Zur Ausgabe
Artikel 81 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ZEITGESCHICHTE Aufrecht im Grund

1941 versank das deutsche Schlachtschiff »Bismarck« im Atlantik - nach schweren Führungsfehlern des Hitler-Admirals Lütjens. Jetzt wurde das Wrack gefunden.
aus DER SPIEGEL 25/1989

Aus dem Dunkel der Meerestiefe tauchte auf dem Monitor plötzlich ein riesiger grau-grüner Schatten auf, eine Stahlwand, 250 Meter hoch, von Algen und Muscheln überwachsen.

Das Roboter-U-Boot »Argo«, vom Begleitschiff aus ferngesteuert, hielt den Fund in 4500 Metern Meerestiefe mit seiner Video-Kamera fest.

Da wußte der US-Ozeanograph Robert Ballard, 47, daß er zum zweitenmal auf sensationelle Weise fündig geworden war. Nach der Entdeckung des 1912 gesunkenen Luxus-Liners »Titanic« vor vier Jahren war es dem Schatzsucher aus den USA nunmehr gelungen, das Wrack des deutschen Schlachtschiffes »Bismarck« aufzuspüren.

Dieses einst größte Schiff der deutschen Kriegsmarine war am 27. Mai 1941 auf erster Feindfahrt, durch einen einzigen Lufttorpedo steuerlos gemacht, rund 1000 Kilometer westlich der französischen Hafenstadt Brest von einem um das Vielfache überlegenen britischen Flottenverband versenkt worden - erste Erschütterung des Irrglaubens, dicke Kriegsschiffe hätten im Zeitalter der Flugzeuge noch eine Chance.

»Das Schiff steht aufrecht im Meeresgrund und scheint in ausgezeichnetem Zustand. Es gibt keine Anzeichen von menschlichen Überresten«, berichtete Expeditionsleiter Ballard.

Nach fast genau 48 Jahren fanden sich im Atlantik die Spuren einer Tragödie, die der britische Autor Ludovic Kennedy mit »den Seeschlachten bei Salamis, Lepanto, Trafalgar, Tsushima« vergleicht. Von den 2221 Mann Besatzung auf der als unsinkbar angesehenen »Bismarck« gingen 2106 Mann mit ihrem Schiff in den Tod, nur 115 wurden gerettet.

Um das Schiff, eines der Prestige-Objekte der Hitler-Wehrmacht, bildeten sich schon früh Legenden. Deutsche, britische und US-Autoren schrieben Bücher über das Ende der »Bismarck«, den Briten galt ihr Triumph auf See so viel, daß sie sogar in den sechziger Jahren noch einen Spielfilm darüber drehten.

Die beste deutsche, weil nüchtern und analytisch geschriebene Dokumentation stammt von einem Autor, der die Todesfahrt der »Bismarck« miterlebt und überlebt hat: ihrem vierten Artillerie-Offizier, Burkard Freiherr von Müllenheim-Rechberg, heute 78*.

Dem Veteranen verdankt die Kriegsgeschichte auch Hinweise über den geheimen Auftrag der »Bismarck« bei ihrer ersten und letzten Fahrt, zudem zumindest Mutmaßungen über die nicht immer einleuchtende Seetaktik ihrer Chefs - und deren beinahe unerklärliche Führungsfehler. Denn alle Aufzeichnungen des Flottenchefs und des Kommandanten wie auch das Logbuch versanken mit dem Schiff.

Kommandant war Kapitän zur See Ernst Lindemann, 48, ein nautischer Praktiker, der gelegentlich sogar wagte, Hitler zu widersprechen. Doch Lindemann hatte nicht die uneingeschränkte Befehlsgewalt. Oberster an Bord war der Flottenchef Admiral Günther Lütjens, 51, ein introvertierter, verschlossener Mann, der seine Überlegungen kaum je mit dem Stab diskutierte und als Führer-höriger Durchhaltekrieger galt.

Sein wohl schwerster Führungsfehler: Mit ihren 138 000 PS konnte die »Bismarck« 29 Knoten Spitze laufen. Sie wäre dank diesem Tempo ihren Verfolgern noch entkommen, hätte sie rechtzeitig genügend Brennstoff an Bord genommen - weshalb das nicht geschah, ist unaufgeklärt.

Auch Chronist Müllenheim-Rechberg stellt die Frage, warum die »Bismarck« im Gegensatz zu dem sie begleitenden Schweren Kreuzer »Prinz Eugen« ihre Brennstoffvorräte weder an der nordnorwegischen Küste noch bei dem im Nördlichen Eismeer stationierten Tanker »Weißenburg« aufgefüllt hat. »Eine Unterlassung, die sich für die späteren Phasen als schwerwiegend herausstellen sollte.«

Zur Erklärung liefert er die wahrscheinliche Überlegung von Lütjens, daß der Flottenchef - bei anhaltender klarer Sicht - nicht das Risiko eingehen wollte, von britischen Aufklärern entdeckt zu werden.

