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PHILOSOPHIE Aufwuchtende Wertmächte

Eine Münchner Fachzeitschrift hat jetzt erstmals umfassend die trübe Rolle der Philosophie während der NS-Zeit analysiert. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Was für ein Tag: Der Reichskanzler und Führer Adolf Hitler hatte ein Danktelegramm geschickt, der Vertreter der Reichsregierung, ein Herr Buttmann, sah, obwohl ganz nüchtern, eine Linie von der blauen Blume der Romantik über Nietzsche direkt zu Hitler laufen. Später meldete der Tagungsbericht: »Gemeinsamer Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes«.

Die da im Oktober 1933 grölten, waren keine verzückten Kleintierzüchter oder braun verfärbte Wandervögel, sondern deutsche Philosophen, Mitglieder der Deutschen Philosophischen Gesellschaft. Das war ein illustrer Verein mit Namen, die im Fach etwas galten: Klages, Nicolai Hartmann, Spranger, Glockner und Gehlen beispielsweise.

Bei jener denkwürdigen 12. Tagung versprachen die Mitglieder, sich und der braunen Bewegung eine »artgemäße« Philosophie zu produzieren, ganz so wie es sich der Führer fernschriftlich gewünscht hatte, zur »Begründung und Stärkung der deutschen Weltanschauung«.

Mit Feuereifer waren die Weisheitslehrer sogleich bei der Sache. Die Titel der Vorträge, die von namhaften Philosophen bis Mitte Mai 1934 in den Ortsgruppen gehalten wurden, lesen sich wie Gauleiters Denkbrevier: »Männerbund und Staat«, »Eine indo-arische Metaphysik des Glaubens und der Tat« oder »Das Eigentümliche deutscher Philosophie und Weltanschauung«.

Diese peinliche Unterwerfung der akademischen Erbverwalter von Kant und Hegel war kein Einzelfall. Der große Existentialphilosoph Martin Heidegger feierte die braune Revolte, kleinere Geister biederten sich an. Andere akademische Größen der einst ersten Wissenschaft hofften, durch streng fachliche Orientierung zu überwintern. Geistiger Widerstand war die Ausnahme.

Die Rolle der deutschen Philosophie in der Zeit des Dritten Reiches hat jetzt die aufstrebende »Münchner Zeitschrift für Philosophie« unter dem Titel »Widerspruch« aufzuarbeiten versucht. Das Heft enthält nicht nur knappe Lebensläufe der am lautesten tönenden Nazi-Philosophen und Inhaltsanalysen des oft hanebüchenen Geschwafels, wie das von heroisch-tragischer Existenz«, der Seele als »Rasse von innen gesehen« oder dem »organischen Volksganzen«, sondern auch eine Untersuchung über den Einbruch der Nazi-Herrschaft in den Alltag der Uni München.

»Entlarvt wurde«, schreibt die Redaktion, »die Illusion einer über Gesellschaft und Politik schwebenden (in innerer Emigration vielleicht schadlos überdauernden) philosophia perennis.«

Die Bemühungen des »Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung« und des 1935 gegründeten »Nationalsozialistischen Dozentenbundes«, einer Gliederung der NSDAP, den neuen Ungeist zu installieren, hatten vor allem dort schnellen Erfolg, wo sich schon vor 1933 eine geistige Vorhut der Nazis versammelt hatte.

In München erschien die philosophische Machtergreifung schwieriger. Da gab es einen weltanschaulich gebundenen Konkordatslehrstuhl mit neuscholastischer Tradition und einen anderen, _(Oben: am Rednerpult Rudolf Heß; ) _(unten: als Feldartillerist 1868. )

den einst Schelling innegehabt und auf dem sich die ideologisch ungebundene phänomenologische Schule fest installiert hatte.

Sehr schnell waren zwar jüdische Philosophie-Professoren, wie der Kantianer Richard Hönigswald oder der Phänomenologe Dietrich von Hildebrand, mit Hilfe des Gesetzes über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Staatsdienst entfernt.

Doch mit der positiven Umgestaltung haperte es. Den Nazis fehlten in München geeignete Leute mit einer halbwegs ausgewiesenen Qualifikation. Was sie schließlich aufboten, war eher lächerlich.

Hans Alfred Grunsky beispielsweise. Nachdem er über Einsteins Relativitätstheorie promoviert hatte, beschäftigte er sich, unterstützt von der »Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft«, mit Bruckners Symphonien. In München scheiterte er 1930 beim Versuch, sich zu habilitieren, wegen des »Juden Hönigswald«, wie er sich später in einem Bewerbungsschreiben brüstete.

Nach der Machtergreifung war dann Grunskys Stunde gekommen. Der akademisch gescheiterte Außenseiter erhielt eine Dozentur für die »philosophischen und psychologischen Grundlagen völkischer Weltanschauung«.

1935 veröffentlichte er ein Buch, Titel: »Seele und Staat«. Darin leitete Grunsky unter Verbiegung der platonischen Philosophie »vierpolige« Seelenvermögen des »nationalsozialistischen Menschen« ab: einen Schaff-Pol, Willens-Pol, Pol der Hingenommenheit und Schau-Pol. Schaff-Pol und Willens-Pol würden durch Meister Eckarts (des Lieblingsphilosophen der Braunen) »Seelenfünklein« verbunden, und das sei »der Führer in uns«.

