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FERNSEHEN Augen auf Null

»Fixer«. TV-Film von Klaus-Peter Krippendorff. ARD. Mittwoch, 2. August, 20.15 Uhr.
Von Peter Stolle
aus DER SPIEGEL 31/1978

Vor fünf Jahren kannte der Berliner TV-Regisseur Klaus-Peter Krippendorff einen Fixer, der sich -- nach dem Drogentod seiner Freundin -- den letzten, den »goldenen Schuß« verpaßt hatte. Vergeblich suchte er seither einen Auftraggeber für ein Rauschgift-Fernsehspiel -- den Anstalten war der Stoff »zu unheimlich«.

Doch unterdes ist West-Berlin als Junkie-Paradies in Verruf gekommen. Als Europas Heroin-Metropole hat die Stadt längst Amsterdam den Rang abgelaufen. Türkische Schmuggler sorgen für Nachschub aus dem Nahen Osten. Straff organisierte Banden kontrollieren den Markt; nirgendwo ist Heroin so hochkonzentriert, so reichlich und preiswert.

5000 Berliner, schätzt die Polizei, »hängen an der Spritze«, ständig steigt die Zahl halbwüchsiger »Baby-Fixer«, schauerlich ist die Bilanz der Berliner Drogenopfer: 84 im letzten Jahr, 33 in diesem.« Aufklärung und Warnung« (Krippendorff) für gefährdete Jugendliche schien nun auch dem SFB-Fernsehen geboten.

Krippendorffs 90-Minuten-Film war deshalb zunächst für den ARD-Jugendfunk gedacht. Nach dem Vorbild erfolgreicher Jugendfilme wie »Die Ilse ist weg« hat ihn das TV-Spielressort ins Abendprogramm lanciert, im November läuft er zweiteilig am Nachmittag. Auch Eltern und Erziehern will der SFB nahebringen, »wie schnell es Teens und Twens erwischen kann«, wie leicht selbst Kinder aus intakten Familien in die Drogenszene abrutschen -- zum Beispiel Jürgen, 16 Jahre alt.

Er hat nach dem Schulabgang keinen Job gefunden, hängt herum; zur Arbeit in der elterlichen Drogerie, einem nuscheligen Krauterladen, fehlt ihm die Lust. Auf einer Kneipentour schließlich lernt er Rainer kennen, einen Ausgeflippten, ehemaligen Bankangestellten.

Die beiden freunden sich an, flippern und kicken -- plötzlich ist Rainer verschwunden. In der Toilette findet Jürgen ihn wieder, kotzend, besinnungslos. Ein blondes Mädchen kniet neben ihm, schlägt mit der flachen Hand in sein totenbleiches Gesicht. »Rainer hat was mit dem Magen«, sagt sie, »er muß ins Krankenhaus.«

Die Blonde holt einen zerbeulten Mercedes. Vor der Klinik zerrt Jürgen den Ohnmächtigen aus dem Fond, das Mädchen rast davon. Die alarmierten Krankenschwestern wissen sofort Bescheid: »Rauschgift«. Jürgen wird auf verräterische Nadelstiche untersucht, verstört und ratlos stapft er durchs trist-verschneite Kreuzberg.

Der Kontakt hält auch nach Rainers Entlassung an. Das exotische Milieu fern von allem Kleinbürgermief fasziniert den sensiblen Jungen. In der schäbigen Hinterhof-Wohnung des Freundes trifft er Britta, die ihren täglichen Schuß Heroin auf dem Strich verdient. Jürgen inhaliert den ersten Joint, zur verhärmten Mutter geht er nur noch, wenn er Geld braucht.

Mit Rainer, dem Gelegenheits-Dieb, streunt er durch Berlin, durch »Nadel«-Parks und U-Bahnhöfe, den Umschlagplätzen für harte Drogen. Er dealt ein wenig mit Haschisch, und Rainer erzählt von den schönen, alten Zeiten: Vom Tramp-Trip nach Indien und Marokko, vom ersten Pink-Floyd-Konzert im Sportpalast, als »alle bekifft waren und das Nichtstun kultivierten«. Damals hatte er »den Anschluß verpaßt« und »fing an zu schießen« -- Totentanz der Hippie-Generation.

»Leprakranke der Gesellschaft« nennt Regisseur Krippendorff, der seinen Film einem authentischen Fall nachempfunden hat, die Fixer. Wie ein Krankheitsbild -- nüchtern, mit verhaltenem Realismus -- skizziert er das Elend dieser Szene: Rainers Versuch, von der Nadel zu kommen, die Qualen der Entzugserscheinungen, den Ekel der Umwelt. Am Ende wird Rainer mit einer Überdosis sterbend auf die Intensivstation getragen. Ein Fixer »hat die Augen auf Null gestellt«.

Krippendorffs TV-Film -- schlicht erzählt, billig produziert -- läßt sich auf altkluge Lösungen nicht ein. Wie Jürgen, die Identifikationsfigur, das Desaster verkraftet, ob er heimkehrt ins Drogisten-Idyll, bleibt offen.

Dem Drogenbeauftragten des Berliner Senats, den der SFB zu einer Vorbesichtigung eingeladen hatte, ist das Lehrstück »zu pessimistisch«. Gerade das spricht für den Film.

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