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Ausnahmeserie »We Are Who We Are« Im absoluten Hier und Jetzt

»Call Me by Your Name«-Regisseur Luca Guadagnino überzeugt auch im TV: In »We Are Who We Are« freunden sich zwei Teenager auf einer US-Militärbasis in Italien an. Einen Sommer lang scheint alles möglich.
aus DER SPIEGEL 11/2021
Jordan Kristine Seamón (links) und Jack Dylan Grazer in »We Are Who We Are«: So irritierend, wie Teenager nun mal sind

Jordan Kristine Seamón (links) und Jack Dylan Grazer in »We Are Who We Are«: So irritierend, wie Teenager nun mal sind

Foto: Yannis Drakoulidis / HBO / WarnerMedia

Als der Neuling Fraser von einer Mitschülerin zum ersten Mal durch den Supermarkt der US-Militärbasis in Chioggia geführt wird, weiß sie blind, wohin sie greifen muss, um ein paar Kirschen aus der Obstauslage zu klauen. Das Mädchen hat sein gesamtes Leben auf Militärbasen außerhalb der USA verbracht. »Die Supermärkte sind überall gleich. Es heißt, das soll so sein, damit wir uns nicht verlaufen«, sagt sie und spuckt einen Kirschkern auf den Boden.

Der Alltag auf der fiktiven Militärbasis südlich von Venedig ist mit dem Gang durch den Supermarkt genau umrissen: extreme Normen auf der einen Seite, kleine Rebellionen auf der anderen. Doch mit der Ankunft von Fraser (Jack Dylan Grazer) verändert sich etwas. Seine Mutter Sarah (Chloë Sevigny) ist der erste weibliche Colonel der Basis, zudem ist sie mit einer Frau verheiratet.

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»We Are Who We Are«

Foto: Yannis Drakoulidis / HBO / WarnerMedia

Mehr noch als die Kommandantin ist es ihr Sohn, der den Stützpunkt aufwirbelt. Wie eine Flipperkugel schießt der 14-Jährige an seinem ersten Tag über das Gelände. Der Junge mit den blondierten Locken, zweifarbig lackierten Fingernägeln und in flauschigen Leopardenshorts schummelt sich in die Highschool der Militärbasis, bestellt Rotwein in einer Bar außerhalb. Und dann prallt Fraser auf Caitlin (Jordan Kristine Seamón).

Die ganz großen Veränderungen

Wie die beiden Teenager das Leben des anderen verändern, steht im Mittelpunkt der acht Folgen von »We Are Who We Are«, der wunderbaren Serie, die Luca Guadagnino für HBO gedreht hat und die nun in Deutschland auf dem Amazon-Prime-Kanal Starzplay erscheint. Mit seiner schwulen Liebesgeschichte »Call Me by Your Name« wurde Guadagnino 2018 bekannt.

Vom Einfühlungsvermögen in junge Menschen, das der Italiener mit der Romanze zwischen einem 17- und einem 24-Jährigen bewies, findet sich nun auch in der Serie jede Menge wieder. Fraser darf so nervtötend sein, wie es ein Teenager nun mal ist, der nonstop Kopfhörer trägt. Und Caitlin darf so irritierend sein, wie es ein Teenager nun mal ist, der auf das Ende seiner ersten Beziehung nur mit dem Wort »okay« reagiert. Der Titel der Serie ist eine Abwandlung einer Songzeile des britischen Sängers Devonté Hynes, der für die Musik verantwortlich zeichnet und in der letzten Folge einen bemerkenswerten Auftritt hat. »It is what it is«, singt er immer wieder. Übertragen auf Fraser und Caitlin heißt das: Die sind halt so, wie sie sind. Oder besser: wie sie gerade sind.

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Denn eine Coming-of-Age-Geschichte wäre nichts ohne die ganz großen Veränderungen im Leben. Die langen Haare unterm Basecap und die Brüste unter weiten T-Shirts versteckt, ist die 14-Jährige bereits einmal außerhalb der Basis als Junge durchgegangen. Mit dem queeren Fraser an der Seite wagt sie nun die nächsten Schritte, schneidet sich die Haare ab und küsst zum ersten Mal ein Mädchen.

Obwohl Caitlins Geschichte sehr auf den Zeitgeist zugeschnitten erscheint, mischt sie sich letztlich beiläufig unter die vielen, die »We Are Who We Are« noch zu erzählen hat. In ihrer Enge ähnelt die Militärbasis nämlich einem Internat, allerdings einem, in dem nicht nur Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte wohnen, sondern auch noch die Eltern, weshalb sich Affären und Konflikte in jedem Lebensalter ergeben. So erleben Chloë Sevigny als Colonel und Mutter von Fraser sowie Scott Mescudi (alias Rapper Kid Cudi) als Vater von Caitlin mindestens so aufwühlende Zeiten wie ihre Kinder. Ihre Partnerinnen gehen fremd, und als drei unerfahrene Soldaten bei einem Unfall sterben, wird ihr Tod der Kommandantin angelastet.

Was bleibt von dieser Zeit?

Nur die Kinder kriegen davon kaum etwas mit, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt. »Im Hier und Jetzt« heißt denn auch jede einzelne Episode. Wie ein Teenager ist die Serie vollkommen der Gegenwart verschrieben und kostet den Moment bis zum Äußersten aus.

Aus: DER SPIEGEL 11/2021

Es wird finster

Zwei Monate nach seiner Wahl zum CDU-Chef sieht sich Armin Laschet mit der schwersten Unionskrise seit Jahren konfrontiert. Abgeordnete haben sich an Maskendeals bereichert und fallen durch dubiose Verbindungen nach Aserbaidschan auf. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl scheint das Kanzleramt für die Union nicht mehr sicher.

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Dass das so alles gut funktioniert, überrascht angesichts von Guadagninos bisherigen Arbeiten. Eigentlich ist er Spezialist für großbürgerliche Settings, deren Pracht er mit umwerfender Sinnlichkeit inszeniert. In »We Are Who We Are« ersetzt er nun Glamour mit Intensität und erzielt doch den gleichen Effekt. Nach wenigen Folgen kann es das nüchterne Chioggia mit dem luxuriösen Landwohnsitz aus »Call Me by Your Name« als Sehnsuchtsort aufnehmen: Wo so unbedingt gelebt wird, dorthin wünscht man sich sofort.

Aber die Gegenwart, die »We Are Who We Are« beschreibt, ist bereits Vergangenheit. Die Serie beginnt im Sommer des Jahres 2016, als im Fernsehen Donald Trump noch mit Hillary Clinton debattiert, und endet ein paar Wochen nach dessen Wahlsieg. Was von dieser turbulenten Zeit übrig bleibt? Das ist eine Frage, die sich nicht nur Fraser und Caitlin am Ende stellen. Die Serie reicht sie auch an ihr Publikum weiter.

Eine zweite Staffel von »We Are Who We Are« ist laut HBO übrigens nicht geplant. Umso mehr gilt es, diesen Serienmoment auszukosten. Am besten bis zum Äußersten.

»We Are Who We Are« ist seit dem 7. März auf Starzplay/Amazon Prime Video verfügbar

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