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FESTSPIELE / SALZBURG Auge im Weltall

aus DER SPIEGEL 13/1967

»In meinem Alter«, sagt Herbert von Karajan, 59, »hat ein Künstler viele, viele Erfahrungen gemacht; und daran möchte er natürlich auch die Umwelt teilhaben lassen.«

Die »Summe der Lebenserfahrungen« hat der Musiker nun in ein Kunstwerk investiert, um das seine Gedanken »seit Jahrzehnten unentwegt kreisen« -- in Richard Wagners »Ring des Nibelungen«.

Da die Erfahrung den Maestro unter anderem gelehrt hat, daß das Göttersturz-Drama bislang »durchweg fehlerhaft inszeniert« worden sei, bringt der Dirigent seinen »Ring« in eigener Regie auf die Bühne. Der erste Teil des vierteiligen Kolossalwerkes ist schon zu sehen -- mit der »Walküre« eröffnet Karajan die ersten »Salzburger Osterfestspiele«. Es ist sein privates, von Mäzenen wie Harald von Bohlen und Halbach, den Rothschilds, dem Schokoladenfabrikanten Sprengel und dem Volkswagenwerk gefördertes Festival, für das der Dirigent, der vom mißachteten Vaterland ("Mit Österreich bin ich fertig") keine Zuschüsse annimmt, 1,5 Millionen Mark an Künstlergagen und Technikerlöhnen aufbringen muß.

Karajans »Walküre« ist vor allem eine Gegendarstellung zur Neubayreuther Wagner-Ansicht. Denn im Gegensatz zu Wieland Wagner, für den seines Großvaters »Leitmotive« immer nur Anlaß zu einer tiefenpsychologischen Symbol-Regie waren, inszeniert Karajan streng nach der Partitur. Jede Tonarten-Modulation, jeden

Rhythmus-Wechsel, jedes Forte und jedes Piano setzt Regisseur Karajan in Gestik und Mimik um.

Eine chromatische Cello- und Klannetten-Kantilene, mit der Richard Wagner überdeutlich die Liebeswallungen zwischen Siegmund und Sieglinde anbahnt, müssen Karajans Darsteller -- Spitzensänger, die pro Abend 6000 Mark Gage erhalten -- mit üppig arrangiertem, jedoch spannungslosem Gebärdenspiel illustrieren.

Nicht genug: Derlei dramatische Momente erhellt Karajan stets auch mit Lichtspielen. Für den Höhepunkt einer Szene treten die Sänger aus dem Dauer-Dämmer der mäßig stilisierten Bühnenbilder in den schönen Schein einer Lichtgasse.

Die dozierende Licht- und Gestenregie, mit der Karajan seinem Festivalpublikum ("Zu Ostern reisen viele potentielle Festspielbesucher vom Wintersport aus den Bergen heim und nehmen diese Tage hier mit") die »Walküre« erläutert, bewirkt indes nicht den für das »Gesamtkunstwerk« so notwendigen Kontrast zwischen Bühne und Musik. Doch das will der Maestro auch gar nicht. Karajan zum SPIEGEL·. »Es war mein Hauptanliegen, die Musik optisch zu interpretieren, denn meines Erachtens ist mehr nicht gestattet.«

So lehnt Karajan, der bereits 1957 bis 1960 den »Ring« an der Wiener Staatsoper inszeniert hat, auch jedes Regie-Konzept für die »Nibelungen« ab, das, wie bei Wieland Wagner ("Der Ring ist die Atombombe«, »Walhalla ist Walistreet«, »Nibelungenheim ist ein Konzentrationslager"), politisch engagiert ist.

Karajan, der Ästhet, der nur schöne Tableaux auf der Bühne liebt und dem Wanderer Wotan verboten hat, einäugig aufzutreten, erarbeitete während der letzten drei Jahre für das hochromantische Musikdrama einen »zeitlosen« Regie-Plan, freilich mit utopischer Tendenz. Sein »Ring« ist vom »Irdischen gänzlich losgelöst«, schwebt in einem »kosmischen Raum« (Karajan) und könnte, wie der Bühnenbildner Schneider-Siemssen deutet, »durchaus eine Satelliten-Station darstellen, natürlich künstlerisch überhöht«. Schneider-Siemssen: »Klar, wir schielen mit einem Auge ins Weltall.« Doch restlose Klarheit über Karajans Gedanken zum »Ring« haben nicht einmal die Sänger. Der Musik-Regisseur hat die Charaktere der verschiedenen Rollen nie näher erörtert, das Ideen-Drama nie durchgesprochen.

