Zur Ausgabe
Artikel 65 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Aus einer verdrängten Jugend

Erstaunliche Einblicke in die Jugendbiographie Sigmund Freuds gibt eine Sammlung von Briefen an einen engen Schulfreund, die nun erstmals veröffentlicht wird. Der Publizist Walter Boehlich, 67, Entschlüssler und Herausgeber dieser frühen Freud-Korrespondenz, beschreibt das Überraschende dieses Funds:
aus DER SPIEGEL 37/1989

Wer war Silberstein? Vor etwa dreieinhalb Jahrzehnten tauchte sein Schatten im ersten Bande der Freud-Biographie von Ernest Jones auf. Jones kannte einen der Brautbriefe Freuds und wußte aus ihm, daß Freud und Silberstein Schulfreunde gewesen waren, gemeinsam Spanisch gelernt hatten und daß ihre Wege später auseinander gegangen waren. Niemand konnte daraus schließen, daß wir damit das Ende eines Fadens in der Hand hatten, dessen Aufspulen uns tief in die Jugend und Entwicklungsgeschichte Freuds führen sollte, tiefer als irgendein anderes Zeugnis, und das aus zwei Gründen.

Für den reifen Freud sind viele andere ungleich wichtiger geworden, aber in den Jugendjahren hat ihm keiner näher gestanden, und keinem anderen hat er sich so unverstellt anvertraut wie Silberstein. Das ist das eine. Das andere ist der fast vollkommene Mangel an dokumentarischem Material, der sich nicht nur den widrigen politischen Zuständen sondern auch Freud selbst verdankt. Zweimal, 1885 und 1908, hat er die Spuren seiner Vergangenheit getilgt.

Beim ersten Mal hat er seine Gründe bekannt:

Ich kann nicht reifen und nicht sterben ohne die Sorge, wer mir in die alten Papiere kommt. Ich habe alle meine Aufzeichnungen seit vierzehn Jahren und Briefe … vernichtet. Alle alten Freundschaften und Beziehungen haben sich dabei mir nochmals präsentiert und stumm den Todesstreich empfangen.

Zu dem, was er damals vernichtete, müssen auch die Briefe gehört haben, die Silberstein ihm geschrieben hat, und hätte es nur an ihm gelegen, so hätten wir durch ihn nichts von seiner Freundschaft und seinem Freunde erfahren. Nicht vernichtet hatte er freilich seine Brautbriefe, und in einem von ihnen tritt Silberstein ein wenig aus seinem Schatten heraus:

Silberstein war heute wieder da, er hängt an mir wie früher. Wir waren Freunde in einer Zeit, da man in der Freundschaft nicht einen Sport und nicht einen Vorteil sieht, sondern den Freund braucht, um mit ihm zu leben … Wir bildeten mitsammen eine absonderliche gelehrte Vereinigung, die Academia Castellana, hatten eine große scherzhafte Literatur zusammengeschrieben … und langweilten uns nie einer in der anderen Gesellschaft. In seinen Gedanken ging er nicht gerne hoch hinaus, er blieb im Menschlichen, sein Gesichtskreis, seine Lektüre, sein Humor war bürgerlich, etwas philiströs dabei.

Wenn das die ganze Wahrheit wäre, bestände wenig Veranlassung zu der Frage, wer Silberstein war. Es hat aber dieser Silberstein etwas getan, was ihn uns verbindet: Er hat 80 Briefe und Postkarten aufbewahrt, die Freud ihm im Laufe von zehn Jahren, von 1871 bis 1881, geschrieben hat, in den letzten Schuljahren und während seiner gesamten Studienzeit. Sie liegen heute in Washington und haben, seit einige von ihnen und kleine Stücke von vielen bekannt geworden sind, die Neugier auf das Ganze geweckt, das sich als Schlüssel zu vielen Geheimnissen und Heimlichkeiten des jungen Freud erweist*.

