Dmitrij Kapitelman

Faschismus Wenn der Bundespräsident gerade nicht da ist

Dmitrij Kapitelman
Ein Gastbeitrag von Dmitrij Kapitelman
Ein Gastbeitrag von Dmitrij Kapitelman
75 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung bleibt es brandopfergefährlich: Um zu wissen, wie es um das antifaschistische Versprechen steht, müssen Sie als Jude im Jahr 2020 nur ein Krankenhaus in Leipzig besuchen.
Halle (Saale): Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde

Halle (Saale): Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde

Foto: Hendrik Schmidt/DPA

Ich wollte die Rede des Bundespräsidenten im Yad Vashem nicht hören. Geradezu giftig stand ich Steinmeiers Auftritt in Israel gegenüber. Egal wie tief sich das erste deutsche Staatsoberhaupt im Schoa-Tempel vor den Toten verneigt, es bleibt brandopfergefährlich, Jude in der Bundesrepublik zu sein. Gefährlich, muslimisch, antifaschistisch oder schlicht nicht weiß in der Bundesrepublik zu sein. Ganz egal, welche Jahreszahl vor dem KZ steht.

In Leipzig habe ich als Jude immer noch wenig Vertrauen, dass dieser Staat uns schützt. Stattdessen Angst die Polizei zu rufen, weil ich nicht weiß, ob meine Adresse dadurch in rechten Netzwerken landet. So wie die von Seda Basay-Yildiz, Anwältin der Familie eines vom NSU hingerichteten Einwanderers. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz können wir nicht sicher sein, ob die Beamten, die unsere Synagogen bewachen (müssen), nicht nebenbei Hitler-Bilder in WhatsApp-Gruppen teilen. Oder einen als Hitler verkleideten Mann auf einem Wehrmachtsmotorrad  offenbar total lustig finden.

Zum Autor

Dmitrij Kapitelman
Dmitrij Kapitelman

Dmitrij Kapitelman wurde 1986 in Kiew geboren. Er arbeitet als freier Journalist und Schriftsteller. 2016 veröffentlichte Kapitelman "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters", in dem Buch setzt er sich mit seiner Familiengeschichte und seiner jüdischen Identität auseinander. 2021 erscheint sein zweiter Roman im Hanser Verlag.

Bundespräsident hin, Bundespräsident her. Der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes war Wunschkandidat der Thüringer AfD für das Ministerpräsidentenamt. Der rechtsextreme „Flügel“ der AfD wurde vom Verfassungsschutz zum Verdachtsfall erklärt. Und die sächsische CDU rückt keinen Millimeter vom Hufeisen  ab, seit 30 Jahren nicht. Nur eine von Gott gesandte Tür hatte die jüdische Gemeinde in Halle gerettet. Dort hat auch Karamba Diaby, ein afrodeutscher Sozialdemokrat mit Sitz im Bundestag, sein Wahlkreisbüro, das jüngst beschossen wurde. Anschließend bekam er auch noch Morddrohungen.

Splitter, die ins tägliche Leben ragen

Und das sind lediglich einige der gröbsten, herausstechenden politischen Splitter. Es ragen so viele kleine mehr in das tägliche Leben.

Trotz allem, als Steinmeier ans Rednerpult schritt, von etwas alberner Märchenlandmusik aus Harfen und Pappflöten begleitet, stellte ich überrascht fest, dass mein Herz schneller, betroffener schlägt. Während der Reden von Rivlin, Netanyahu, Putin, Macron und Prinz Charles schlug es nicht an. Offen gesagt, schaute ich Basketball nebenher, reinigte meine Zähne endlich mal mit Zahnseide und sogar mit diesem Stöckchen für die Zahnzwischenräume, gab dreimal mein Passwort falsch in die Finanzapp ein und wurde von der Postbank gesperrt (zu Unrecht!).

Beim deutschen Repräsentanten in Israel legte ich aber schlagartig alles bei Seite.

Wehe, Steinmeier nimmt jetzt nicht zur deutschen Nazigegenwart Stellung, dann ist mein Tag im Eimer. Eine gute, unerwartete Nervosität. Denn in letzter Zeit dachte ich oft, ich hätte schon resigniert. Mich auf ein Leben in Misstrauen eingestellt. Nie wieder, eine ewige Worthülse. Gleichzeitig daran zweifelnd, ob so ein Leben gelingen, ob es gesund sein kann.

