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PLAGIATS-PROZESS Aus dem Unterbewußtsein

aus DER SPIEGEL 12/1965

Immer wenn der Nachtschwärmer -Schlager »Tanze mit mir in den Morgen« erklingt, sind Tausende deutscher Opernfreunde entrüstet: In der Refrain -Melodie dieses »Mitternachtstangos« glauben sie zwölf Takte der Magdalenen-Arie aus der rühr- und wirksamen Volksoper »Der Evangelimann« zu erkennen.

Opern-Puristen und Wunschkonzerthörer schickten deshalb dem Berliner Musik-Verlag »Bote und Bock«, der das Erbe des »Evangelimann«-Komponisten Wilhelm Kienzl (1857 bis 1941) hütet, so viel Protest-Post, daß »Bote und Bock« vor Gericht ging, um den Tango verbieten zu lassen, den der Sänger Gerhard Wendland berühmt gemacht hat (über eine Million Schallplatten). Letzte Woche, beim dritten Termin im zweijährigen Rechtsstreit, wollte die 16. Zivilkammer des Berliner Landgerichts noch immer keinen Spruch fällen - obwohl der Musikwissenschaftler Siegfried Borris als Gutachter erklärte: »Der Komponist hat so eindeutig (aus der Magdalenen-Arie) übernommen, daß eine Entlehnung feststeht.«

Der Frankfurter Tango-Komponist Karl Götz ("Das Klavier über mir") indes, der seinen Schlager »Tanze mit mir in den Morgen« dem Frankfurter Verlag »Melodie der Welt« zur Verbreitung überlassen hat, will den Kollegen Kienzl nicht einmal kennen. Götz: »Den haben wir auf dem Konservatorium nicht durchgenommen.«

Der Rechtsvertreter der »Melodie der Welt«, Dr. Nordemann, bot dem Gericht immerhin eine Freudsche Erklärung für die Übereinstimmung von Schlager und Oper an: Komponist Götz, so meinte der Anwalt, habe vielleicht einmal Kienzls Arie »Johannes schläft, doch schwere Träume quälen ihn« gehört und im Unterbewußtsein behalten. Beim »Schöpfungsakt des Tango« sei das »Unterbewußtsein dann plötzlich hochgekommen«. So habe Götz glauben dürfen, es sei sein eigenes Werk. Nordemann: »Bitte beweisen Sie das Gegenteil.«

Daß der Schlagerkomponist Götz tatsächlich einmal Margaretens Schlaflied gehört hat, ist durchaus wahrscheinlich. Denn Kienzl-Klänge sind in Rundfunk -Wunschkonzerten, auf Schallplatten (46 Editionen), im Fernsehen und in Opernhäusern so beliebt, daß sie alljährlich noch 150 000 Mark Tantiemen einspielen.

Dem Götz-Tango war noch ein anderer Plagiatsvorwurf angelastet worden

- den jedoch hat ein Münchner Gericht

bereits in der zweiten Instanz entkräftet: Komponist Götz hat demnach in seinem Schlager melodisch nicht auch noch aus dem »Wendlinger Schrammelmarsch« zitiert.

Komponist Götz

Tango und Evangelimann

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