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UBU Aufgewärmter Jux

aus DER SPIEGEL 23/1959

Ein tolpatschiges Individuum mit Gummibauch und einfältigen Zügen bewegt sich mal plump - weil im Nachdenken begriffen -, mal behende - weil im Zustand unsinniger Angst - über die Bühne und behauptet kichernd, es sei Altkönig von Polen und Aragón, Herzog von Mondragón, Graf von Sandomir, Markgraf von Saint-Grégeois. Auch andere Majestäten treten auf: ein Zar, ein König Wenislaus, ein Sultan Soliman. Aber während sich diese Souveräne durchaus gesittet benehmen, wenn es ihnen auch keineswegs an lächerlichen Zügen gebricht, handhabt der Altkönig ein Vokabular, wie es vielleicht Münchner Taxichauffeure beim Kartenspielen anwenden.

Das Stück ist aus dem Französischen übersetzt, und der Standardfluch »Merde« - in unschöner deutscher Übersetzung entfährt dem Munde des Gummibauchträgers und seiner Gemahlin wohl dreißigmal. »Sch . . .« ist das erste Wort überhaupt, das auf der Bühne gesprochen wird, aber damit ist der einschlägige Vorrat des Altkönigs noch nicht erschöpft: Er weiß auch andere Verdauungsvorgänge aus dem Frontschwein-Jargon immer wieder zu variieren und rülpst sie genüßlich heraus.

Diese Anhäufung von Majestäten und Fäkal-Vokabeln - weitere Figuren heißen etwa Onkel Pissinbock oder Korporal Pissesacht - entsprang dem Hirn des angeblichen Vaters der Surrealisten und Absurden, Alfred Jarry, der 1907, nur 34 Jahre alt, in Paris starb: Jarry konstruierte den »König Ubu«. Das Drama fiel bei der Uraufführung 1896 durch.

In den folgenden Jahrzehnten waren »König Ubu« und auch das nachgelassene Pendant »Ubu in Ketten« wiederholt auf Pariser Bühnen zu sehen. 1958 brachte Jean Vilar, Direktor des »Théatre National Populaire« und des Theaters im »Palais de Chaillot«, eine Kombination der beiden Stücke. Diese Vilar-Version präsentierten jetzt die Münchner Kammerspiele als deutsche Premiere. »Man muß sich vor ihrem Spürsinn verbeugen«, lobte die »Süddeutsche Zeitung« enthusiastisch.

Was der Spürsinn der Kammerspiele aufgetan hat, sieht so aus: Unter gesteigerter Verwendung unflätiger Redensarten beschließt »Vater Ubu« (als Gast Günter Gräwert vom »Berliner Ensemble« Bert Brechts), inspiriert von »Mutter Ubu«, den König von Polen zu massakrieren und sich des Throns zu bemächtigen. Sein Lieblingswort »Merde« soll denn auch die Parole zu dem Handstreich sein; er brüllt es geübt, und Wenislaus von Polen, auf den Ubus Anhänger einschlagen, klagt schmerzlich: »Oh, zu Hilfe! Heilige Jungfrau, ich bin tot!« Regieanweisung: Er fällt hin, verliert die Krone, steht auf und geht ab. Ubu: »Ah! Ich habe die Krone! Jetzt auf die anderen!«

Seine Herrschaft hält aber nur wenige Tage an. Ubu, der es mit den Steuern zu toll getrieben hat, wird infolge kriegerischer Handlungen wie auch einer Revolte heimatlos. Der »Altkönig« zieht nach Frankreich und verspürt jäh einen perversen Erniedrigungsdrang; jubilierend schafft er es schließlich, Galeerensträfling zu werden.

Doch da offenbart der Sultan Soliman, unter dessen Sklaven Ubu gelandet ist, seinem Wesir, der Altkönig und nunmehrige Sträfling sei in Wahrheit sein, des Sultans, Bruder: »Küsset die Erde zwischen seinen Händen; aber hütet euch, ihm diese großartige Erkenntnis zu entdecken; denn er würde sich mit seiner ganzen Familie in meinem Kaiserreich häuslich einrichten und

würde es in kurzer Zeit auffressen.«

So kommt es, daß Mutter Ubu alsbald moniert: »Das ist dir nicht geglückt, das Sklave-Sein: Niemand will mehr dein Herr sein.« Der Altkönig: »Was? Ich will immer noch! Ich konstatiere, daß meine Plauze größer ist als die ganze Erde und würdiger, seit ich mich um sie kümmere. Ihr allein werde ich hinfort dienen.«

Mit dieser nicht gerade intellektuellen Bauch-Philosophie endet das Opus Jarrys, das der avantgardistische Lyriker Guillaume Apollinaire ("Calligrammes") und der Filmregisseur Sacha Guitry ("Roman eines Schwindlers") immerhin als Meisterwerk bezeichneten und das Andre Gide in seinem - bekanntesten - Roman »Die Falschmünzer« (1926) als »das merkwürdigste Drama, das man seit Jahren auf einer Bühne gesehen hat«, charakterisierte.

