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FILM / WIN CHAMBERLAIN Bad in Dollars

aus DER SPIEGEL 31/1970

Mit 15 schürfte er in Oregon nach Gold, mit 16 rauchte er bei den Sioux-Indianern seine erste Pfeife Marihuana, mit 20 verließ er die Universität als »Master of Arts« und wurde Taxifahrer, mit 35 war er Maler. Nunmehr, 41 Jahre alt, ist Win Chamberlain als Regisseur gefragt.

Im New Yorker Underground"Theater des Lächerlichen« inszenierte der rastlose Lebenskünstler die Sex-Groteske »Die Eroberung des Universums«; die Leinwand will er jetzt mit »Brand X« (Marke X) seinem ersten Spielfilm, erobern. Chamberlain: »Wir werden uns Zugang zu den Massenmedien verschaffen -- mit allen Mitteln.«

So haben schon viele Underground-Filmer geredet; den Weg in die großen Kinopaläste haben ihre politisch meist radikalen, künstlerisch anspruchsvollen, technisch oft unvollkommenen Werke allerdings nur selten gefunden. Die bekanntesten Ausnahmen: Andy Warhols »Chelsea Girls«, die allein in New York 250 000 Dollar einspielten, Dennis Hoppers »Easy Rider«, der noch immer Millionen bringt, und Paul Morrisseys »Flesh«, das derzeit den deutschen Kinobesitzern über die Sommerflaute hinweghilft.

Der nächste Filmmacher, der aus dem New Yorker Underground zu einem Massenpublikum vordringt, könnte nun tatsächlich jener Neuling Chamberlain sein, der mit »Brand X« »Propaganda für die Politik der Freude und der Unordnung« machen will.

Als erster in seinen Kreisen nämlich plante Chamberlain ein Lichtspiel von vornherein »fürs Volk«, als erster beschäftigte er für die Aufnahmen (in Eastmancolor) Kameraleute vom Fernsehen. Und endlich hat sich das »Neue amerikanische Kino« ein Thema gesucht, das viele Landsleute angeht: »Brand X«, mit dem vergleichsweise üppigen Etat von 20 000 Dollar (Produktionskosten der »Chelsea Girls": 1500 Dollar) hergestellt, ist eine technisch perfekte Parodie des kommerziellen Fernsehprogramms.

Ohne formale Extras, doch mit groteskem Inhalt persifliert Chamberlain, der auch das Drehbuch verfaßt hat, 87 Minuten lang jene Werte, »zu deren Verteidigung«, so das Underground-Magazin »Cavalier«, »sich Rechtsextremisten und verschreckte Kleinbürger mit Schußwaffen eindecken.

Zur Verhöhnung der Konsumideologie läßt Chamberlain ein Erdnußbuttersandwich in den Staub treten -- und es dann von einem schönen Mädchen mit Appetit verzehren. Das pathologische Reinlichkeitsbedürfnis vieler Amerikaner attackiert er mit dem Slogan »Wir mögen Dreck -- Schweiß riecht gut«. Gegen sexuelle Verklemmung polemisiert er mit einem Werbespot, der das »Bumsen auf der Straße« empfiehlt.

Chamberlain, der einst als erster Maler in New York realistische Männer-Akte ausgestellt hat, verhöhnt Quizsendungen, Pressekonferenzen und das Pastoren-Wort zum Sonntag. Auch an den beliebten Doktor-Spielen des Serien-Programms nimmt er spöttisch Rache: Statt der gewohnten selbstlosen Chirurgen tritt in »Brand X« ein Wüstling hervor, der seine zentnerschwere Krankenschwester (die Blues-Sängerin Tally Brown) auf dem blutenden Leib eines Patienten vergewaltigt.

Bei solchen Schändungen hat dem Regisseur fast die gesamte Prominenz des New Yorker Undergrounds geholfen: Ultra Violet, »Superstar« bei Andy Warhol, singt in einer »Tomorrow Show«; Saliy Kirkland, die erste Nacktrice der New Yorker Bühnengeschichte, imitiert die First Lady aus dem Weißen Haus.

Louis Abolofia, der sich vor zwei Jahren mit Nackt-Inseraten um die US-Präsidentenwürde beworben hat, diskutiert Sex-Probleme mit einem Transvestiten, der unter dem Namen Candy Darling in New York stadtbekannt ist. Und der Studentenführer Abbie Hoffman, im Februar wegen seiner Beteiligung an den Demonstrationen beim Wahlkonvent von Chicago (1968) als »Unruhestifter« zu Gefängnis verurteilt, spielt in »Brand X« einen Polizisten: Nackt, doch mit Dienstpistole, badet er in Dollars und setzt danach die Scheine in Brand.

Offenkundiger Clou des Films jedoch ist der als Lyriker und Clown im Underground gleichermaßen verehrte Schauspieler Taylor Mead, ein Typ, der -- so das Undergroundblatt »Other Scenes« -- »mit Leichtigkeit imstande wäre, Elizabeth Taylor oder Doris Day oder jeder anderen normalen Queen* die Schau zu stehlen«.

Als Fernsehkonsument und -darsteller in »Brand X« kombiniert Mead nach eigenem Text, nackt oder auch mal halb bekleidet, Chamberlains sozialkritischen Aktivismus mit der Slapstick-Tradition des frühen Hollywood-Kinos, Er taumelt über Betten und Toiletten, er schwadroniert und onaniert, leidet als Opfer in der Hospitalszene und versucht als Pfarrer sogar mit dem Allmächtigen zu telephonieren, dessen Anschluß jedoch immer besetzt ist.

Über soviel chaplinesken Ulk sollten, so wünscht Chamberlain, auch solche »Leute lachen, die nicht unserer Meinung sind«; denn wenn sie »über etwas lachen, was sie nicht begreifen, ist das schon der erste Schritt zur Befreiung«.

Selbst der Filmkritiker der »New York Times«, auch er befreit, fand Chamberlains Satire »auf teuflisch eindringliche Weise komisch«.

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