Von tausenderlei Dingen weiß Freud da zu erzählen, von der Donauregulierung oder der Weltausstellung, von seinen Wanderungen und Bootsfahrten, von seiner Reise nach England und den mit ihr verbundenen Zukunftswünschen, von seinem Aufenthalt an der Zoologischen Station in Triest und seiner Erforschung der Fortpflanzungsorgane der Aale, vom Gründerkrach und den Balkanwirren, immer wieder von seiner Lektüre und den drei großen Sternen, die schon damals an seinem literarischen Himmel standen: Cervantes, Shakespeare und Goethe.

Nur wenig haben wir bisher darüber gewußt, wie Freud Wissen und Bildung erworben hat, so gut wie nichts darüber, wie er gewesen ist, bevor er bewußt in Dunkel hüllte, was er nicht preisgeben wollte. Wir kannten nur den, der seine Lehre entwickelt, verteidigt und darlegt, wußten aber nicht, wie er zu dem geworden war, der er später gewesen ist.

Die Briefe an Eduard Silberstein zeigten ihn auf der einen Seite als einen ganz normalen, wenn auch hochbegabten jungen Mann, als leidenschaftlichen Leser, als einen von vielen, die die Schule so wenig ausfüllt wie das pragmatische Studium, aber auf der anderen Seite zeigen sie beinahe von Beginn an ein erstaunliches psychologisches Interesse und Vermögen, eine Fähigkeit, sich selbst zu analysieren und zu beobachten, sich mit wilder Entschlossenheit auf die Frage nach Gott und dem Menschen zu stürzen, die in Umrissen schon den erkennen lassen, der der Begründer der Psychoanalyse werden wird. Anders gesagt, sie zeigen einen empfindungsfähigen jungen Menschen aus engen, bedrückenden Verhältnissen, immer geplagt von Armut und Entbehrung, der dabei ist, zu explodieren, sich auf hinreißende Weise zu entfalten und weit hinter sich zu lassen, was die Welt seiner Väter und Vorväter gewesen war.

Jacob, der Vater, war 1860 aus dem mährischen Freiberg nach Wien gezogen, um dort sein Glück zu machen. Er machte es nie. Sieben Jahre später, als Freud elf Jahre alt war, wurde in Österreich die Judenemanzipation durchgesetzt, die Monarchie erlebte ihre sieben fetten Jahre, Freud bezog kurz davor das Leopoldstädter Real- und Obergymnasium, eine Schule mit sehr hohem Anteil jüdischer Schüler. Dort hat er dann wohl den ein Jahr später eingeschulten Silberstein kennengelernt - aber nicht nur ihn.

Es ist nicht leicht, sich heute diese Welt vorzustellen, die für immer zerstört ist. Freud war in Freiberg geboren, aber seine Vorfahren stammten aus Buczacz und Brody, Silberstein war in Jassy geboren, ein anderer Schulfreund in Sanok, ein dritter in Galatz, ein vierter in Preßburg, ein fünfter in Kapovar und immer so weiter.

Es stimmt schon, daß Freud sich später als »ganz gottlosen Juden« bezeichnet hat, so wie es stimmt, daß er im Alter gesagt hat, er sei so unjüdisch erzogen worden, daß er nicht imstande sei, hebräische Buchstaben zu lesen, und es stimmt auch, daß schon sein Vater sich von der Orthodoxie abgewandt hatte. Dennoch ist Freud mit dem Alten Testament großgeworden, in der Philippsonschen Übersetzung, deren Abbildungen so tiefe Spuren bei ihm hinterlassen haben, dennoch ging er in den zehn Jahren des Briefwechsels mit Silberstein mit niemandem um als mit Juden, mit gläubigen und vor allem ungläubigen, schloß sich auch im Institut seines Lehrers Ernst Wilhelm Brücke nur ihnen an. Was immer er dachte, er fühlte sich als einer der rund 100 000 Juden, die zu seiner Zeit in Wien lebten.

