Rapper Azzi Memo "Hanau ist so eine friedliche Stadt"

Azzi Memo gehört zur Szene um den Rapper Haftbefehl - der Künstler kommt selbst aus Hanau, auch Familienmitglieder von ihm waren unter den Opfern des Anschlags.
Ein Interview von Arno Frank
Rapper Memo: "Bei uns in Hanau ist das sehr multikulturell"

Rapper Memo: "Bei uns in Hanau ist das sehr multikulturell"

Foto: Matthias Wehnert/Geisler-Fotopress/ picture alliance / Geisler-Fotopress
Zur Person

Azzi Memo, Jahrgang 1994, kam als Zweijähriger aus der Türkei mit seinen Eltern nach Hanau. Der Rapper veröffentlichte sein Debütalbum "Surf ‘N’ Turf” 2018 bei Generation Azzlack, dem Label von Haftbefehl.

SPIEGEL: Du kommst gerade aus dem Krankenhaus?

Azzi Memo: Ja, da hast du recht. Ich habe einen Freund besucht, der an der Schulter getroffen wurde. In der Shishabar in Kesselstadt.

SPIEGEL: Wie geht es ihm?

Memo: Einigermaßen gut. Er hat Schmerzen, aber er kann sich unterhalten. Er ist aber auch noch traumatisiert von der ganzen Geschichte. Kann man natürlich verstehen.

SPIEGEL: Habt ihr darüber gesprochen, was passiert ist?

Memo: Wir wollten eigentlich gar nicht damit anfangen, aber er wollte erzählen, ziemlich heavy: Sie waren gerade am Essen, als sie Schüsse von draußen hörten. Der Typ ist dann reinmarschiert und hat sofort auf die ersten Menschen geschossen, die er gesehen hat. Das ging alles sehr schnell. Sie haben dann noch versucht, sich zu verstecken. Haben sich auf den Boden gelegt, tot gespielt. Mein Freund wurde an der Schulter getroffen. Die meisten Leute, mit denen er da im Raum waren, haben das nicht überlebt. Darunter auch ein Familienmitglied von mir, der Sohn von einem Cousin.

SPIEGEL: Kanntest du die Bar?

Memo: Ja. Ich bin in Hanau groß geworden, das ist jetzt keine Riesenstadt. Die Leute kennen mich, ich kenne die Leute. Und die meisten, die da ihr Leben verloren haben, kannte ich auch.  

SPIEGEL: Wo warst du denn, als es passierte?

Memo: Zu Hause, nicht in Hanau, ich wohne seit einem Jahr nicht mehr dort. Ich habe eine Nachricht von einem Freund in Hanau bekommen, auf dem Handy, so: "Wo bist du gerade, lass' dich draußen besser nicht blicken, da dreht einer komplett durch!" Da habe ich mein Handy in die Ecke geschmissen und den Fernseher angemacht, ob da was berichtet wird. Da kamen dann schon Anrufe von meinen Eltern und Freunden, weil auf Twitter offenbar die Meldung rumging, dass ich unter den Opfern wäre.

Azzi Memo brachte 2018 sein Debütalbum raus

Azzi Memo brachte 2018 sein Debütalbum raus

Foto: Ondro/ Groove Attack

SPIEGEL: War euch jemals bewusst, dass so etwas passieren könnte?

Memo: Auf gar keinen Fall. Never. Das hätte ich oder sonst wer, der aus Hanau kommt, auch die Opfer - das hätte sich niemand vorstellen können. Dass ein solcher… Akt hier passieren könnte. Hanau ist so eine friedliche Stadt. Die Leute leben so gut miteinander, ob Deutsche, ob Türken, ob Araber, Muslim, Christ oder Jude.

SPIEGEL: Hast du keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Memo: In der fünften oder sechsten Klasse. Da war ich in Bruchköbel auf der Schule, das ist ein Dorf bei Hanau. Da wurde ich am Bahnhof von einem angetrunkenen Typen blöd angemacht als "Scheißkanake". Den kannte man dort aber, seine rechtsradikale Einstellung war bekannt. Ich war noch klein und bin dem dann aus dem Weg gegangen, mit dem Bus statt mit dem Zug nach Hause gefahren.

SPIEGEL: Sonst gab es gar keinen Alltagsrassismus?

