Sibylle Berg

Ausbeutung und Ungerechtigkeit Sie merken, ich bin richtig sauer

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Ein Leben in der Angstschlaufe: Arbeitslose werden ihrer Menschenrechte beraubt, selbst das sogenannte Containern ist verboten. Klappe halten, weiterschuften, brüllt das System.
Weggeworfene Lebensmittel: Dass ihre Entnahme aus dem Müll verboten ist, passt in das Szenario der größtmöglichen Einschüchterung

Weggeworfene Lebensmittel: Dass ihre Entnahme aus dem Müll verboten ist, passt in das Szenario der größtmöglichen Einschüchterung

Foto: Christiane Raatz / picture alliance / dpa

Was für ein ungemein schwaches, anfälliges, korruptes und unmenschliches System der Kapitalismus ist, zeigt sich in Krisen. In Italien bringen sich Menschen aus Angst um , die Märkte haben in der Katastrophenbewältigung versagt, die Großkapitalisten geschwiegen und abgewartet, dass der Staat eingreift. Retten, regulieren, ehe sie sich wieder am Geld der Gemeinschaft bereichern, den Staat bekämpfen, aushöhlen und ihre selbstgefällige Lüge von den erhaltenen Arbeitsplätzen weiterschwurbeln.

Die Behauptung, der Mensch brauche Arbeit, ist das bekannteste und wirksamste Mittel der Angstverbreitung, um das Mysterium des Kapitalismus und der freien Märkte fraglos weiter hinzunehmen. Nun brauchen die meisten Menschen das Gebrauchtsein und die Kreativität. Ganz sicher braucht niemand ein Ausbeutungsverhältnis. In dem man seine Lebenszeit verkauft, um Erholungszeiten bitten muss und sich sein Leben lang in einer Angstschlaufe befindet.

Die Arbeit verlieren, die Mietwohnung verlieren, die Ehre verlieren - um diesem Ausschluss aus dem glücklichen Volkskörper genug Schärfe zu verleihen, wird Arbeitslosen das Leben so schwer wie möglich gemacht. Eigentlich werden sie ihrer Menschenrechte beraubt, sie müssen sich in Ämtern vorstellen, von Geld leben, das sie vorm Verhungern bewahrt und sind draußen weggesperrt von allem Lebensinhalt, der den Menschen beigebracht wurde. Dem Konsumieren.

Dass auch die Entnahme von Lebensmitteln aus dem Müll, das sogenannte Containern, in Deutschland eine Straftat ist, passt in das Szenario der größtmöglichen Drohgebärde der Einschüchterung. Klappe halten, weiter schuften, brüllt das System, das nun zum großen Finale ruft. Widerstand zwecklos. Mit der Hilfe gut manipulierter Bedrohungseinheiten, kurz Rechtsradikale genannt, wird gerade mit der Unterstützung fast aller aktuellen Regierungen in den westlichen Ländern die kraftlose Gegenwehr der Menschlichkeit beseitigt.

"Steine gegen ein unmenschliches System, wie rührend"

Kritikerinnen werden bedroht, von diversen Medien diskreditiert. Und gerade läuft wieder, rechten Netzwerken in Armee und Polizei sowie Aufmärschen der freundlichen Faschistinnen von nebenan vor deutschen Regierungsgebäuden zum Trotz, eine Kampagne gegen die schreckliche Gewalt von links, die im hilflos wütenden Schmeißen von Steinen besteht. Steine gegen ein unmenschliches System, wie rührend. Ein System, das Pflegepersonal trotz großartiger Lobeshymnen miserabel bezahlt, das alleinerziehende Mütter in Pandemiezeiten vergisst, das die Zerstörung des Planeten rasant und energisch vorantreibt, das die Besitzer von Produktionsmitteln beschenkt, das die Chance der EU verschenkt hat, das Lobbyismus allerlei zynisch menschenfeindlicher Industrien zulässt.

Sie merken, ich bin richtig sauer.

Als eine der Millionen Kleinbürgerinnen dieser Zeit, abhängig von Entscheidungen, die so unsinnig sind, dass es selbst mir auffällt. Das Argument des Unterhändlers der Arbeitgeber in den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst war tatsächlich, wenn man Angestellte des öffentlichen Dienstes besser bezahlen würde, würde das Geld ja von der Gemeinschaft kommen, also praktisch von den Angestellten selber. Treffer, versenkt. Das Argument der Autoindustrie (die Entscheidung wird nun vermutlich vertagt), dass die Bürgerinnen doch Benzinautos subventionieren sollten, deren Halbwertszeit eindeutig abgelaufen ist, war... - ich habe es vergessen. Irgendein Schwachsinn mit Umstrukturierung und Zeit.

Was CEOs eben so sagen, was sie gelernt haben in den Eliteuniversitäten, wo immer die gleichen weißen, männlichen Nachkommen wohlhabender Familien sich darauf vorbereiten, Unternehmen zum Wohle weniger weiterzuführen, zu versenken, irgendwo anders weiter zu machen. Aber die Arbeitsplätze. Schon gut. Die Märkte kehren zurück, sagt gerade ein anderer Schwachkopf, und man kann es ihm nicht übel nehmen. Vermutlich glaubt er tatsächlich daran, dass jeder für sein Glück selber verantwortlich ist, solange er am richtigen Ort, ohne körperliche Beeinträchtigung, mit der richtigen Hautfarbe in die richtige - sprich wohlhabende - Familie hineingeboren wurde.

Hier in der Schweiz entscheiden wir gerade demokratisch darüber, ob männliche Arbeitnehmer zwei Wochen nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben dürfen. Vaterschaftsurlaub, zwei Wochen, das ist crazy. Falls die Vorlage angenommen werden würde, sollten wir alle voller Dankbarkeit sein, ruhig sein, friedlich sein. Dem Arbeitgeber zu Dank verpflichtet, denn die Menschen brauchen Arbeit.

Außer sie sind sehr, sehr reich. Dann brauchen sie keine Arbeit, sondern müssen sich in Dauerferien vom Reichsein erholen.

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