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KUNST Auftrag vom Friseur

Moderne Kunst aus Afrika, mal naiv, mal visionär, wird in Berlin ausgestellt.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Der schwarze Maler nennt sich bescheiden »Middle Art«, und seine kühnsten Wunschträume scheinen auf ein bißchen Wohlstand und Reputation gerichtet. Im adretten schwarzen Anzug -- so hätte er"s gern, und deswegen hat er"s so gemalt -- tritt der Künstler einem geistlichen Führer seines Landes gegenüber und läßt sich einen Preis überreichen. »Nimm dein Geld, Middle Art«, sagt der Würdenträger, »ich lobe deine Handarbeit.«

Middle Art ist in Nigeria zu Hause und an der Arbeit; ebenso sein Kollege, der gleichzeitig als Tänzer und Sänger aktive Twins Seven-Seven. Der Unterschied jedoch ist groß: Während Middle Art in ungelenk europäisierendem Realismus Ladenschilder oder zeitgeschichtliche Moritaten ("War is not good") malt, greift sein Landsmann gekonnt aufs alte Afrika zurück. Aus ornamentalen Flächenelementen komponiert er die Vision von Geistern, Stammespriestern und dämonischen Tieren.

Twins Seven-Seven, angeblich so geheißen, weil er der einzige Überlebende aus einer Geschwisterschar von sieben Zwillingspaaren sein soll, und Middle Art stecken so ungefähr die Möglichkeiten ab, die heutige Kunst für Afrikaner bereithält. Zwischen der abgerissenen Tradition eigener Kulturen und bleibendem Einfluß der eben erst verjagten Kolonialmächte suchen Maler und Bildhauer nach Wegen der anschaulichen Auseinandersetzung mit ihrer Wirklichkeit.

Wie farbig und auch wie problematisch diese Suche verläuft, zeigt gegenwärtig das West-Berliner Festival »Horizonte '79«, bei dem Afrika mit Schriftsteller-Lesungen und Konzerten, außerdem aber mit einer großangelegten Ausstellung gastiert. In der Staatlichen Kunsthalle geben, parallel zu einer Schau der schon besser bekannten Malerei aus Haiti, fast 400 Bilder und Skulpturen einen Überblick auf »Moderne Kunst aus Afrika« frei*.

Möglich war das Unternehmen vor allem dank dem Sammeleifer afrikakundiger Europäer; denn einschlägige Museen etwa fehlen den afrikanischen Ländern völlig. »Die neue Kunst der Schwarzen«, schreibt Fernsehredakteur Gunter Péus, selbst ein Haupt-Leihgeber, »lebt nur (noch) von den Weißen.« Goethe-Institute und Maisons de France bieten in Afrika bevorzugte Ausstellungsgelegenheiten« Diplomaten und Touristen stellen weithin die Kundschaft -- bis zu den ahnungslosen Käu* Bis 12. August. Katalog 200 Seiten; 15 Mark.

fern massenhaft geschnitzter »airport art«.

Weiße waren es auch, die noch zur Kolonialzeit die Produktion angestachelt hatten. Nach dem Zusammenbruch der Stammeskulte mit ihrem plastischen und bemalten Gerät versuchten französische, englische, auch deutsche Kunst-Erzieher durch die Gründung von Werkstätten ein wenig bildnerische Négritude zu retten, ohne sie doch von europäischen Beigaben freihalten zu können.

Die Schule von Oshogbo in Nigeria macht dieses volkreichste Land des Kontinents anscheinend auch zum kunstreichsten.

Dort hämmert beispielsweise der Reliefschmied Asiru Olatunde biblische Szenen in Aluminiumblech. Dort fixiert Twins Seven-Seven (unter Mithilfe seiner Ehefrauen) seine suggestive Phantasiewelt. Auch eine populäre Gebrauchskunst, die sich ans einheimische Publikum richtet, ist da im Schwang. Film- und Folklore-Motive zieren als »Truck Art« viele Lastwagen, bunte Ladenschilder veranschaulichen -- wie noch in anderen westafrikanischen Ländern -- das Angebot von Schneidern und Friseuren. Schon von weitem führen sie dem Kunden ein Haarschnitt-Angebot von »Low cut« bis »Rocky« oder »Kennedy« vor Augen.

Ladenschild-Malerei ist eine Hauptbeschäftigung auch des Künstlers Middle Art, der sich auf seinen Bildern häufig mit Namen und Adresse für weitere »Aufträge aller Art« empfiehlt. Bedeutsam sind indes vor allem, wie naiv auch immer, seine Bilderzählungen aus dem (Biafra-)Bürgerkrieg. Sie münden in eine Verherrlichung der zentralen Staatsmacht.

Auch andere Länder haben ihre malenden Propagandisten. So läßt der zairische Künstler Art P. Moke den Staatschef Mobutu glorios mit Elefant und Leoparden durch seine, Mokes, Heimatstadt Bandundu ziehen. Wohl die stärksten Bilderfindungen in der Schau aber, seltsame Gedränge lemurenhafter Wesen, stammen von Valente Malangatana aus Mosambik, der unter portugiesischer Herrschaft zwei Jahre lang als Frelimo-Sympathisant in Haft war, doch mit dem neuen, nationalen Regime gleichfalls Schwierigkeiten hat.

Eine Welt für sich bleibt die äthiopische Malerei, die, sichtlich in koptisch-christlicher Tradition, zu strip-artigen Bildgeschichten ausholt. Sie erzählen

ebenso geläufig vom Leben auf dem Lande wie von der Königin von Saba und der siegreichen Schlacht bei Adua -- 1896 gegen die Italiener.

Was neuerdings auch ein afrikanisches Nationalbewußtsein erheben kann, zeigen in Berlin gleich mehrfach dargestellte Begebenheiten aus jüngerer Zeit: die Olympiasiege des äthiopischen Marathonläufers Abebe Bikila.

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