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THEATER Ausfahrt Utopia

Roberto Ciullis Mülheimer Theater wurde jahrelang von der Kritik geschmäht, dann zur wichtigsten Bühne des Jahres gewählt. Neueste Ciulli-Tat: »Warten auf Godot«.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Der Mann könnte ein Penner sein oder ein Philosoph. Wirr und weiß ist das Haar des Kümmerlings, der da durch den Raum wankt, Müdigkeit und Verzweiflung lassen sein Gesicht aussehen, als wollte es im nächsten Augenblick zerlaufen.

Am Schminkspiegel angelangt, schleudert er die Brille zu Boden, knarzend splittert das Glas, als er sie zertritt. Es folgt ein minutenlanges Augenduell mit dem eigenen Spiegelbild, dann stülpt sich Roberto Ciulli die Maske über: ein gräßlich entstelltes Clownsgesicht, eine Horrorfratze. Kein neuer Charlie Rivel, ein Theaterzombie ist geboren.

Der Auftritt paßt zu Ciulli wie vielleicht kein anderer. Was der Schauspieler Ciulli in der Rolle des Dujsin in Slobodan Snajders »Kroatischem Faust« vorführt, wirkt wie eine Karikatur der Regiearbeit Ciullis. Denn fast alles, was der italienische Theatermann gemeinsam mit seinem Koregisseur und Dramaturgen Helmut Schäfer seit 1981 auf die Bühne gestellt hat, läuft auf eben diese Anstrengung hinaus: der Welt die Clownsfratze vorzuhalten. Ciulli selbst sagt es mit Beckett: »Nichts ist komischer als das Unglück.«

Reichlich komisch, also seltsam und lachhaft zugleich, sind mitunter auch die glücklicheren Fügungen im Dasein des Roberto Ciulli. Daß er nun, nach sieben Jahren »Theater an der Ruhr« in Mülheim, nach Notzeiten der Schmähung durch Kritik und Publikum, in dieser Spielzeit plötzlich dem wichtigsten deutschsprachigen Theater vorstehen soll, das wundert den Regisseur nicht wenig.

In der alljährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift »Theater heute« wurde die von Ciulli und Schäfer geleitete Mülheimer Bühne zum »Theater des Jahres« gewählt. Zuvor schon hatten die Juroren des Berliner Theatertreffens die Mülheimer mit Sartres »Tote ohne Begräbnis« eingeladen.

Was Ciulli an diesen Ehrbezeugungen erstaunt: Nicht nur das Ensemble und die Mitarbeiter sind weitgehend die gleichen geblieben, sondern auch die Argumente der Rezensenten. »Eben das, was man uns sieben Jahre lang vorgeworfen hat, ist heute der Grund für Lob und Zustimmung.«

Zu viele schöne und schreckliche Bilder, zuwenig Treue gegenüber den Textvorlagen - so lauteten lange die Hauptargumente gegen die Mülheimer Inszenierungen. Ob Ciulli und Schäfer nun Sophokles' »Elektra« in eine stilisierte, fast kabarettistische Blutorgie verwandelten (1983) oder für Horvaths »Kasimir und Karoline« das Münchner Oktoberfest als Endzeitspektakel zurichteten (1985); die schreibenden Agenten des Theaterbetriebs bedauerten, Ciulli versuche »keine Annäherung an den antiken Text« (FAZ), die Aufführungen zerfielen »in Revue-Auftritte, Collagen-Wirrwarr, Nummern-Salat« (Die Zeit).

Dabei hatte Ciulli sie alle gewarnt. Ein Grinsen erhellt das oft bitterernste, stoppelbärtige Gesicht des 1934 in Mailand geborenen Regisseurs, wenn er sein Kunstverständnis, sein Konzept erklärt: »Das Theater«, predigt er, »ist keine Filiale der Literatur.« Eine Bühnenarbeit, »die nur auf Bestätigung aus ist, auf das Wiedererkennen von Texten zielt, ist für mich keine Theaterkunst.«

Darauf zielten schon seine ersten Theaterarbeiten, in einer freien Stadtrandgruppe in Mailand. Als die erfolgreiche Truppe ein festes Haus bekam, ging's bergab. Ciulli schlug sich im Ausland durch, bis er, 1965, beim Göttinger Intendanten Heinz Hilpert landete. Schon damals und erst recht in den siebziger Jahren, als er - gemeinsam mit Hansgünther Heyme - dem Kölner Schauspiel vorstand und später in Düsseldorf mit einer eigenen Truppe ein Theater im Theater bildete, verweigerte sich Ciulli der deutschen Regie-Tradition.

