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CASANOVA Aus dem Safe

aus DER SPIEGEL 11/1960

Als ein »Ereignis, auf das die literarische Welt seit 140 Jahren wartet«, deklariert der Wiesbadener F. A. Brockhaus-Verlag sein jüngstes Projekt: Am 21. April 1960 soll begonnen werden, die Memoiren des aus Venedig stammenden Abenteurers, Hochstaplers, Dichters und Liebeskünstlers Giacomo Girolamo Casanova (1725 bis 1798) erstmals so herauszubringen, wie der Autor sie während des letzten Jahrzehnts seines Lebens im böhmischen Exil niederschrieb* - »also in einem etwas italienisierten, aber leicht lesbaren Französisch« (Brockhaus). Es handelt sich um die erste Ausgabe, in der Casanovas Memoiren völlig, wortgetreu und ohne Kürzungen oder beschwichtigende Zusätze von Herausgebern veröffentlicht werden.

Diese Memoiren hatte Casanova - im Gegensatz zu den mindestens 43 poetischen, wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Werken, mit denen er sich zeitgenössischen Ruhm erwarb und die heute kein Mensch mehr liest - nicht für die Öffentlichkeit geschrieben, und er beabsichtigte sogar, die Papiere vor seinem Tode - hauptsächlich aus Gründen der Diskretion - eigenhändig zu verbrennen. Die Niederschrift, der »Histoire de ma vie« - der »Geschichte meines Lebens« - hatte der alternde Bankrotteur Casanova vielmehr für den eigenen Bedarf bestimmt. Er wollte die Einsamkeit, unter der er auf dem Schloß Dux litt - er erhielt dort als Bibliothekar des Wallenstein-Nachkommen Graf von Waldstein eine Art Gnadenbrot -, durch die Erinnerung an den Glanz seiner besseren Jahre aufhellen.

Zu solcher Selbstgenügsamkeit in der Zurückgezogenheit mußte sich der Hasardeur Casanova bequemen, weil er nicht mehr zu den Schauplätzen seiner zahlreichen Abenteuer zurückkehren durfte; die Französische Revolution von 1789 hatte dem galanten Leben der Rokoko-Gesellschaft ein Ende gemacht, und Männer wie Casanova, der bis zu seinem Tode, den traditionellen Zopf und höfische Schnabelschuhe trug, wirkten auf die neue Gesellschaft kaum anders als Witzblattfiguren. Umgekehrt war Casanovas Sympathie für die bürgerlichen Revolutionäre nicht eben groß; er nannte die neuen Herren »Canaillen« oder »Pöbel«.

Casanova, Sohn einer Komödiantin, durchsetzte seinen Lebensbericht so reichhaltig mit Schilderungen amourösen Zeitvertreibs, daß sein Name bereits durch die gekürzten Ausgaben seiner Memoiren zu einem Synonym für Schürzenjäger geworden ist. Er erzählt, wie er nacheinander Doktor der Rechtswissenschaft, Priester, politischer Agent, medizinischer Scharlatan, Sekretär eines Kardinals, Kuppler, Lotterie-Einnehmer, Geiger, Theaterunternehmer und Industrieller wurde - ohne daß seine Unternehmungen je anders als mit einem Bankrott endeten.

Über seine Unternehmung, sich selbst dieses Leben schriftlich zu repetieren, hat Casanova in der gegen Ende seines Lebens nicht mehr umfangreichen Korrespondenz nur selten Bemerkungen einfließen lassen, und seinem Gönner, Graf Waldstein, waren Casanovas Ressentiments gegenüber den Zeitläufen so lästig, daß er Zusammenkünfte mit seinem Gast auf das notwendigste Maß beschränkte. So machte sich, als Casanova am 4. Juni 1798 von seiner Umwelt vergessen und unbeachtet starb, niemand die Mühe, die Papiere des »alten Kautz« - so der gräfliche Schloßverwalter zu Dux - zu sichten.

Erst gute zwanzig Jahre später tauchten die mehr als 1800 Blätter der Memoiren wieder auf; dem ersten Inhaber des Brockhaus-Verlags, Friedrich Arnold Brockhaus (1772 bis 1823), wurden sie von einem entfernten Verwandten Casanovas zum Kauf angeboten Brockhaus, Freund der damals avantgardistischen romantischen Dichter-Generation ließ, das Manuskript unter seinen Autoren und Freunden von Hand zu Hand gehen. »Der Mensch ist ganz verrucht, aber sein Leben, und die Art es darzustellen, höchst anziehend«, urteilte der Shakespeare-Übersetzer Ludwig Tieck. Brockhaus kaufte an, und zwar, wie sein, Sohn und Nachfolger Heinrich sich später erinnerte, für »eine sehr geringe Summe« - für 200 Taler.