Trotz Seelenfünklein kamen Grunskys Blut-und-Boden-Übungen zeitweilig so wenig bei den Studenten an, daß sie ausfielen. »Was Grunsky sagte, war nicht diskussionswürdig«, gibt der Münchner Professor Hermann Krings im »Widerspruch« zu Protokoll, der 1936 als Student nach München kam. »In den Vorlesungen anderer Dozenten kam das Weltanschauliche inhaltlich nicht zur Geltung.«

In der Tat: Die Analyse der Münchner Vorlesungs- und Seminartitel zeigt im Bereich der Philosophie alles in allem wenig Anpassung an die NS-Ideologie, statt dessen jede Menge Kant, Platon und Hegel.

Doch das Überwintern durch Rückzug aufs Fachliche war teuer erkauft. Immer wieder wurden Dozenten von den Nazis zur Aufgabe ihrer Lehrtätigkeit gezwungen, wie Fritz-Joachim von Rintelen, der bis zu seiner Zwangsbeurlaubung 1941

den Konkordatslehrstuhl innehatte. Selbst Kurt Huber, geistiger Mentor der Weißen Rose, konnte nur mit äußerer Unterwerfung seine akademische Karriere fortsetzen. Seit 1940 war er Anwärter auf Mitgliedschaft in der NSDAP und nur dadurch als Oberassistent am Münchner Psychologischen Institut tragbar. 1943 wurde er hingerichtet.

Sosehr sich im akademischen Betrieb die einen um »philosophia perennis« bemühten, so ungeniert lebten andere Wissenschaftler ihre NS-Begeisterung im Denkfach aus: philosophia penetrans.

Ein Raimund Schmidt, angeblich Kantianer, machte sich 1938 in einer Abhandlung über eine »verjudete Kantliteratur« her. Original-Ton: »Was der Jude uns von der herrlichen, schöpferischen Aufbauarbeit der idealistischen Systemdenker übriggelassen hat, ist ein Wust von sogenannten erkenntniskritischen Begriffsspaltereien... der die Grundlagen der (arischen) Weltanschauung entgöttert, entseelt und aus der philosophischen Debatte ausgeschieden hat.«

Ernst Krieck, ein führender Nazi-Pädagoge, gerät gar in schwüle Schwingungen, wenn er sein »wehrhaft-politischmusisches Zuchtsystem« beschreibt: »Jungbünden« fällt da die Übung für »rassische Zucht« zu, mittels »rhythmischer Bewegungen und Erregungen«.

Ein Hermann Schwarz sagt laut »Ja zu unserem Blute«. In der nordisch-germanischen Rassenseele seien die ewigen Gehalte »verseinelt«. Vor seinem Machwerk steht er dann auch sprachlich stramm: »Verfasser glaubt zeigen zu können, daß das völkische Erleben dieses Spitzenerleben sein kann und muß, daß in ihm wirklich eine zentrale Wertmacht aufwuchtet.«

Unter all dem Geschwafel entdeckten die »Widerspruch«-Autoren dann so etwas wie eine Art Fachdiskussion innerhalb der NS-Philosophie. Es ging um Nietzsche, auf den sich schon die geistigen Wegbereiter des faschistischen Geistes wie Ludwig Klages, Oswald Spengler und Ernst Jünger beriefen.

Zunächst holte Alfred Baeumler, der spätere Führerbeauftragte für die geistige Schulung der NSDAP, Nietzsche als geistigen Übervater für die Kampfjahre der braunen Bewegung heim.

Nach dieser Interpretation interessierte Baeumler an dem Christenfeind dessen »heroischer Realismus«, sein Kampf um eine »heraklitische Welt«, in der der Krieg Vater aller Dinge ist. Der schnauzbärtige Anti-Bourgeois und seine Lehre vom Willen war »vollkommenster Ausdruck seines Germanismus«.

Als sich dann die Nazi-Herrschaft etabliert hatte und sich der Terror verschärfte, wurde Nietzsche als Freigeist und ewiger Abweichler verdächtig. Er habe einen unakzeptablen Begriff vom Volk als Masse und Pöbel gehabt, wurde ihm nun angekreidet, und entferne sich vom organischen Volksganzen.

Den etablierten Nazis paßte nun Nietzsches Bismarck-, Staats- und Reichsfeindlichkeit nicht. Ein Christoph Steding hatte plötzlich auch rassistische Einwände gegen das einstige NS-Idol. Obwohl »seiner Physiognomie nach nordisch-dinarisch«, stehe Nietzsche seiner psychischen Verfassung nach den »ostbaltischen Wirrköpfen« näher.

Doch als es gegen Rußland ging, war der Wirrkopf wieder gefragt. Nun wurde er zum »Anti-Bolschewisten« stilisiert, der schon immer gegen Marx gekämpft habe, obwohl Nietzsche keine Notiz von Marx und Engels nimmt.

Den Beweis lieferte dennoch der NS-Philosoph Heinrich Härtle mit gefälschten Zitaten an - Exitus der Philosophie.

Oben: am Rednerpult Rudolf Heß;unten: als Feldartillerist 1868.

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