Logisch, daß er im geordneten Stadttheaterbetrieb zunehmend auf Schwierigkeiten stieß. Schäfer: »Wir merkten beide, daß unser Theater in der bisherigen Stadttheaterstruktur nicht zu verwirklichen ist« - 1980 gründeten sie das Mülheimer Theater.

Mit einer Handvoll Schauspieler, dem Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben und einigen Technik-Mitarbeitern zogen Ciulli und Schäfer in das ehemalige Solbad am Mülheimer Raffelberg ein. Über Honorarverträge, Terminfragen und die Engagements aller neu Hinzugekommenen wird gemeinsam beraten, nur die künstlerische Autorität beansprucht Ciulli für sich allein: »Was das angeht, waren für mich schon Ende der siebziger Jahre alle demokratischen Modelle gescheitert.«

Wedekinds »Lulu« eröffnete 1981 das »Theater an der Ruhr«, als Emblem wählten die Aussteiger eine Art Autobahnschild mit Linksabzweigung: Nächste Ausfahrt Utopia.

Daß das jüngste und »ungewöhnlichste Nicht-Stadttheater der Republik« ("Theater heute") bis heute existiert, ist auch einem kleinen kulturpolitischen Wunder zu danken. Denn die Mülheimer Kommunalpolitiker stimmten Ciullis/Schäfers Modell einer GmbH zu, die sich zum großen Teil durch Gastspiele finanziert. Nur etwa ein Drittel des Jahresetats wird aus der Stadtkasse und Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert, in der Spielzeit 87/88 deckten die Theaterleute von insgesamt 3,15 Millionen Mark 2 Millionen durch eigene Einnahmen.

Mehr als die Hälfte der Aufführungen aus dem derzeit neun Stücke umfassenden Repertoire wird, oft schon vor der Premiere, komplett in andere Städte verkauft: Zu den regelmäßigen Gastspielen zwischen Osnabrück und Ludwigshafen, Recklinghausen und Hamm kommen Auslandsreisen nach Zagreb und Athen etwa oder demnächst wieder nach Rotterdam. In mehr als 70 Städten haben die Mülheimer schon gastiert.

Wobei Ciulli und Schäfer vor allem der Kontakt (womöglich auch ein Austausch) mit osteuropäischen Theaterleuten interessiert - in nächster Zukunft soll mit Polen versucht werden, was in den letzten Jahren mit Jugoslawien bereits gelang: die Erschließung eines weitgehend fremden Theaterlandes.

Spektakulärstes Ergebnis solcher Anstrengungen ist bislang der »Kroatische Faust": Mit Unterstützung des jungen jugoslawischen Autors Slobodan Snajder haben Ciulli und Schäfer die kompliziert verschränkte Story einer »Faust«-Aufführung Anfang der vierziger Jahre im »Unabhängigen Staat Kroatien«, dem faschistischen Satelliten, in eine wilde Monster-Tragödie verwandelt. Überlebensgroße schwarze und weiße Engel bevölkern die Bühne, Wagner-Idyllik untermalt die Wahnsinnsarie eines Oberspielleiters in Nazi-Uniform, ein von den Todesengeln geschändetes Gretchen verblutet im Schubkarren. Am Ende werden die Leichen weggeräumt, Schnee rieselt auf eine trostlose Welt.

Keine Scheu vor Kitsch und großen Bildern, die Liebe zu pompöser, oft romantischer Musik und ein schier grenzenloser Pessimismus - das sind wiederkehrende Motive in Ciullis und Schäfers Arbeit. Der Dramaturg, wie Ciulli promovierter Philosoph, spricht von einer »negativen Ästhetik«. Trotzdem ist nicht Hegel (dessen Frühwerk behandelte Ciullis Doktorarbeit) oder Adorno die Leitfigur dieses Theaters, sondern Samuel Beckett.

Das sieht man den Mülheimer Inszenierungen stets an. Egal, ob Ciulli in »Dantons Tod« Bürger und Abgeordnete als Pappnasen-Hanswurste dem plärrenden Titelhelden beigesellt; ob in Brechts »Dreigroschenoper« eine wildgewordene Schurken-Gesellschaft die Hinrichtung des lachhaften Dandys Mackie Messer beklatscht - Ciullis Regie-Arbeiten scheinen oft auf Ähnliches hinauszulaufen: eine Beckett-Schule mit Clowns, eine grimmige Endzeit-Beschwörung im Geist des irischen Jahrhundert-Dichters.