Mit Silberstein verhielt es sich nicht anders. Er hatte sich noch ein wenig weiter von der Orthodoxie entfernt, sich schon als Kind gegen die Cheder-Erziehung gewehrt, vielleich auch diese und jene alte Moralvorstellung verabschiedet, nie aber aufgehört, Jude zu sein. Viel wissen wir noch immer nicht über ihn, einiges über seine weit über die Juristerei hinausgehenden Neigungen, manches über seinen Studiengang und die Zwänge, die ihn später genötigt haben, einen anderen Beruf auszuüben, im Getreidehandel. Daneben nahm er aktiven Anteil an der Politik, erwarb sich Verdienste im Kampf um die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien und starb hochangesehen 1925 (?) in Braila. Seit seiner Jugend sympathisierte er wie so viele seinesgleichen mit der Sozialdemokratie, und er ist es gewesen, der Freud mit deren Ideen bekannt gemacht hat. Freud schreibt ihm 1875:

In der Politik bin ich so herabgekommen, daß ich kaum mehr sagen kann, ich habe eine politische Meinung. Ich bin allerdings Republikaner, aber nur insofern, als ich die Republik für das einzig Vernünftige, ja Selbstverständliche halte. Von da bis zum praktischen Bestreben, die Republik einführen zu wollen - ist es ein weiter Weg. Sehr interessieren würde es mich zu erfahren, ob Deine Sozialdemokraten auch auf philosophischem und religiösem Gebiet revolutionär sind, ich meine, man kann leichter aus diesem Verhältnis erfahren, ob der Grundzug ihres Charakters wirklich der Radikalismus ist, als aus irgendeinem andern. Tu' mir drum den Gefallen und schreib mir, was Du in der Hinsicht erfahren kannst. Sozialistischen Bestrebungen bin ich übrigens sehr wenig abhold, obwohl ich keine von den Formen kenne, unter denen sie heute auftreten. Es ist wirklich sehr viel faul in diesem »Kerker«, Erde genannt, was durch menschliche Einrichtungen zu bessern wäre in Erziehung, Güterverteilung, Form des Struggle for existence u.s.f.

Wichtiger als Silberstein für Freuds Sicht auf den Sozialismus wurde sein Mitschüler Heinrich Braun, der auf seiten der Revisionisten eine entschiedende Rolle in der Geschichte der Sozialdemokratie gespielt hat. Mit Braun gemeinsam las Freud philosophische Autoren, später auch mit Josef Paneth, der gleichfalls bei Brücke studierte und schon während der Schulzeit zu Freuds engstem Freundeskreis gehörte.

Leid täte es mir z.B., wenn Du, der Jurist, die Philosphie gänzlich vernachlässigen würdest, während ich gottloser Mediziner und Empiriker 2 philosophische Kollegien höre und in Gemeinschaft mit Paneth den Feuerbach lese. Eines davon handelt - höre und staune! - über das Dasein Gottes, und Prof. Brentano, der es liest, ist ein prächtiger Mensch, Gelehrter und Philosoph, obwohl er es für nötig hält, dieses luftige Dasein Gottes mit seinen Gründen zu stützen. Ich schreibe Dir nächstens, sobald ein Argument von ihm eigentlich zur Sache spricht (wir sind jetzt nicht über Vorfragen hinaus), um Dir den Weg zur Rettung in den Glauben nicht abzuschneiden. (1874)

Obgleich Freud schon damals dezidierter Atheist war, nahm er Brentano äußerst ernst und setzte sich gründlich mit ihm auseinander. Der Linkshegelianer Ludwig Feuerbach, der Gott als Projektionsobjekt des Menschen erkannt hatte und dem Marx vielerlei verdankte, scheint da als Gegengewicht eingesetzt worden zu sein und hat ganz offensichtlich einen Einfluß auf Freuds späteres Denken gewonnen, von dem wir uns bisher keine rechte Vorstellung gemacht haben - auch der Verleugnungsstrategien wegen, zu denen der Begründer der Psychoanalyse neigte.

Ein halbes Jahrhundert nach seinen philosophischen Lehrjahren jedenfalls hat er auf eine Frage Ludwig Binswangers geantwortet: »David Friedrich Strauß und Feuerbach habe ich in jungen Jahren allerdings mit Genuß und Eifer gelesen. Es scheint mir aber, daß die Wirkung keine nachhaltige geblieben ist.« Die Wirkung war nachhaltig, und wir haben gute Gründe, dem Bekenntnis des 40jährigen, daß er in seiner Jugend keine andere Sehnsucht als die nach philosophischer Erkenntnis gehabt habe, mehr zu trauen als der Bemerkung des beinahe 70jährigen, er habe die Annäherung an die eigentliche Philosophie sorgfältig vermieden.