Der Brite Kennedy rügt Lütjens' Unterlassung sehr viel direkter: »Ein erstaunliches Versäumnis, in scharfem Gegensatz zu den in Kriegszeiten wirksamen Vorschriften der englischen Marine. Die Entscheidung ließ dilettantische Planung erkennen . . . was Lütjens am Ende teuer zu stehen kommen sollte.«

Eine weitere Ungereimtheit war Lütjens' ungewöhnlicher Kurs durch die Ostsee, den auch andere Fachleute nicht verstehen. Kennedy: »Hätten die Schiffe den Kaiser-Wilhelm-Kanal durchfahren, in Trondheim oder Narvik getankt . . . ihre Chance, unentdeckt zu bleiben, wäre bedeutend größer gewesen.«

Ziel der geheimen Operation »Rheinübung« war es, mit »Bismarck« und »Prinz Eugen« trotz der britischen Blockade in den Atlantik durchzubrechen und damit den britischen Materialnachschub über See, vor allem aus den damals noch nicht in den Krieg eingetretenen USA, zu bedrohen. Alles kam darauf an, daß die Durchbruchs-Absicht nicht zu früh erkannt wurde.

Um so unverständlicher, daß Lütjens mit seinen beiden dicken Schiffen nach dem Auslaufen aus Danzig-Gotenhafen am 18. Mai 1941 die lange, von Spionen überwachte Route durch dänische Gewässer, dann durch Kattegat und Skagerrak, wählte und prompt entdeckt wurde.

Die Briten waren schon alarmiert, als der deutsche Verband die norwegische Küste entlang zunächst bis Bergen marschierte. Im großen Bogen westlich an Island vorbei, so der von Lütjens gesteckte Kurs, sollten die beiden Schiffe zwischen Grönland und Island durch die Dänemarkstraße in den westlichen Atlantik vorstoßen.

Da die Briten aber längst wußten, wer im Anmarsch war, hatten sie alle Maßnahmen getroffen, die Deutschen abzufangen. Dutzende von Schiffen waren angesetzt.

Am 24. Mai kam es in der Dänemarkstraße zu einem kurzen Artillerie-Gefecht mit dem britischen Schlachtschiff »Prince of Wales« und dem Schlachtkreuzer »Hood«, Englands Flottenprunkstück, das freilich noch im Ersten Weltkrieg auf Kiel gelegt worden war.

Schon die dritte Salve der »Bismarck« traf eine Munitionskammer der »Hood«, binnen weniger Minuten versank sie in den eisigen Fluten, von den 1421 Mann der Besatzung überlebten nur drei.

Doch auch die »Bismarck« hatte etwas abbekommen, was Kommandant Lindemann als Bagatelle, Flottenchef Lütjens aber als so schwerwiegend ansah, daß er befahl, St. Nazaire im besetzten Frankreich anzusteuern.

Ein Treffer am Bug hatte ein Leck in der Höhe der Wasserlinie geschlagen und den Zugang zu einem Treibstoffbunker blockiert, ein Treffer auf dem Achterschiff einen der Kesselräume absaufen lassen.

Die »Bismarck« bekam leichte Schlagseite und tauchte mit dem Bug tiefer in die See, 1000 Tonnen Wasser standen im Vorschiff. Wären die Ölbunker der »Bismarck« aufgefüllt gewesen, hätte sie aber trotz dieser Gefechtsschäden fast Höchstgeschwindigkeit fahren können. So jedoch war die ganze Operation jetzt schon gescheitert.

Was den Admiral noch mehr beunruhigte als die Schäden an Bord, konnte Buchautor Müllenheim-Rechberg rekonstruieren: Die Briten hatten erstmals ein neues Funkmeß-Ortungsgerät an Bord, das auch auf große Entfernungen einwandfrei arbeitete.

Mit Hilfe dieser Geräte fiel es den Kreuzern »Suffolk« und »Norfolk« relativ leicht, die fliehende »Bismarck« selbst durch Nebel und Regenböen zu verfolgen und dennoch außerhalb ihrer 38,5-Zentimeter-Geschütze zu bleiben.

Admiral Lütjens merkte an dem abgehörten Funkverkehr, wie erfolgreich die neue Wunderwaffe arbeitete, er konnte die Beschatter nicht abschütteln. Er bekam mit, daß die britische Admiralität eine Armada von vier Schlachtschiffen, zwei Schlachtkreuzern, zwei Flugzeugträgern, drei schweren und zehn leichten Kreuzern sowie 21 Zerstörern ansetzte, um die »Hood« zu rächen.

Doch ein geschicktes Kursmanöver der »Bismarck« läßt am 25. Mai den Funckontakt der Engländer wie durch ein Wunder für fast 24 Stunden abreißen. In dieser Zeit sucht die Meute der Jäger im sturmgepeitschten Atlantik ihre schon sicher geglaubte Beute in der entgegengesetzten Richtung, vergrößert sich der Abstand zwischen »Bismarck« und ihren Verfolgern ständig.