Der Verlag Brockhaus veranstaltete nach diesem Paket von Casanovas handgeschriebenen Memoiren bis jetzt insgesamt zwei Ausgaben, nämlich

- zwischen 1822 und 1828 eine mit Rücksicht auf die Zensur stark gekürzte deutsche Übersetzung, die ein junger Dichter aus dem Tieck -Kreis, Wilhelm von Schütz, anfertigte (über »Wilhelm von Schütz als Dramatiker« schrieb Joseph Goebbels 1922 seine Doktorarbeit);

- zwischen 1826 und 1838 die sogenannte Original-Ausgabe in französischer Sprache - eine stilistisch und sachlich rigorose Bearbeitung des Urtextes durch Jean Laforgue (1782 bis 1852), damals Sprachlehrer an der Ritterakademie zu Dresden.

»Alle anderen Ausgaben gehen auf diese beiden zurück«, sagt der gegenwärtige Inhaber des Verlags Brockhaus heute, wobei er besonders an die vielen Bearbeitungen denkt, die nach dem Ablauf der Schutzfrist von anderen Verlagen herausgebracht worden sind.

Wie begründet die Sorge vor der Zensur war, zeigt das Schicksal der stark gemilderten ersten Brockhaus -Ausgaben: Sogar die harmlose deutsche Übersetzung des Wilhelm von Schütz wurde in Preußen für Leihbüchereien nicht zugelassen, und die sächsische Bücherpolizei verbot nach dem vierten Band den Weiterdruck der französischen Ausgabe. Nach den vier nächsten Bänden, die in Paris gedruckt wurden, schritt auch die französische Polizei ein, so daß die Ausgabe - insgesamt zwölf Bände - erst Jahre später in Brüssel vollendet werden konnte.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stimmte das Urteil der Zensoren noch oft mit dem Urteil der Literaten überein. Als Brockhaus zum Beispiel die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, die damals als Schriftstellerin prominente Johanna Schopenhauer, bat, die bearbeiteten Casanova -Memoiren im »Literarischen Conversations-Blatt« zu besprechen, bekam er zunächst eine begeisterte Zusage.

»Der Casanova ... ist ganz vorzüglich«, urteilte die Goethe-Freundin Johanna Schopenhauer, nachdem sie einige Blätter als Probe gelesen hatte. »Auch die Bearbeitung ist vortrefflich in Ton und Haltung. Daß viel wegbleiben mußte, kann ich mir denken ... Daß Sie, lieber Herr Brockhaus, indessen diesen Schmutz säuberlich auskehren lassen und dabei auch auf uns Frauen Rücksicht nehmen, ist gar fein und löblich und verdient großen Dank von uns allen, denn die Lectüre ist zu ergötzlich, als daß wir uns gern darum gebracht sehen sollten.«

Als Johanna Schopenhauer, die nur einige Seiten kannte, aber ein vollständiges Exemplar der harmlosen deutschen Fassung bekam, schickte sie den Band postwendend zurück: »Ich habe nur darin geblättert, stieß aber sogleich auf Stellen, die mich veranlaßten, Herrn v. Gerstenbergk zu bitten, das Buch durchzusehen und mir zu sagen, ob er glaube, daß es mir möglich sein werde, es zu lesen. Seine Antwort fiel verneinend aus.«

In freimütigeren Zeiten wurden die Literaten, die auf eine Veröffentlichung der vollständigen Casanova-Memoiren warteten, allerdings recht ungeduldig. Um die Herausgabe der vollständigen Texte, die wohlverwahrt im Safe des Brockhaus-Verlags lagen und nur den Familienmitgliedern zugänglich waren, gab es von Zeit zu Zeit heftig geführte öffentliche Diskussionen.

