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VON CRAMER Aus der neuen Welt

aus DER SPIEGEL 48/1964

Als Aldous Huxley 1932 seinen satirischen Roman von der »schönen neuen Welt« schrieb, verlegte er sein imposantes, gruseliges und keimfreies Utopia noch in ein fernes Jahrhundert.

32 Jahre später, in Heinz von Cramers neuem Erzählungsband »Leben wie im Paradies«, ist diese neue Welt bereits Wirklichkeit oder doch im Begriff, Wirklichkeit zu werden*.

Denn auch für den 40jährigen 47er, Hörspielautor, Funkregisseur, Fontane -Preisträger und Librettisten von Boris -Blacher- und Hans-Werner-Henze -Opern, der alle drei Jahre ein Erzählbuch produziert ("San Silverio«, 1955; »Die Kunstfigur«, 1958; »Die Konzessionen des Himmels«, 1961), hat die Zukunft längst begonnen.

Um mit dieser Zukunft besser Schritt zu halten als sein typischer Mitmensch von 1964, »der sich in seiner Mentalität, in seiner Art zu denken noch gar nicht darauf einstellen kann, hat sich Cramer an einem für zeitgenössische deutsche Autoren ungewohnten epischen Genre versucht: der intellektuellen Science-Fiction-Fabel.

Und Cramers moderne Zeiten - der strenge Moralist und besorgte Aufklärer demonstriert es mal mit Ironie, mal als apokalyptischer Visionär - sind gefahrvoll genug.

So dämonisiert in einer der zehn Geschichten ein verwitweter Mathematik -Professor - Typ alter Mensch in neuer Welt - die elektronische Rechenmaschine, mit der er arbeitet: Er füttert sie nicht nur mit Rechenexempeln, deren prompte Lösung ihn demütigt; er informiert sie auch per Lochstreifen: »Ich kann dich zerstören«, und glaubt sich dann von seinem Computer bedroht, als der dieselbe Information wieder ausspuckt.

Schluß der Geschichte: Der Professor, von Angstträumen und Verfolgungswahn zerrüttet, demoliert sein Elektronengehirn mit der Axt, empfindet sich aber selbst schon als »komplizierte Maschine« und beschließt: »Ich muß hinaus. Zur Baustelle. Wo die Starkstromkabel sind. Dort, ja, dort muß ich mich anschließen.«

Ein zweiter Cramer-Typ, Nachtwächter auf der einsamen Baustelle eines Wolkenkratzers, fühlt sich von geheimnisvollen Luftgeistern verfolgt und versucht ihnen mit Axt, Hacke und Dynamit zu Leibe zu rücken. Und noch weitere Arten von Wahnsinn und fixer Idee grassieren in Cramers neuen Paradiesen. Der Autor illustriert Programmierung und Manipulation, er präsentiert den Astronauten John »Spaceman« Gould nebst zahlreichen Doubles auf Goodwill -Tour in Südamerika und liefert ein besonders bemerkenswertes Beispiel von - unfreiwilliger - Entwicklungshilfe.

Die ruhmreichen Teilnehmer einer »Internationalen Konferenz zur Koordinierung von Wissenschaft und Kunst im Rahmen okzidentaler Kultur«, die auf hoher See an Bord der »Lauretania« tagen, werden von riesenhaften Negern gekapert und in eine unbekannte Großstadt verschleppt, wo sie allmählich, einer nach dem anderen, verschwinden. Denn die Repräsentanten europäischen Geistes, so entdeckt ein noch verschonter Anthropologe beglückt, sind unter die »Rapa-arafa« geraten - unter »Urstämme, die dem Glauben anhingen, daß man Kraft, Gewandtheit und Geist eines jeden Menschen dem eigenen Körper zuführen könnte, indem man diesen Menschen verzehrte mit Haut und Haar«.

Einzig die zwanzig Schriftsteller der »Lauretania«-Konferenz, so will es von Cramer, bleiben von den bildungshungrigen Kannibalen verschont; an ihrer Kraft und ihrem Geist besteht offenbar kein Interesse. Unbehelligt debattieren sie weiter über »Reinigung der Sprache in allen Sprachen vom technischen Jargon, Erneuerung der Sprache in allen Sprachen durch das phonetische Experiment, Rückkehr zu einer schönen Literatur, Gleichmut, Gelassenheit, Neutralität, was auch die Welt in den Angeln bewegt« - über alles demnach, für das auch der engagierte Literat Heinz von Cramer keinen Appetit verspürt.

Dabei hätte ein klein wenig mehr an »schöner Literatur« genügt, um Cramers »Leben wie im Paradies« dem Leser schmackhafter zu machen.

Cramer hat seine wohlfundierten, einfallsreichen und unverhofft witzigen »variablen Themen« äußerst kunstvoll verknüpft; seine Mimikry-Sprache jedoch, die sich ihrem jeweiligen Stoff anzupassen versucht, ist über weite Strecken so monoton, undifferenziert und reizlos wie in den vorangegangenen Büchern »Die Konzessionen des Himmels« und »Die Kunstfigur«.

Cramers Gestalten, eher thesenbeladene Typen als Individuen, haben bereits das Aussehen, vor dem der Mahner Cramer alle Menschen bewahren möchte. Sie wirken wie Mechanismen - wie Kunstfiguren.

* Heinz von Cramer: Leben wie im Paradies« Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 292 Seiten; 17,80 Mark.

Autor von Cramer

Haut und Haar für Rapa-arafa

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