Zur Ausgabe
Artikel 50 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

David Schalkos Roman »Bad Regina« Ein Land wird verscherbelt

Schaut's her, so abgefuckt ist der Ösi: In seinem furiosen Roman »Bad Regina« persifliert David Schalko den österreichischen Hipsterkurort Bad Gastein.
aus DER SPIEGEL 3/2021
»Berlin der Berge«: Bad Gastein

»Berlin der Berge«: Bad Gastein

Foto: 8020 / iStockphoto / Getty Images

Die Party ist vorbei, der DJ liegt im Koma. Bad Regina war mal die angesagteste Partymetropole in den östlichen Alpen, die Vergnügungssüchtigen kamen in Reisebussen und Sportwagen aus der ganzen Welt angereist. Doch die Partypeople zogen weiter. Zurückgeblieben ist von den ursprünglich 4000 Einwohnern nur ein kleiner Haufen, der nun auf den Schulden sitzt, die gemacht wurden, um die Ortschaft zum Vergnügungspark aufzurüsten.

Einer von ihnen ist der Veranstalter Othmar, der einst den »Kraken« managte, eine höhlenartige Diskothek, die in die Grotte eines Bergs gebaut wurde. Inzwischen kümmert sich der Klubbetreiber hauptsächlich um den britischen DJ Alpha X, den er einst aus Manchester einfliegen ließ und der seit seinem letzten Rausch bewusstlos vor sich hinvegetiert. Um dem Pflegefall das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein, beschallt Othmar ihn mit zähflüssiger Ravemusik und greift nebenbei die Pflegepauschale ab. Es gibt ja sonst nichts zu tun und zu verdienen.

Aus: DER SPIEGEL 3/2021

Angst vor dem Supervirus

Mit den neuen Coronavarianten wird die Pandemie noch gefährlicher. Forscher und Politiker fürchten einen starken Anstieg der Infektionszahlen mit all seinen dramatischen Folgen – wie in Großbritannien. Was muss Deutschland tun, um die Mutanten zu stoppen?

Lesen Sie unsere Titelgeschichte, weitere Hintergründe und Analysen im digitalen SPIEGEL.

Zur Ausgabe

Wo Menschen aufs Sterben warten

Denn Bad Regina ist eine Geisterstadt, ein Ort der Agonie, in dem die Menschen aufs Sterben warten, während sie sich mit Verschwörungstheorien darauf stürzen, wer die Schuld trägt an ihrer Misere.

Der Schriftsteller und Serienschöpfer David Schalko hat immer wieder die düsteren Seiten seiner Heimat ausgeleuchtet und dabei Orte geschaffen, die die österreichische Seele in all ihrem Selbstmitleid und Groll widerspiegeln. In Fernsehproduktionen wie »Brauschlag«, »Altes Geld« oder zuletzt in der Serienneuauflage von Fritz Langs Kinoklassiker »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« griff Schalko Populismus, Rassismus und Vergangenheitsfixiertheit in allen Alpenrepublikausformungen schreiend komisch auf.

Vorlage für den fiktiven Ort Bad Regina im gleichnamigen Roman ist das reale Bad Gastein. Für sein grotesk-komisches 400-Seiten-Panorama hat Schalko zentrale Teile der Topografie des in ein tiefes Tal des Salzburger Landes hineingebauten Ortes übernommen; markante Bauten wie das brutalistische Kongresszentrum aus den Siebzigerjahren oder das zur vorletzten Jahrhundertwende entstandene Grand Hotel de l'Europe spielen eine wichtige Rolle.

Das Grand Hotel erlangte weltweit Berühmtheit, weil sich Wes Anderson von dem pittoresk verwitterten späthistoristischen Bau zu seinem Arthouse-Kinohit »Grand Budapest Hotel« inspirieren ließ. Auch dieser Umstand sorgte wohl dafür, dass Bad Gastein inzwischen ein Mekka für Hipster aus aller Welt ist. Der Ort wird als »Berlin der Berge« gefeiert, weil Craft-Schnapsläden im Neukölln-Look neben urigen Bierschenken stehen. So sollen Großstädter angezogen werden, die jung genug sind, um auf Möbel im Midcentury-Look Wert zu legen, und zugleich genug Geld haben, um sich Boutiquehotels mit Yogakursen und Spabereich leisten zu können.

Blick auf Bad Gastein: Rasender Kommerz, schleichender Verfall

Blick auf Bad Gastein: Rasender Kommerz, schleichender Verfall

Foto: Gastein Tourismus GmbH

Rasender Kommerz und schleichender Verfall gehen in Bad Gastein nicht nur Hand in Hand, sie bedingen einander. Investoren kaufen große Teile des Ortes, doch viele Häuser stehen leer und wirken verwahrlost. Die solvente Kundschaft der Luxushotels liebt das kaputte Flair, durch das es während des Wellnesswochenendes schlendern kann.

Lost Space des Luxustourismus

In Schalkos Romanort ist der touristische Aufschwung längst vorbei. Die architektonischen Schmuckstücke von Bad Regina sind verfallen; in letzten Versuchen, doch noch ein paar Gäste zu akquirieren, setzt man auf Ruinentourismus und eine sarkastische Zurschaustellung des Selbsthasses. In einer Après-Ski-Hütte werden Abende organisiert, an denen Texte des großen österreichischen Österreichhassers Thomas Bernhard gelesen werden.

David Schalko

David Schalko

Foto: HERBERT PFARRHOFER / picture alliance / HERBERT PFARRHOFER / APA / picturedesk.com

Hilft aber nichts, Bad Regina wirkt wie ein Lost Space des alpinen Luxustourismus, dessen Bewohner sich immer steilere Ideen einfallen lassen, um Feriengäste an Land zu ziehen. Der Ort wird zu einer Art Freiluftmuseum, in dem sich die Nachkommen von Kaisertumadel und mit Naziparolen flirtende Neurechte ausstellen und selbst ironisieren. Schaut's her, so abgefuckt ist der Ösi.

Derweil kauft ein ominöser chinesischer Investor nach und nach alle pleitegegangenen Gaststätten und Herbergen in Bad Regina auf. Die Leute im Ort raunen, er sei bestimmt nur ein Mittelsmann für »arabische Clans«, die sich angeblich überall im Land breitmachen. Unter der vorgetäuschten Weltoffenheit und dem zynischen Spiel mit dem eigenen kulturellen Erbe schlummern tief verwurzelt Rassismus und Nationalismus.

Ein Stoff, den Schalko auch bei seinem nächsten Projekt aufgreift. Mit Jan Böhmermann sitzt er an einer satirischen Filmerzählung über das Ibiza-Video, in dem der damalige FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache unter Wodka-Red-Bull-Einfluss einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte Teile der österreichischen Presse zur freien Verfügung andiente.

Ein Land wird verscherbelt – das ist auch das Thema von »Bad Regina«. Irgendwann planen die aufgebrachten Bewohner einen Anschlag auf den chinesischen Investor. Doch der an Wendungen reiche Roman wirft die Charaktere am Ende wieder auf die eigene Geschichte zurück und macht klar: Für den Ausverkauf von Österreich braucht der Österreicher keine Ausländer, das kriegt er schon allein hin.

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel