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KUNST Aus der Versenkung

Revision für einen Visionär? Die lange Zeit geringgeschätzten Phantasie-Bilder von Edgar Ende werden wieder publiziert und ausgestellt. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Inspiration suchte der Maler einsam auf dem Sofa. Wenn Edgar Ende (1901 bis 1965) Bedarf an neuen Motiven spürte, schloß er sich im Atelier ein, verdunkelte den Raum, machte es sich bequem und gab sich Mühe, nichts zu denken - was er »oft stundenlang« nicht schaffte.

Dann aber leerte sich doch endlich das Bewußtsein, und anschaulich trat dem Künstler eine »innere Welt« entgegen: eine Bilderfolge »in dauernder Bewegung und Veränderung, oftmals dunkelblau mit weißgelblichem Licht, dann wieder von einer Farbigkeit, die Glasfenstern ähnlich ist«. Mal erschien das Geschaute scharf und plastisch, »wie mit einer Lupe gesehen«, mal hingegen »nebelhaft zerfließend«.

Um das Seelenkino möglichst nicht zu stören, schaltete Ende nur das Lämpchen an einem dafür konstruierten Spezialbleistift ein und begann, seine Visionen zeichnend festzuhalten - als Momentaufnahmen auf postkartengroßen Blättern. Mit ganzen Stapeln solcher Skizzen tauchte er schließlich, bisweilen nach mehr als 24 Stunden, aus der schöpferischen Versenkung auf.

Sorgsam archiviert, lag das Bildmaterial aus der Dunkelkammer dann zu weiterer Verwendung bereit. Früher oder später holte Ende einzelne Skizzen wieder hervor und setzte sie in säuberliche Zeichnungen sowie düstere Gemälde um, die dem Betrachter eine rätselhafte Traumwelt vor Augen führen: Auf grenzenlosen Ebenen posieren gesichtslose Nackte, Skulpturenfragmente schweben durch Innenräume, ein Engel lenkt einen Kahn durch die Luft, im Gulli wird ein unterirdisch dahinstürmendes Wolfsrudel sichtbar.

Daß Bilder dieser Art vor mehr als 50 Jahren Wirkung zeigten, ja Aufsehen erregten, ist in schönen Anekdoten überliefert. Der Kritiker Franz Roh, der eine Spitzenauswahl davon leihweise in seiner Münchner Wohnung hatte, berichtete 1933, sämtliche Besucher (die übrigens an »abstrakteren Gestaltungen glatt vorbeimarschierten") seien vor Endes Werken »wie festgenagelt« stehen geblieben; alle habe er gebannt: »den Künstler, den Versicherungsagenten, den kessen Backfisch und die schwere Waschfrau«. Und vor dem Schaufenster der Galerie Goltz, ebenfalls in München, sollen sich, als 1929 da ein Ende-Bild ausgestellt war, »Menschen aller Stände derart zusammengerottet« haben, daß Polizei die Brienner Straße räumen mußte.

Stehen solche Betrachter-Rotten erneut bevor?

Edgar Ende, eine Art deutscher Sonder-Surrealist, hatte es erst zu punktueller Berühmtheit gebracht, als er der offiziellen Mißachtung durch die Nazis anheimfiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zwar keineswegs geschnitten und nahm an diversen Ausstellungen teil, wirkte aber wenig aktuell. Daß er bis heute vergessen worden wäre, läßt sich kaum behaupten. Nur: »Er war nie richtig da.«

So sieht es sein Sohn, der »Unendliche Geschichte«-Erzähler Michael Ende,

dem ein für Phantasten günstigerer Zeitgeist ungleich mehr Resonanz beschert hat. Das Generationenproblem gehört, diesen Samstag um 14.30 Uhr, zum Thema einer ZDF-Sendung über die beiden Endes. Sie ist ein Indiz unter anderem dafür, daß Michael Endes Erwartung, »irgendwann« werde es klappen, seinem Vater einen würdigen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern, bald in Erfüllung gehen könnte.

»Es wird jetzt klappen«, prophezeite der Düsseldorfer Autor Jörg Krichbaum, rühriger Impresario eines Edgar-Ende-Revivals, schon in einem 1985 gedruckten Vier-Tage-Gespräch mit dem Junior. Nun hat er außerdem eine üppige Monographie über den Maler mit Texten etlicher Verfasser herausgegeben. _(Michael Ende, Jörg Krichbaum: »Die ) _(Archäologie der Dunkelheit«. Edition ) _(Weitbrecht, Stuttgart; 176 Seiten; 20 ) _(Mark. Jörg Krichbaum (Herausgeber): ) _("Edgar Ende. Der Maler geistiger ) _(Welten«. Edition Weitbrecht; 192 Seiten; ) _(98 Mark. )

Und er hat, gestützt auf mehrjährige Recherchen für ein künftiges Ende-Werkverzeichnis, eine Ausstellung in die Wege geleitet, die am 25. November mit rund 65 Gemälden und ebenso vielen Zeichnungen im Münchner Lenbachhaus eröffnet und später noch in Hamburg, Mannheim und Wuppertal gezeigt wird.

Weder er selbst noch einer der anderen Museumsdirektoren hätte die Vorarbeit übernehmen können, so meint Lenbachhaus-Herr Armin Zweite, der noch ein wenig unsicher spekuliert: »Vielleicht machen wir eine Entdeckung.« Wenn nicht, findet er Ende jedenfalls als »Münchner Figur« interessant.

Einen Heimvorteil hat Edgar Ende auch auf der zweiten Ausstellungsstation, in Hamburg: Der Kleinbürgersohn war in Altona, damals Nachbarstadt heute Stadtteil, geboren und hatte dort die Kunstgewerbeschule besucht, später noch Abendkurse in Hamburg. Rückblickend fühlte er sich freilich als unbeirrtes Naturtalent ("Meine künstlerische Entwicklung ist wohl kaum von einem Lehrer bestimmt worden"), auf das allenfalls der längst verstorbene Deutschrömer Hans von Marees Eindruck machte. Schon sein erstes Ölbild, das er als Elfjähriger malte, habe seinem späteren OEuvre sehr ähnlich gesehen.

Bekannt sind jedoch erst Bilder der 20er Jahre. Und das angeblich früheste Beispiel aus Krichbaums Monographie, das 1937 in der Hamburger Kunsthalle als »entartet« konfiszierte, seither verschollene »Zirkus«-Gemälde, wird im Buch nur irrtümlich auf 1921 datiert. Tatsächlich stammte es von 1925, ebenso wie das kürzlich im Nachlaß des Malers Ivo Hauptmann entdeckte Ende-Bild »Nach dem Aufstand«, dessen statuenhafte Akte und überdeutliche Perspektivfluchten ganz bestimmte Erinnerungen an den malenden Metaphysiker Giorgio de Chirico wecken.

Michael Ende und mehrere Autoren der verwirrend vielstimmigen Monographie möchten da an bloße »Koinzidenz« glauben. Plausibler ist, bis zu genauerer Erforschung, denn doch die Annahme Wieland Schmieds, einzelne Hefte der italienischen Zeitschrift »Valori Plastici«, die schon seit 1918 De-Chirico-Kompositionen verbreitete, seien sogar bis Altona gelangt.

Auch von den Pariser Surrealisten, die ihrerseits auf de Chirico zurückgriffen, unterschied sich Ende keineswegs so fundamental, wie unerbittliche Fans das möchten (nämlich kaum mehr, als die Surrealisten sich voneinander abheben). Ferner wären Verwandtschaften zwischen Endes Malerei und der seit 1923 so genannten Neuen Sachlichkeit im einzelnen zu untersuchen.

Bei allen möglichen Parallelen: Edgar Ende bleibt gewiß ein Mann und Künstler von eigentümlicher Statur. Er war - sehr zur Enttäuschung verehrungssüchtiger Damen, wie sich der Sohn erinnert - kein glutäugiger Asket, sondern ein, »jovialer Mensch« mit »Embonpoint«, freundlichem Gesicht und unerfüllter Sehnsucht nach einer Akademieprofessur. Aber er war auch ein Melancholiker, der gelegentlich »tagelang im Bett liegenblieb, sich zur Wand drehte und nicht mehr wollte«.

Er war belesen in Mystik, Mythologie und Anthroposophie. Er ließ sich durch eine frühe Erzählung Michael Endes (der wiederum Gedichte nach Bildern des Vaters machte) zu einem symbolreichen Porträt des Sohnes anregen. Und er hielt es generell für möglich, Bildungsgut »heruntersinken« und, »unter Ausschaltung des Denkens«, verwandelt »wieder heraufkommen« zu lassen.

Was ihm an Motiven aufstieg - Abbilder einer geistigen Welt jenseits der Alltagsrealität -, das blieb für Ende selbst geheimnisvoll, nicht allegorisch und auf gar keinen Fall psychoanalytisch ausdeutbar.

»Kein Maler, sondern ein Erfinder von Bilderrätseln« wollte er sein, und seine Pinselführung fiel denn auch immer ein bißchen amateurhaft, ja »geradezu uninspiriert und langweilig« aus, so Museumsdirektor Zweite. Ähnliche Einwände können freilich auch gegen hochberühmte Ende-Kollegen wie de Chirico oder Rene Magritte erhoben werden. Und Zweite erwägt immerhin, die trockene Machart als ein Ausdrucksmittel für das »Lastende und Lähmende der Vision« aufzuwerten.

Vergebens redete, laut Michael Ende, die Familie auf den Maler ein, sich doch ein bißchen mehr um eine delikate »Peinture« zu bemühen. Auch daß er so etwas entrüstet als »Bestechungsversuch« ablehnte, brachte ihn, vielleicht, um ein stärkeres Echo.

Ganz nachzuholen ist die versäumte Publizität nicht mehr. Denn »fast zwei Drittel« dessen, was der emsige Seher hervorgebracht hat, sind nach Krichbaums Schätzung unwiederbringlich dahin. Vor allem verlor der Maler, der 1928 nach Bayern umgezogen war, in einer Münchner Bombennacht 1944 rund 290 Gemälde, 520 Gouachen, zahllose Zeichnungen und all seine Druckgraphik samt Presse.

Andere Ende-Werke jedoch verschwanden nur auf Zeit. So werden bei der geplanten Revision der Visionen im November auch rund 30 Bilder zu besichtigen sein, die noch vor einem Jahr unauffindbar schienen.

Michael Ende, Jörg Krichbaum: »Die Archäologie der Dunkelheit«.Edition Weitbrecht, Stuttgart; 176 Seiten; 20 Mark. Jörg Krichbaum(Herausgeber): »Edgar Ende. Der Maler geistiger Welten«. EditionWeitbrecht; 192 Seiten; 98 Mark.

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