Mit der musikalischen Interpretation der »Walküre« hingegen -- Karajan dirigiert das Stück als ein dramatisches Epos und gänzlich unpathetisch -- hat er die Sänger der doppelt besetzten Rollen schon zu Beginn des Jahres bekannt gemacht. »Walküre« -- Schallplatten, im letzten Herbst mit den Berliner Philharmonikern, die auch in Salzburg spielen, und der ersten Osterfestival-Besetzung aufgenommen, ließ er auf Tonband überspielen. Die Bänder schickte er nebst einem Miniatur-Abspielgerät den Sängern zu. So hatten sie bis zum Probebeginn am 5. März Gelegenheit, am laufenden Band »eine noch tiefere Ausdeutung des Werkes zu erarbeiten«.

Karajans Tonband-Versand war durchaus notwendig: »Denn so unwahrscheinlich das klingt«, berichtete die »Zeit« aus Salzburg, »eine Woche vor der Premiere noch saßen die Darsteller rund drei Viertel ihrer angesetzten Probezeit im Parkett oder im nahen Café-Haus.«

Karajan ("Ich bezahle die Leute so teuer, dann müssen sie mir auch zur Verfügung sein, wenn ich sie nicht brauche") experimentierte derweil im großen Festspielhaus -- vor der Tür wachte ein Wiener »Operngendarm«, der dem Meister gelegentlich auch einen Drink aus Sodawasser und Dextro-Energen zubereitete -- mit Lichteffekten, Kulissen und Kostümen. (Die Bühnendekorationen sind größtenteils in Preßburg hergestellt und per Güterzug nach Salzburg gebracht worden; zu den Kostümen hat eine Goldpapier-Abendrobe der schönen blonden Karajan-Ehefrau Eliette inspiriert.)

Weit zügiger lief während der Probentage eine andere Inszenierung ab, die morgens um neun begann, wenn der Ritter von Karajan vor dem Festspielhaus, das ihm während der Karwoche zu kostenloser Benutzung überlassen worden ist, in Blue Jeans dem Rolls-Royce »Silver Cloud III« entstieg: An trüben Tagen legte Karajan die 2,25 Meter vom Wagenschlag zum Portal unter einem vorsorglich aufgespannten Regenschirm zurück. Im Raus dann wurde er in einen seit Minuten bereitgehaltenen Lift geleitet, der ihn in das zweite Stockwerk hob, wo etliches Personal, Privatsekretär und -sekretärin zum Morgengruß Aufstellung genommen hatten.

Nach kurzem Aufenthalt in seinem Büro zog Karajan in den bereits abgedunkelten Zuhörersaal des Festspielhauses ein -- durch eine Lichtgasse, die ihm seine Assistenten und Leibwächter mit Taschenlampen bahnten. Und alsbald gab ein Mikrophon vom Regiepult aus seine Anweisungen zur Szene, oft in deutsch, englisch und französisch.

Nichts war umsonst: Jeden Schritt, jedes Wort hat ein Fernsehteam (Regie: Francois Reichenbach) im Auf tag der Karajan-Firma »Cosmotel« auf Film und Tonband festgehalten -- ein Regie-Assistent der New Yorker »Metropolitan Opera« hat Karajans Anweisungen protokolliert. Denn wie auch alle später in Salzburg geplanten Wagneraden wird Karajans »Walküre« von der »Met« in allen Details übernommen.

Doch trotz der lukrativen Weiterverwertung der Salzburger »Walküre« -- Film, Funk und Fernsehen projizieren die Inszenierung nach Kräften -- glaubt der Meister diesmal kein Geschäft zu machen.

»Materiell gehe ich leer aus«, sagt Karajan, »aber künstlerisch bin ich hundertprozentig erfüllt.«

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