Memo: Damit wurde ich draußen kaum konfrontiert, nein. Nicht in Hanau. Im Netz sieht man das oft, Instagram. Facebook und so was. Ich habe das Gefühl, dass sich die Leute in den sozialen Medien mehr trauen, sich trauen, ihr rechtes Gedankengut auszuleben. Was auf der Straße dann nicht mehr so ist. 

SPIEGEL: Würdest du dich als Hanauer bezeichnen?

Memo: Ich bin nicht hier geboren, sondern im Südosten der Türkei, kurdisches Gebiet, meine Eltern sind nach Deutschland geflohen, als ich zweieinhalb Jahre alt war. Aber ich fühle mich wohl wie jemand, der hier in Hanau geboren ist. Alle meine Freunde kommen aus Hanau.

SPIEGEL: Bewegst du dich dort in einer Szene?

Memo: Ich könnte in keiner Stadt in Deutschland so frei rumlaufen wie in Hanau. Vergangene Woche war ich in Berlin, da konnte ich keine fünf Meter gehen, ohne fotografiert zu werden. Hier ist das anders, da geht es: "Hey, alles gut, wie läuft's?", das ist nicht so aufgesetzt. Das ist ein Miteinander im Großen und Ganzen.

SPIEGEL: Wie hat der Anschlag die Atmosphäre verändert?

Memo: Die Trauer ist groß hier in der Stadt. Die Leute trauern alle und stehen zusammen, egal welcher Herkunft. Dieser Zusammenhalt macht mich auch sehr stolz. Auch wie die Leute in ganz Deutschland für Mahnwachen auf die Straße gehen, gegen Rechtsextremismus und Gewalt sind.

SPIEGEL: Hast du das Gefühl, dass etwas versäumt wurde gesellschaftlich?

Memo: Nicht nach der Tat, aber viel davor. Ich meine, dass überhaupt eine Partei wie die AfD im Bundestag sitzt, das ist für mich unverständlich. Man sieht ja, was diese Menschen für Ideologien haben. Das ist im Endeffekt der Nährboden für rechte Gewalt. Es gibt Leute, die das auf extreme Weise interpretieren und solche Taten begehen. Das ist dann der Moment, wo die Rechten aus dem Netz sich auch auf die Straße trauen.

SPIEGEL: Ich kenne mich damit nicht gut aus, deshalb an dich die Frage: Ist die Shishabar das, was man einen "Safe Space" nennt?

Memo: Kommt drauf an, was du damit meinst.

SPIEGEL: Ist es ein Ort, an dem türkischer Fußball läuft und arabische Musik, an dem migrantisch geprägte Personen gut und gern unter sich sind?

Memo: Nein, das kann ich von Hanau oder auch Frankfurt nicht behaupten. Ich relaxe dort auch mit Freunden. Und dazu gehören viele Deutsche. Ich gehe da rein, und dann sitzen da der Daniel und die Claudia auch in der Ecke und rauchen ihre Pfeife. Jetzt wirklich. Auch, was die Musik betrifft. Mittlerweile läuft da Deutschrap.

SPIEGEL: Es ist also ein gemeinschaftlicher Ort?

Memo: Ja. Ich sage immer, das ist ein JUZ für Erwachsene. Da geht jeder hin, der mal etwas trinken will, eine Pfeife rauchen, einfach abhängen möchte. Es ist nicht so, dass in dieser Bar nur die Türken und in jener nur die Araber sind. Bei uns in Hanau ist das sehr multikulturell.

SPIEGEL: Nach dem Anschlag - gibt es eigentlich auch den Impuls, sich selbst zu bewaffnen, sich wehren zu wollen?

Memo: Ich habe bis jetzt nur gehört von Leuten in meinem Umfeld, dass niemand versteht, wie diese Person - ich weiß gar nicht, wie ich den nennen soll -, wie der überhaupt an seine Waffen gekommen ist. Dann soll er halt im Schützenverein sein und seine Waffen im Schützenverein lassen. Warum darf dieser Mensch überhaupt eine Waffe zu Hause legal besitzen? Das war so eine Frage unter Kollegen bei uns. Und dann hieß es: "Ja, wie wäre es, wenn wir jetzt auch alle eine Waffe hätten? Auch nicht gut, oder?" Gewalt ist keine Lösung, nie. Niemand hat das Recht, ein Leben zu nehmen.

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