Doch Steinmeier sagte etwas zum Jetzt: dass die Deutschen eben nicht aus der Vergangenheit gelernt haben, obwohl er das gern sagen würde. Dass deutsche Menschen mordeten, in Halle wieder morden wollten, jüdische Kinder anspucken, dass die deutsche Verantwortung nicht vergeht, dass sich Deutschland an eben dieser Verantwortung messen lassen muss.

Danke.

Diese Signale von der Spitze des Staates sind wohltuend. Aber die Spitze ist eben auch maximal entfernt von den Abgründen. Der Bundespräsident sitzt im Schloss von Bellevue, wenn ein altes Arschloch in Zwickau eine schwangere muslimische Frau mit seinem Auto rammt, sie aus ihrem Wagen zerrt, und „Ausländer raus“ brüllt. Der Bundespräsident ist nicht da, wenn ein vierjähriges Kind in Dresden vom Dreirad getreten wird, weil es „arabisch“ ist.

Schadet Antifaschismus etwa?

Er moderiert auch nicht die Facebook-Kommentarspalten, wo Juden, Muslimen, Antifaschisten, Feministinnen, Klimastreikern und Journalisten täglich die Gaskammer angekündigt wird. Manche Deutsche weigern sich 2020, die Verantwortung für ihr Billighühnchen und Auto anzunehmen, wo sollen da sechs Millionen tote Juden hin?

Verstehen Sie mich nicht falsch, selbstverständlich kann Steinmeier das nicht alles leisten. Soll er auch gar nicht. Das müssen die anderen Verantwortlichen bekämpfen, wir, alle. Auch die Juden. Die Lehre aus Auschwitz kann nicht lauten, dass jüdisches Leben von nun an heilig ist. Sondern dass der grundsätzliche Wert eines Menschenlebens unermesslich bleibt und nie zu einer Kategorie, einer Identitätspolitik, einer irgendwo aufgeschriebenen Zahl degradiert werden darf. Sei es auf einem Arm oder in einer Akte. Akten liegen bestimmt auch im Berliner Finanzamt für Körperschaften I, das der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen, kürzlich die Gemeinnützigkeit aberkannte.

Deutschland soll sich an seinem Umgang mit dem faschistischen Erbe messen lassen, aber Antifaschismus ist nicht länger nützlich für die deutsche Allgemeinheit? Wie das? Schadet Antifaschismus etwa all den Bürgermeistern kleinerer Orte, die wegen rechter Dauerdrohungen ihr Amt hinwerfen? Oder den verbliebenen Splitterjuden in Deutschland, ist Antifaschismus schlecht für ihre Gemeinden? Vor 87 Jahren wäre allgemeiner Antifaschismus uns ungemein nützlich gewesen, der reinste Sauerstoff.

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Kapitelman, Dmitrij

Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Seitenzahl: 288
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Ich habe viel darüber nachgedacht, welches Beispiel aus meinem Alltag ich Ihnen schildern könnte, damit Sie diese Mischung aus Angst, Wut, Entsetzen, Misstrauen, Verbitterung und Abstumpfung nachempfinden können. Diesen Teppich aus Splittern, den so viele Menschen verschiedenster Herkunft und Religion gegenwärtig in sich tragen, auch viele Deutsche.

Sodass sie sich fragen, wo ihre Schmerzgrenze liegt, wann es Zeit wäre, zu gehen. Aus jenem hassenden und hetzenden Deutschland, das Steinmeier in Israel zum Glück eingestanden hat.
„Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist“, sagte Hessens ehemaliger Regierungspräsident, Walter Lübcke, das bitter nötige Recht auf Asyl verteidigend. Und wurde dafür von Nazis in seinem Haus erschossen.

Gehen wir zu einem ambulanten Urologen in ein Leipziger Krankenhaus. Wo ich mit blankem Bauch auf der Ultraschallbank liege und Hilfe brauche, als der junge Arzt mit rosigen Wangen fragt, was ich beruflich mache. Journalist, sage ich.