Bisher allerdings waren der Beckett-Verehrung enge Grenzen gesetzt. »Beckett ist ein großer Schriftsteller. Ob er auch ein großer Theatermann ist, das ist die Frage«, sagt Ciulli wenige Tage vor der jüngsten Mülheimer Premiere, »Warten auf Godot« am Dienstag vergangener Woche.

Ein Satz mit reicher Vorgeschichte: Als Ciulli und Schäfer vor Jahren den Clov im »Endspiel« mit einer Schauspielerin besetzen wollte, stoppte ein Veto des Autors die Aufführung. Die »Glücklichen Tage« kamen zwar zustande, »wenn Beckett aber unsere Interpretation gesehen hätte, wäre sie wohl auch verboten worden«, vermutet Schäfer. Denn in Mülheim hatte sich Winnie aus ihrem Sandhaufen befreit, feierte ihren Monolog nicht in einer namenlosen Wüste, sondern an einem konkreten Ort: im Theater.

Bei »Warten auf Godot« nun ist offenbar alles anders. Dieses Stück nennt Ciulli ehrfürchtig »Die Bibel«, und er erklärt plötzlich: »Es gibt für mich keinen Gegensatz zwischen Bild und Text. Wenn ein Text große Qualität hat, sind Bilder wirklich überflüssig.« In der Tat geriet die »Godot«-Aufführung zu einer nahezu sakralen Veranstaltung. Die Regelverletzungen, die Eingriffe in Becketts strikte Bühnenanweisungen, bleiben minimal.

Ungewohnt ist zwar die Schärfe, mit der Volker Roos' Wladimir, ein leicht auf den Hund gekommener Karrieremensch in schwarzem Anzug und Krawatte, den jammernden Gefährten abfertigt, zurechtweist, quält. Neu ist auch, daß die Beckettsche Trauerweide nicht allein auf der Bühne steht, sondern aus einem gefällten Baumstamm wächst, der eine blutrote Wand durchstößt. Aber all dies ist wenig hilfreich. Das dreistündige Warten gleicht einem frommen Exerzitium: Da kann Reinhard Firchow noch so genüßlich als feister Pozzo-Zampano die Peitsche schwingen, bringt auch gelegentliches Hüftkreisen am Baumstamm nichts. Daß das gefällte Holz irgendwie für männliche Potenz und Gewalt steht, dämmerte dem Publikum schon vorher.

Deutlich zeigt der Abend, was Ciullis/Schäfers Arbeit gefährdet. So imponierend ihre theatralischen Gewaltakte sind, so konsequent die Suche nach schonungsloser Härte und intellektuellem Durchblick auch sein mag - so sehr ist die Mülheimer Unternehmung von Mißlaunigkeit, von dämonischer Verdörrung bedroht. Ciulli und Schäfer verachten das amüsierselig-prunkvolle Schauspielertheater a la Claus Peymann oder Dieter Dorn. Und über diese Verachtung scheinen sie mitunter auch das schnöde Handwerk der Schauspielerei zu vernachlässigen. In der »Dreigroschenoper« etwa wird hinter dem offenkundigen, beabsichtigten Chargieren immer auch das - nicht allein sängerische - Unvermögen der Schauspieler spürbar.

Ein Handicap, das, trotz hervorragender Ausnahmen wie Veronika Bayer und der 1986 jung verstorbenen Ciulli-Diva Gordana Kosanovic, dem Mülheimer Theaterwunder bis heute anhaftet. Auch im »Godot« wirken die Darsteller wie gelähmt, von einem puritanischen Stilwillen gebremst.

Ciulli und Schäfer, die Entzauberer und Pessimisten, mögen das ganz richtig finden: das schäbige Äußere ihrer Visionen ist womöglich der Preis der kritischen Theatervernunft. Nur daß jene Präzision des Denkens, auf die die beiden zu Recht so stolz sind, durch schauspielerische Undeutlichkeit entschieden an Wirkung verliert.

»Wir sind nicht frei. Und noch kann uns der Himmel auf den Kopf fallen.« Mit diesem Artaud-Motto, abgedruckt im ersten Programmheft des Theaters an der Ruhr begannen Schäfer und Ciulli. Und Schäfer fügte hinzu: Der Himmel könne nur denen auf den Kopf fallen, »die es riskieren, sich unter ihn zu stellen. Die aber, die im gesicherten Bereich der Stadttheater arbeiten, müßten schon die Stahlkonstruktionen wegbewegen, die sie vom Anblick des Himmels trennen.«

Wolfgang Höbel

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