Sibylle Berg

Ausblick auf den Winter Wir haben ein Problem

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Wenn die reichsten Länder der Welt wegen Personalmangels kurz vor dem Kollaps stehen, dann ist klar: Das System ist kaputt.
Eine Mitarbeiterin der Pflege betreut in Schutzausrüstung einen Corona-Patienten (Essen, Oktober 2020)

Eine Mitarbeiterin der Pflege betreut in Schutzausrüstung einen Corona-Patienten (Essen, Oktober 2020)

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Fabian Strauch / picture alliance / dpa

Die Woche stand wieder im Zeichen des Aufmerksamkeitssyndroms, die Wahl in den USA, die weltweite Corona-Situation, die Morde in Frankreich und Wien. In der aufmerksamkeitsgetriebenen Zeit gibt es wenig Raum für Ruhe oder Nachdenken. Wer kann sich denn noch ein Denken leisten in einer Zeit, in der viele nur noch die Kraft haben zu agieren? In Monaten, die viele durchdrehen lassen vor Angst und Überforderung. Oder in denen sie einfach müde sind.

Die Menschen, die in Krankenhäusern und in der Pflege arbeiten, zum Beispiel. Sie wissen schon, die Leute, die man vergisst, solange man sie nicht braucht. Von denen erwartet wird, dass sie keine Fehler machen, Mut und Kraft spenden, freundlich sind, funktionieren und die Klappe halten. In der Schweiz – Sie wissen schon, die Schweiz, eines der reichsten Länder der Welt – entrüstete sich die Präsidentin der Gesundheitskommission Humbel über streikendes Pflegepersonal . "Das Pflegepersonal hat hingegen eine gesicherte Anstellung. Und so miserabel ist dessen Verdienst auch nicht. "

In Deutschland wurden die Schichten der Pflegenden verlängert .

Na, wird schon. Irgendwie werden sie den Winter durchhalten, denn sie haben wieder raue Zeiten vor sich. Die Intensivbetten werden knapper, in der Schweiz langen sie noch fünf Tage, ehe wieder das Zauberwort Triage Anwendung findet .

Was können Politiker*innen auch tun, wenn die Privatisierung der Krankenhäuser bald Standard wird ?

Was kann man tun, wenn man als Volksvertreter nicht den Mut hat, sich gegen das System zu stellen, das als alternativlos gilt ? Für die, die es per Erbschaft geschafft haben, über Kapitalbesitz zu verfügen, ist das System wunderbar. Private Krankenhäuser, der Chefarzt, aufmerksame Betreuung, und schon stehen Risikogruppen-Männer wie Donald Trump wieder fit auf der Bühne. Für die Mehrheit der Bevölkerungen, die 90 Prozent, heißt es einfach: Glück haben. Oder auch: selbst schuld, zu versagen in diesem alternativlosen System, das die meisten übermüdet und angstkrank gemacht hat. Mitleidlos und nur um das eigene Überleben kämpfend.

Überleben wird auch in der zunehmenden Coronakrise nur wieder, wessen Humankapital auf dem Arbeitsmarkt von Wert ist. Oder wer reich ist. Der Begriff Triage, also Selektion, der eigentlich das Versagen der Gesundheitssysteme beschreibt, wird wieder als historische Gegebenheit umgedeutet.

Ein Hoch der Privatisierung, lange lebe unsere Demokratie, in der demokratisch gewählte Vertreter indirekt über Leben und Tod entscheiden.

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Sibylle Berg

GRM: Brainfuck. Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 640
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27.11.2022 04.46 Uhr

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Ich habe das schlechte Gefühl, dass nach Corona vor Corona ist. Die Krisen werden sich häufen, klimabedingt. Oder ein paar Banker verzocken sich wieder. Oder das nächste Virus feiert die Globalisierung. Einige wenige werden gewinnen, werden sich unbesiegbar fühlen, werden nicht wissen, was Pflegepersonal leistet, oder Menschen, die jetzt seit fast einem Jahr auf Almosen angewiesen sind. Die um das Geld betteln, das eigentlich ihres ist.

Wenn jetzt alle nach Amerika schauen, in das Land, das wie wenige andere vorführt, wohin ein unregulierter Kapitalismus führt, dann muss klar sein, dass das der Weg ist, den auch Europa einschlägt. In Krisenzeiten wird klar, was Menschenleben wert sind, welche Wertschätzung die erfahren, die Gesellschaften in Krisen tragen. Es sind, kleiner Tipp, nicht CEOs und Schlachthausbesitzer.

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