Da begeht der deutsche Admiral einen dritten schweren Fehler: Statt den Funkverkehr einzustellen, um seinen Standort nicht zu verraten, setzt er einen 30 Minuten langen Funkspruch an das Marinekommando West in Frankreich ab. Britische Stellen an Land fangen die Botschaft auf und können den Absender anpeilen - die Jäger haben ihn wieder geortet.

Freilich ist er schon so weit weg, daß sie ihm den Weg in den rettenden Hafen nur noch verlegen können, wenn sie die Geschwindigkeit der »Bismarck« abermals reduzieren.

Am Abend des nächsten Tages greifen 15 altmodische britische Torpedo-Doppeldecker vom Typ »Swordfish« an, die der Flugzeugträger »Ark Royal« gestartet hat. Einer der letzten abgeworfenen Torpedos trifft die Backbord-Ruderanlage - die »Bismarck« kann nur noch im Kreise fahren.

Im Sturm treibt das Schiff sogar auf die Verfolger zu. Verzweifelte Versuche, die beschädigte Ruderanlage abzusprengen, scheitern am Seegang beziehungsweise am eingedrungenen Wasser.

Um 21.40 Uhr setzt Lütjens seinen berühmt gewordenen Todes-Funkspruch ab: »Schiff manövrierunfähig. Wir kämpfen bis zur letzten Granate. Es lebe der Führer.«

Der schickt aus dem Führerhauptquartier der Besatzung schon eine Art Nachruf: »Ganz Deutschland ist bei euch. Was noch geschehen kann, wird getan. Eure Pflichterfüllung wird unser Volk im Kampf um sein Dasein stärken.«

Den letzten Kampf der »Bismarck« vergleicht Autor Müllenheim-Rechberg mit einer »Exekution«. So ungleich waren die Gegner, daß das deutsche Schiff, obschon artilleristisch voll kampffähig, keinen einzigen Treffer mehr erzielte, aber selbst Hunderte von Einschüssen schwersten Kalibers erhielt.

Das Ende setzten drei Torpedos des Kreuzers »Dorsetshire«. Um 10.39 Uhr sank das zerschlagene, fast schon kenternde Schiff über Heck in die Tiefe. Der Befehl, die »Bismarck« durch Sprengladungen selbst zu versenken, kam bei vielen Gefechtsstationen gar nicht mehr an.

Die wenigen Überlebenden, die im eisigen Wasser schwammen, konnten noch sehen, wie der Kommandant, am Bug seines Schiffes stehend, mit ihm unterging, die Hand zum Gruß an die weiße Mütze gelegt. Auch Lütjens und sein gesamter Stab kamen um.

Fragen nach dem sinnlosen Hinsterben der »Bismarck«-Besatzung wurden von den Marinehistorikern auch nach dem Krieg kaum gestellt - auch nicht nach der fragwürdigen Heldenrolle von Admiral Lütjens, der sich nicht traute, sein manövrierunfähiges Schiff so rechtzeitig selbst zu versenken, daß mit Sicherheit nicht 115, sondern weit mehr der ihm anvertrauten Matrosen gerettet worden wären.

1967 stellte CDU-Verteidigungsminister Gerhard Schröder den Flottenchef gar als Vorbild für die neue deutsche Bundesmarine hin: Der erste Lenkwaffen-Zerstörer, in den USA gebaut, bekam trotz ausländischer Proteste den Namen Lütjens.

Nur einer, der ehemalige U-Boot-Fahrer Lothar-Günther Buchheim, unkonventioneller, von der Marine-Lobby angefeindeter Autor von Seekriegsbüchern, machte nach einem Gedenkartikel auf die »Bismarck« in der »Süddeutschen Zeitung« seinem Zorn Luft:

Was hier tatsächlich geschah, war das absolut sinnlose, gräßliche Hinopfern - sagen wir es deutlicher: das Verwandeln der Leiber von mehr als 2000 jungen Menschen in Hackfleisch und Wasserleichen mittels Schiffsgeschützen . . . Wann hört endlich das Hochstilisieren solch andressierter Attitüden auf?

Was mit dem nun georteten Wrack der »Bismarck« geschehen soll, ist unsicher. Schon hat sich in den USA der Major Charles Neimeyer, Professor an der US-Marine-Akademie, gemeldet, der scharf darauf ist, sie zu heben: »Der Fund kann Aufschluß geben über die Kampfführung des modernsten Schlachtschiffes der damaligen Zeit.«

Der ehemalige »Bismarck«-Fahrer Müllenheim-Rechberg ist ganz anderer Meinung: »Es wäre gut, wenn Ballard darauf verzichtet, in das Schiff einzudringen. Den Toten sollte man ihre Ruhe lassen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 81 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.