Gerade die erwähnte Sehnsucht war es ja, die sein Verhältnis zu Silberstein kühler werden ließ, weil er bei ihm nicht fand, was andere mit ihm teilten oder ihm mitteilten. Kenntnisse über Nietzsche und Eduard von Hartmann, die so lange für Freuds entscheidende Anreger gegolten haben, sind ihm durch den Freund Paneth vermittelt worden, darunter wohl auch Einblicke in Hartmanns »Philosophie des Unbewußten«, Materien, die Silberstein unvertraut blieben.

Mit ihm hatte er vor allem den Alltag geteilt, die Neigung zum Erlernen fremder Sprachen, die Lust am Abfassen kleinerer und größerer literarischer Versuche. Ihm hat er sich so freimütig mitgeteilt wie wohl niemandem sonst. Mit ihm konnte er über seine Lektüre so gut reden wie über seine politischen Ansichten, aber auch über Fragen der Moral und Ethik und eben der Religion:

Es ist auch merkwürdig, wie sich gewisse Feiertage durch eine ganz besondere religiöse Wirkung auf die Unterleibs-Organe auszeichnen. Z.B. wirken die Ostern verstopfend durch ungesäuertes Brod und harte Eier. Jom Kippur ist ein so funester Tag, nicht so sehr durch Gottes Zorn, als durch das Zwetschkenmus, das die Ausleerungen treibt. Trotzdem reichen solche Kennzeichen nicht aus, alle Feiertage von einander zu unterscheiden, und ein Empiriker wie ich, wird noch oft, wie auch dies Jahr, Neujahr und Purim verwechseln, weil an beiden eben nichts Spezifisches gegessen wird. Heute aber belehrt mich das Röcheln von 2 Fischen und einer Gans draussen in der Küche, dass der Versöhnungstag bevorsteht. (Ich übertreibe aber der Anschaulichkeit halber, denn die Bestien sind tot ins Haus gekommen.) Wie sehr die Allianz zwischen der Religion und dem Magen aber zum Vorteil der ersteren anschlägt, ist auf einen Blick gar nicht zu übersehen. Ich glaube, der Magen machte Revolution, wenn man die Religion abschaffen würde, und was das heissen will, mag man bedenken; es gibt Leute, die den Magen ohne weitere Verbündete für fähig halten, die Welt zu beherrschen. Vielleicht ist in dieser Allianz zwischen Verdauung und Erbauung die Ursache zu suchen, warum den Pfaffen die Frömmigkeit so wohl anschlägt - aber wir verlieren uns da in kulturhistorische Fragen, die uns eigentlich nichts angehen. Die Wahrheit ist, das Essen ist der hartnäckigste Gebrauch. Unsere Feste haben unsere Dogmatik längst überlebt, wie der Leichenschmaus den Toten. (1874)

Wenn derjenige, der das geschrieben hat, Feuerbach noch nicht gelesen hatte, dann trennte ihn wenigstens nur noch ein kleiner Schritt von dem Verfasser von »Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit«. Der Spott über das unmäßige rituelle Essen hat freilich noch einen höchst persönlichen Grund, den Freud drei Jahre später eingesteht:

Wir jungen Leute, die aus ihrer eigenen Familie halb draussen und in eine neue nicht hineingekommen sind, sind überhaupt die ungeeignetesten Personen, Feiertage zu goutieren.