Kurt Tucholsky zum Beispiel nannte in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts das Verhalten der Familie Brockhaus eine »Überspannung der Idee des Privateigentums«. Schrieb Tucholsky: »Was mir aber vor allem dubios erscheint, das ist die geistige Aktivlegitimation des Verlegers. Wie hat er das Manuskript erworben? Hat er es gekauft? Verleiht solch ein Kauf moralische Rechte? Hat Casanova ihn oder seinen Vorgänger zum Vollstrecker seines letzten Willens eingesetzt?«

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig drückte sich in seinem 1928 erschienenen Casanova-Essay nicht eben zurückhaltender aus: »Bis heute fehlt der Originaltext seiner (Casanovas) Memoiren. Was wir kennen, ist leider nur eine willkürliche und durchaus eigenmächtige Verballhornung, die der Verlag F. A. Brockhaus, der Besitzer des Originalmanuskripts, durch einen französischen Sprachlehrer vor hundert Jahren anfertigen ließ. Nichts wäre natürlicher, als wenigstens der Wissenschaft endlich Einblick in den tatsächlichen Text Casanovas zu gewähren, und selbstverständlich haben sich Gelehrte aller Länder, Mitglieder der Akademien, in dringlichster Weise um diese Erlaubnis bemüht.

»Aber gegen die Brockhaus kämpfen selbst die Götter vergebens: Das Manuskript blieb dank der Eigenmächtigkeit und Eigenwilligkeit der Besitzer unsichtbar im Eisenschrank der Firma versperrt, und so erleben wir den sonderbaren Fall, daß zufolge der Willkür eines einzelnen eines der interessantesten Werke der Weltliteratur nur in grober Entstellung gelesen und gewertet werden kann. Selbst eine Angabe stichhaltiger Gründe für seine kunstfeindliche Hartnäckigkeit ist das Haus Brockhaus der Öffentlichkeit bis heute schuldig geblieben.«

Eine solche Erklärung versucht der Brockhaus-Verlag in seinem Prospekt zur neuen »Edition Integrale« der Casanova-Memoiren heute wenigstens zum Teil nachträglich zu geben: »Die heutigen Inhaber des Verlags haben keinerlei Aufzeichnungen ihrer Vorgänger gefunden, die das Nichterscheinen des Urtextes begründen. Für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Grund wohl in der Haltung des viktorianischen Zeitalters zu suchen. Als aber Albert Brockhaus, Inhaber des Verlags von 1881 bis 1921, eine große kritische Ausgabe mit zeitgenössischen Bildern plante, verhinderte der Erste Weltkrieg die Ausführung.«

Erst die Gegenwart, so heißt es weiter, könne »Bearbeitungen nicht billigen, sie fordert mit Recht, man müsse den Schriftsteller mit seinen eigenen Worten reden lassen, und sei es auch um den Preis gewisser Derbheiten, sprachlicher Nachlässigkeiten oder Italianismen«.

Tatsächlich läßt die neue Ausgabe der Memoiren einen sehr viel nüchterneren und männlicheren Casanova erkennen, als nach den - zum Teil bis zur Unkenntlichkeit bearbeiteten - süßlich erotischen Fassungen zu vermuten war. In den zahlreichen Bearbeitungen drückt sich zum Beispiel Casanovas Begeisterung über die jeweils letzte Geliebte meist umständlich verbrämt aus - fast nie fehlt es an schwülstigen Vergleichen mit den Göttinnen und Nymphen der griechischen Sagenwelt. Die Edition Integrale zeigt, daß es dem erotischen Massenkonsumenten Casanova viel mehr auf anatomische und physiologische Realistik ankam. Bearbeiter Jean Laforgue, so meint der Brockhaus-Verlag heute, habe »die kultur- und geistesgeschichtlichen Bezüge des Textes in zahlreichen Fällen in die Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts übertragen«.

Dem nach so langer Verzögerung immerhin möglichen Verdacht, daß er nun wiederum bloß eine Bearbeitung der Casanova-Memoiren herausbringe, möchte der Brockhaus-Verlag mit dem Hinweis darauf entgegentreten, daß er beabsichtigt, Anfang 1961 auch noch eine Faksimile-Ausgabe der originalen Handschrift herauszugeben - sofern sich im voraus für dieses kostspielige Unternehmen genügend Subskribenten finden.

* Jacques Casanova de Seingalt: »Histoire de ma vie«; F. A. Brockhaus-Verlag, Wiesbaden; 6 Doppelbände zu je 25 Mark.

Casanova (vom Bruder gezeichnet)

Nach 140 Jahren ...

... zum erstenmal ungekürzt: Casanova-Illustration (Stich noch Watteau)

Rezensentin Johanna Schopenhauer

Rücksicht auf Damen

Verleger Friedrich Arnold Brockhaus

Vorsicht vor der Zensur

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