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FILM Authentischer Irrer

Milde Menschlichkeit herrschte bei den Filmfestspielen in Venedig, nur der Pole Jerzy Skolimowski sorgte für etwas Radau. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Auf Sylt, das wußte Jerzy Skolimowski wohl nicht, herrscht ein ganz besonderes Reizklima. Ausgerechnet da, zwischen Lister Ellenbogen und der dänischen Nachbarinsel Römö, ließ der polnische Regisseur, der sich nach etlichen Exilstationen in Hollywood etabliert hat, vergangenen Oktober sein »Feuerschiff« vor Anker gehen. Acht Wochen lang verfilmte er die gleichnamige Erzählung von Siegfried Lenz, fast ausschließlich on location, also zwischen engen Stahlwänden auf rauher See.

Als Hauptdarsteller verpflichtete Skolimowski, selbst nicht gerade als Phlegmatiker bekannt, den monomanen Klaus Maria Brandauer und den explosiven Robert Duvall: Diese drei Mann in einem Boot - das hätte auch in einer milden Adria-Lagune zum Donnerwetter geführt.

Dorthin, auf den Lido von Venedig, hat Skolimowski nun den Nordseesturm exportiert. Als sein »Feuerschiff« auf dem Filmfestival uraufgeführt wurde, nutzte er das internationale Forum für eine rüde Attacke gegen Brandauer.

Dieser »authentische Irre«, so Skolimowski, sei dermaßen »von sich besessen, daß er nur eine Sorge hat, nämlich die ganze Leinwand auszufüllen und die anderen zu verdrängen«.

Endlich hatte die Biennale ein Thema. Wo die Filme nicht für Aufregung sorgen konnten, grassierte der Klatsch. Brandauer, der »klinische Fall« (Skolimowski), reagierte untypisch, nämlich gar nicht. Obwohl angekündigt, ließ er sich in Venedig nicht blicken. Dabei hätte er keinen schlechten Stand gehabt: So darstellerisch zurückgenommen wie im »Feuerschiff« hat man den steirischen Burgschauspieler selten gesehen.

Er spielt, das fleischige Gesichtsmassiv von einem Vollbart zugewachsen, den Schiffskommandanten, der seinen Sohn, um ihn vor Ärger mit der Polizei zu schützen, auf den schwimmenden Leuchtturm geholt hat. Der Junge (gespielt von Skolimowskis Sohn Michael Lyndon) langweilt sich schrecklich - bis sein Vater drei Schiffbrüchige aus einem havarierten Motorboot rettet: Schwerverbrecher auf der Flucht, wie sich schnell herausstellt. Das mörderische Trio will seine Tour mit dem Feuerschiff fortsetzen. Aber ein Leuchtfeuer darf sich nicht bewegen, unabsehbare Gefahren für die Schiffahrt wären die Folge - daraus entwickelt Skolimowski ein mäßig spannendes Kammerdrama auf bewegten Planken, eine maritime Tragödie um Pflicht, Verantwortung und Schuld.

Dies alles ist sehr deutsch, deutscher noch als die literarische Vorlage - obwohl der Pole die Handlung an die Küste von Virginia verlegt hat und in der Produktion des US-Medienkonzerns CBS neben Brandauer nur Hollywood-Darsteller auftreten.

Durchaus bewußt, sagt Skolimowski, habe er jegliche politische Dimension der Lenz-Erzählung ausgeklammert. Sein Gegenstand ist das Menschliche, das ewige Vater-Sohn-Gerangel. Skolimowski, der Männerfilmer: »Wir sind alle Söhne, und einige von uns sind Väter.«

Die Parole Hoffnung hat Festival-Chef Gian Luigi Rondi zum Leitmotiv dieses Jahres ausgerufen. Was er vielleicht nur als künstlerischen und ökonomischen Appell meinte, hat in den Festspiel-Filmen ein dutzendfaches menschelndes Echo gefunden - illustrierte Wiederkehr der Grundwerte: Volker Schlöndorffs Film-Theater »Tod eines Handlungsreisenden« mit Dustin Hoffman, Alain Tanners Fluchtelegie »Niemandsland«, das japanische Kriegsgemälde »Die burmesische Harfe« von Kon Ichikawa, futuristische Märchenfilme wie »Legend« von Ridley Scott oder tantenhaft biedere wie »Frau Holle« von Juraj Jakubisko.

Neben zwei überraschend aggressiven Filmen aus Jugoslawien war Agnes Vardas »Sans toit ni loi« (Ohne Dach, ohne Gesetz) einer der wenigen Beiträge, die sich gesellschaftlicher Wirklichkeit gestellt haben. Wie in einem Welttheater werden die Stationen einer jungen Tramperin auf ihrem Weg in den Kältetod durch das winterliche Südfrankreich verfolgt. Obwohl das Ende des Mädchens (Sandrine Bonnaire) dem Zuschauer von Beginn an bekannt ist und seine Zerstörung mit furchtbarer Zwangsläufigkeit voranschreitet, ruft Agnes Varda aufgeregte Spannung hervor - ja, Wut über die vielen guten Menschen, denen die Landstreicherin begegnet.

Sie alle können ihren seltsamen Gast nicht retten, sich selber auch nicht, nicht einmal die sterbenden Platanen. Daß, gegen die geistig-moralische Kino-Wende, gerade dieser Film den »Goldenen Löwen« gewann, macht vielleicht doch ein bißchen - Hoffnung.

Hartmut Schulze

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