„Aha“, reagiert der Doktor irgendwie angetan und angestachelt zugleich, dreht sich von den Geräten weg und will wissen, für wen und worüber ich so schreibe. Als wir auf den parlamentarischen Arm des Rechtsterrorismus, die AfD, zu sprechen kommen, sind schon locker 20 Minuten vergangen. Weder besonders angenehme, noch unangenehme 20 Minuten Gespräch – ich wäre halt lieber erst mal medizinisch untersucht worden. Aber soll ich sagen, halt die Klappe und kümmere dich um meine Niere? Davon wird der Arzt sicher nicht gründlicher arbeiten.

„Hier im Krankenhaus wählen fast alle AfD. Die Sanitäter, die schichthabenden Polizisten, die Ärzte, die Krankenschwestern. Eigentlich alle, die beruflich immer wieder in die Scheiße müssen. Klar, die sehen dann nur die Probleme und haben ein verzerrtes Bild. Ich selbst bin übrigens bei der CDU. War sogar bei der Jungen Union, aber vor allem wegen der Partys.“

Ich lächle höflich, wie man eben in den Händen eines Urologen lächelt.

„Trotzdem habe ich Verständnis dafür, dass manche AfD wählen“, meint der behandelnde Arzt. Während mir langsam etwas kalt wird um den Magen.

„Ich hatte hier neulich einen alten Patienten. Dem blieb kaum mehr Geld für die Bahn nach Hause. Und dann saß neben ihm ein Flüchtling mit Taxigutschein zum Asylheim. Wie soll man das dem Rentner, der sein Leben lang eingezahlt hat, erklären?“

„Ich habe eine etwas andere Perspektive,“ antworte ich, inzwischen die Hände schützend überschlagen vor dem Bauch.

„Für mich als Juden ist unbegreiflich, dass eine Partei, die den Holocaust verlacht, im deutschen Bundestag sitzt und Volksparteiwerte einfährt. Bei allen materiellen Engpässen und ungerechten Verteilungen, die es mitunter in Deutschland geben mag.“

Die Körperspannung meines Arztes nimmt zu. Er wirkt jetzt noch diskussionsfreudiger. Ein kokett-konzentriertes, wie zum Porträt stilisiertes Zuhörgesicht. „Wirklich? Die AfD relativiert den Holocaust? Das wusste ich nicht.“

„Gauland hat den Holocaust einen Fliegenschiss der Geschichte genannt. Höcke marschierte mit Nazis. Die Betreiber der KZ-Gedenkstätte in Buchenwald haben ihn ausdrücklich von Trauerfeiern ausgeladen.“ Ich hole noch weitere Splitter aus diesem Holz hervor.

„Aber das wissen viele Wähler eben nicht“, sagt der Arzt.
Die unwissenden Deutschen, wieder. Oder Holocaust ist einfach nicht mehr so wichtig? Mal gut jetzt? Hauptsache keine Syrer mit teuren Handys mehr.

„Doch. Vor den Wahlen in Thüringen gab es eine Umfrage unter potenziellen AfD-Wählern, ob sie wegen der Naziparolen für die Höcke-AfD stimmen. 71 Prozent fanden  seinen Landesverband genau richtig, das sind keine Protestwähler."

Ein paar Sekunden Schweigen treten ein, nur die Schritte auf dem Flur sind zu hören.

 „Ja, das ist natürlich ungeheuerlich“, diagnostiziert der ambulante Arzt schließlich. Und erzählt, etwas reflexhaft, von seinen Großvätern. Einem, der dabei half, Juden zu töten. „Ein richtiges Schwein.“ Und einem, der welche bei sich versteckt habe.

Wahrscheinlich ist inzwischen eine Stunde vergangen und die draußen wartenden Patienten müssen denken, ich sei Patient einer komplizierten Notoperation. Der Doktor rät am Ende, schön viel Wasser zu trinken und Aufregung zu vermeiden.

Nichts Gravierendes ist geschehen und doch denke ich seit Wochen an dieses Gespräch. Denke darüber nach, wie es nächstes Mal sein wird, als Jude in ein deutsches Krankenhaus zu gehen, wo fast alle, die ihm helfen sollen, 75 Jahre nach Auschwitz rechtsextrem wählen. Und der Bundespräsident wird sicher keine Zeit haben mitzukommen.

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