Gab es neben Glauben und Unglauben, neben den Hoffnungen auch die Liebe? Silberstein, das zeigt sich, taumelt von einem Flirt in den anderen und sieht sich heftigen Ermahnungen des wenig älteren Freundes ausgesetzt, der besser zu wissen glaubt, was erlaubt ist und was nicht. Als Freud selbst liebt, erzählt er seiner Braut: »Als er noch ganz jung war, war Anna seine erste Liebe, dann begann er ein Verhältnis mit Fanny, dazwischen war er in alle Mädchen weit und breit verliebt, und jetzt ist er es in keine. Ich war's in keine und bin's jetzt in eine.«

Im selben Brief berichtet er, wie Silberstein und er Spanisch gelernt haben, nicht aber, daß sie auch ihre Korrespondenz nach Möglichkeit auf Spanisch führten, und zwar der Lage der Dinge nach in einem Spanisch, das vielfältiger Erklärungen bedarf und immer wieder Rätsel aufgibt, die kaum zu lösen sind. Unvermittelt vom Deutschen zum Spanischen wechselt Freud im Sommer 1872, als er Silberstein ein Geständnis macht, das Dinge betrifft, die sich in Freiberg, im Hause der Freunde Fluss, abgespielt haben: »Deshalb will ich nur sagen, que he tomado inclinacion para la mayor llamada Guisela« (daß ich Zuneigung zu der Größten namens Gisela gefaßt habe).

Einmal wenigstens war also auch Freud verliebt, in ein Mädchen von damals nicht ganz 13 Jahren. Er hat ihr nie gezeigt, was er für sie empfand, aber ihn selbst hat die Episode länger als ein Vierteljahrhundert beschäftigt. Zwar kann und will er dem Freunde nicht verbergen, was ihn gleichzeitig glücklich und unglücklich macht, er muß es zwanghaft aussprechen, reagiert aber sofort mit Abwehr. Drei Wochen später kommt er noch einmal - und diesmal sehr ausführlich - auf das Erlebnis zu sprechen und bekennt, daß ihm seine Neigung erschienen sei wie ein schöner Frühlingstag, und hebt Giselas wilde, thrakische Schönheit hervor, aber:

Mir scheint, dass ich die Achtung vor der Mutter als Freundschaft auf die Tochter übertragen habe. Ich bin oder halte mich für einen scharfen Beobachter, mein Leben in einem zahlreichen Familienzirkel, wo sich so viele Charaktere entwickeln, hat mein Auge geschärft, und ich bin voll von Bewunderung für diese Frau, der keines von ihren Kindern ganz nachkommt.

Kannst Du Dir vorstellen, daß eine Frau aus einem Bürgerhause, die anfangs in ziemlich schlechten Umständen gelebt hat, sich eine Bildung aneignet, deren sich ein 19jähriges Salondämchen nicht zu schämen brauchte. Sie hat sehr viel, und auch Klassiker gelesen, was sie nicht gelesen hat, davon hat sie gehört und weiss darüber zu reden. Es ist kaum irgendein Wissenszweig, der sich nicht dem Mittelstand allzusehr entzieht, ihr fremd, es wird in jedem solides Wissen freilich unmöglich sein, und doch weiss sie alles richtig zu schätzen. Dabei gesteht sie deutlich ein, dass man in Freiberg alles verlerne und nichts dazulernen kann. Ja, sie ist sogar in der Politik bewandert, nimmt an allen Angelegenheiten des Städtchens teil, und ich glaube, sie ist es vor allen, die das Haus in die moderne Strömung hineindrängt. Halte sie demnach aber nicht für einen verunglückten Blaustrumpf. Dass sie an der Führung des Geschäfts ebenso viel Anteil hat als Herr Fluss, habe ich selbst gesehen, dass alles Fabriksvolk der Frau ebenso gehorcht, dass sie ebenso gut und schärfer zu befehlen weiss, davon bin ich vollständig überzeugt. Nun solltest Du auch sehen, wie sie ihre 7 Kinder erzogen hat und erzieht. Wie sie ihr, die ältesten mehr als die jüngeren, gehorchen, wie keine Angelegenheit eines Kindes aufhört, die ihrige zu sein. Keines ihrer Kinder hat einen Gesichtskreis, der ihren Blick ausschlösse. Die Überlegenheit habe ich noch nie beobachtet. Andere Mütter - und warum verbergen, dass die unsrigen darunter sind? Wir werden sie deshalb nicht weniger lieben - kümmern sich nur um die leiblichen Angelegenheiten ihrer Söhne, über die geistige Entwicklung derselben ist ihnen die Kontrolle aus der Hand genommen. Frau Fluss kennt kein Gebiet, dass ihrem Einfluss entzogen wäre. Die Liebe solltest Du aber auch sehen, mit der die Kinder an dem Elternpaar hängen, und die Willigkeit, mit der sich ihr das Gesinde beugt. Dass sie Gisela am liebsten hat, kann ich ihr nicht verdenken … (1872)

