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AM RANDE Ausgefallene Ausreise

aus DER SPIEGEL 5/1997

Der Wald stirbt, der Euro kommt - und die Kelly Family will gehen? Plant Papa Dan (Krückstock, Bart und seit Jahren im gleichen Leichenhemd daheim) mit seiner singenden Altkleidersammlung den Abzug aus Deutschland? Er wolle, erfuhr bild, nun endlich sein Hausboot im Kölner Hafen mit dem irischen 30-Zimmer-Familienschloß tauschen, obwohl dort dem Vernehmen nach ein beheizbarer Pool lauert.

Okay, klar, war wirklich hart, wie wir die Sippe in Haft nehmen wollten im vergangenen Jahr. Dieses ganze Gedöns mit Anzeigen und Staatsanwalt - nur weil die Qualverwandten mal in den Rhein pullerten; nur weil sie zwar Geld für Aidskranke gesammelt, aber auf eigenen Konten zwischengelagert haben; nur weil Jimmy einen Ordner zusammenschlug und Bruder Angelo (dicke Lippen, Stimmbruch) keinen Bock auf Schule hatte.

Ein Kelly muß frei sein. Diese Botschaft hatten wir längst ebenso begriffen wie das oberste Kelly-Credo: Du kannst Pickel haben und trotzdem Erfolg. Du kannst schlecht riechen, dick sein und kaum einen graden Satz sagen oder singen und nebenbei Plattenfirma und Fans ausnehmen. So wurde Papa Dan zum Star für Scharen von alleinerziehenden Vätern, Altenpflegerinnen und Scheidungskids. Er hat Modegeschichte geschrieben mit seiner Flohmarktfamily und das Thema Kinderarbeit in Deutschland dem Tabu entrissen.

Irland ist aber dennoch besser. Das schmeckt nach saftigen Wiesen und dicken Butterstullen, nach Schnaps und Schweiß, nach Kleinvieh und Großfamilie, Natur- und Steuerparadies.

Doch was so tröstlich durch die Medien watschelte, war eine Ente. Nach 36 Stunden bangen Wartens gab der Kelly-Konzern überraschend Entwarnung. War alles nur ein Witz mit Bart. Die Ausreise hat der Alte ja schon öfter angedroht. Seine Pressesprecherin wunderte sich nur, »daß wenig Fans nachgefragt hatten, sondern vor allem Journalisten«. Jugendämter mußten keine Kelly-Hotlines einrichten. Es gab weder Protestmärsche rhythmisch klappernder Zahnspangen-Kolonnen vorm Haus des Kölner Regierungspräsidenten noch Selbstmorddrohungen der Fans von Maites mächtigen Hüften. Nichts passierte. Gar nichts. Die Blagen bleiben. Die Plagen auch.

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