Nüchtern mokierte sich im »Münchner Merkur« der Kritiker Walther Kiaulehn über Gide und Apollinaire, die ihren Zeitgenossen Jarry für ein Genie hielten und ihn gleich mit Shakespeare und Molière verglichen: » . . . billiger geben ja diese Käuze ihr Urteil nicht her.«

Mit seinem Ubu-Stück hatte Jarry einen kuriosen Anlauf gegen die Regeln der klassischen Dramaturgie unternommen und gleichzeitig das satte, snobistische Pariser Publikum der Jahrhundertwende erheitern wollen - durch eine Denkmethode, die Kiaulehn als »plump« ablehnt: »Er gibt Schwarz für Weiß aus, die Freien sind -Knechte, nur der Knecht ist frei . . . Das ist aber noch nicht komisch.«

Komisch war dem Gymnasiasten Jarry offensichtlich sein Physikprofessor Ebé vorgekommen, mit dem die Knaben allerlei Scherze trieben. Dazu gehörte auch, daß sie eine Dichtung über ihn anfertigten, zu der jeder einige Verse beisteuern mußte. So entstand das Herzstück der Farce vor 70 Jahren; Jarry war damals 15. Aus dem Unterprimaner in Rennes wurde ein Poet in Paris, aus dem Lehrer Ebé der König Ubu, und dessen Erscheinung wirkt so, wie ein komplexbeladener Schüler sich vielleicht einen Lehrer vorstellt: tückisch, feige, größenwahnsinnig und prahlerisch, äußerlich ekelerregend und innerlich vergammelt, spießig und brutal; Jarry billigt seinem angeberischen Helden auch nicht eine gute Eigenschaft zu.

»Ein Gymnasiasten-Ulk also«, registrierte die »Welt«, »zu dem eine ganze Klasse Verse, Strophen, Sätze und dramaturgische Einfälle beigesteuert hatte. Und allmählich wurde 'Ubu' für Jarry der geduldige Packesel, dem er all seinen Ärger, Zorn, Ressentiments und Menschenverachtung aufladen konnte.«

Alfred Jarry muß eine merkwürdige Figur gewesen sein. André Gide zeichnet ihn im dritten Buch der »Falschmünzer« genau: »Eine absonderliche Erscheinung, ein Kerl mit mehlig gepuderten Backen, mit Augen wie aus schwarzem Lack und prall an den Schädel geklebten Haaren . . . mit knallrot geschminkten Lippen ... Alles an ihm war absurd und gekünstelt...«

Daß der Spinner Jarry zu Unrecht als vermeintlicher Vorläufer der Bühnenrevoluzzer Ionesco, Genet, Jacques Audiberti und Beckett gelte, behauptet die Münchner »Abendzeitung": »Der Vergleich Jarrys mit seinen 'Epigonen' . . . hinkt schon deshalb, weil diese ein neues Welt- und Menschenbild aufzurichten versuchen, während kein vernünftiger Mensch die ,ubuistischen' Eulenspiegeleien ernst nehmen kann.«

In der Tat entbehrt das anderthalbstündige Geschehen auf der Bühne jeglichen Zusammenhangs. Zwischen seinem Dasein als König und als Galeerensklave tötet Ubu einen Bären, indem er das Vaterunser - lateinisch - rezitiert, dann umsegelt er die Landzunge von Helsingör, während Hamlet, den Totenkopf in der Hand, stumm grüßend aus der Kulisse tritt, oder er wichst einem Mädchen die Schuhe, die es - barfuß laufend - gar nicht trägt, und dergleichen mehr.

»Rückkehr also zur Clownerie, zum Kasperltheater, zur phantastisch überhöhten Commedia dell'arte? Warum nicht? Vielleicht ist das heute wieder ein Weg«, meinte die »Süddeutsche Zeitung« - während der »Münchner Merkur« dem skurrilen Jarry zwar »unbedingten Willen zum Jux« zubilligte, aber resümierte: »Daß es dann doch nicht so lustig wird, wie der Autor es gehofft hat, liegt ganz an ihm... Ich empfand das Ergebnis als eine wirbelnde, glitzernde und bunte Langeweile.«

Jarry-Zeichnung »König Ubu": Als Vorbild diente..

... der Physiklehrer: Münchner Szenenbild »Ubu« *

* Günter Gräwert, Kinga von Felbinger als Vater und Mutter Ubu.

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