Es ist auch später noch bisweilen die Rede von Gisela, die als »Ichthyosaura« im Mittelpunkte der Privatmythologie der beiden Freunde stand - dann aber eher beiläufig und sogar abwertend. Wie wenig es Freud gelungen war, Gisela aus seinen Gedanken oder aus seinem Herzen zu verdrängen, wissen wir aus Freuds Aufsatz »Über Deckerinnerungen« (1899), in dem er verdeckt die Geschichte seiner frühesten sexuellen Empfindungen und dabei auch die Geschichte seiner Begegnung mit Gisela erzählt. Wir wissen es aber auch aus dem »Hochzeitscarmen«, das er 1875, eben aus England zurückgekehrt, in absichtlich ungelenken Hexametern verfaßt hat. Sie erscheint dort als Blonde mit kürbisartigem Haupte, ist eine biedere Hausfrau geworden, bewandert in den von Freud verachteten Künsten der koscheren Küche. Aus den folgenden Zeilen müssen wir entnehmen, daß Gisela im Oktober 1875 einen Kaufmann namens Rosenzweig geheiratet hat:

Also nicht darf sie sich schämen, die Hand zu reichen dem Jüngling, welcher in Deutschland studiert die Kunst das Geld zu erwerben, Rosenzweig genannt, weil auf ihm sie blühet als Rose. Glücklich seien sie beide und reich sei gesegnet ihr Brautbett - beide untadligen Stamms, an Schönheit prangend und Reichtum.

In einem bewegenden Begleitbrief nimmt der junge Freud, der nun genau weiß, was er tun und werden will, Abschied von den Träumen seiner Jugend:

Hiermit endet diese Formation, hier versenke ich den Zauberstab, der zu ihrer Bildung beigetragen; eine neue Zeit ohne geheim wirkende Kräfte breche herein, die keiner Poesie und Phantasie bedarf. Niemand suche ein Prinzip woanders als in der Gegenwart, nicht im Alluvium oder Diluvium, nirgendswo als unter den Kindern der Menschen, nicht in der grausigen Urvergangenheit, da wilde Geschöpfe, vom Menschen ungestraft, am Sauerstoff der Atmosphäre zehrten.

Gisela sollte aus seinem Leben verschwinden, und mit ihr seine Träume, er wollte seinen Blick unbeirrt auf seine gelehrte und eben auch bürgerliche Zukunft wenden, durch harte Arbeit sich die Stellung in Wissenschaft und Gesellschaft erwerben, die ihm bis dahin nur undeutlich vorgeschwebt hatte, und er ahnte gewiß, daß ihm das nur durch vielfältige Entbehrung gelingen würde, auch durch die Entbehrung Giselas oder dessen, wofür sie stand.

Mit einer wilden Anstrengung suchte er sie aus seinem Herzen zu reißen. Was es in Wirklichkeit mit dem »Hochzeitscarmen« und der Verheiratung der 16jährigen auf sich hat, ist eine unglaubliche und verwirrende Geschichte, so voller falscher Spuren, Fallstricke und Fallgruben, daß man nicht glauben möchte, was sich doch nachweisen läßt: Ihre Eltern haben sie damals nicht verheiratet, wohl aber hat Freud das in seiner Imagination - poetisch - getan, um die Qual einer Neigung loszuwerden, die ihm unerfüllbar erschien und den gerade aus England Zurückgekehrten von all dem abgelenkt hätte, wozu er fest entschlossen war.

* Sigmund Freud: »Jugendbriefe an Eduard Silberstein 1871 - 1881«. Herausgegeben von Walter Boehlich. S. Fischer Verlag, Frankfurt; 256 Seiten; 42 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 65 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.