDR drei Stunden damit füllen konnte.

Christian Schultz-Gerstein

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