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REIM-SCHERZE Baemu suti

aus DER SPIEGEL 24/1960

Unser Reporter Hans Negerlein«, verkündete der Ansager des Süddeutschen Rundfunks, »ist als einziger Vertreter von Presse und Rundfunk zur Sitzung in der Frankfurter Varrentrappstraße 61 zugelassen und berichtet Ihnen von dort. Wir schalten um nach Frankfurt und geben das Wort an Hans Negerlein.« Dieser Ankündigung folgte eine dreiviertelstündige »Originalübertragung« aus den Geschäftsräumen der »Gesellschaft für ibolithische Sprache und Kultur« in Frankfurt am Main.

Der Reporter flüsterte:

baemu suti falla kur

mostin arasiban taegna.

klu ténde vossagur:

flagedarad assa

Den Hörern wurde mitgeteilt, der erweiterte Vorstand der »Gesellschaft für ibolithische Sprache und Kultur« sei in Frankfurt zusammengetreten, um die Lage zu beraten, die sich durch die Veröffentlichung des Buches »baemu suti oder Das Ibolithische Vermächtnis"* ergeben habe.

Dann erst klärte der Reporter, dessen Name als scherzhafte Anspielung auf den Quizmaster des Bayrischen Rundfunks Heinz Maegerlein gedacht war, seine Hörer auf, das »ibolithische Vermächtnis« könne auf eine kurze und bündige Formel gebracht werden: »Scherz für Ernst nehmen, und Ernst für Scherz.«

Der Scherz hatte vor etwa fünf Jahren begonnen. Damals war der Werbefachmann Dr. Heinz Gültig, Jahrgang 1923, für

einige Zeit Strohwitwer - Gültig: »Was tut man da? Man liegt auf dem Sofa und spintisiert« - und vertrieb sich die Abende damit, Vierzeiler in nicht existierenden »Eingeborenen-Dialekten« zu erfinden.

Den nach seiner Meinung schönsten dieser Verse - »baemu suti« - schickte Gültig im Laufe der folgenden Jahre an 95 Schriftsteller und bat sie, den Vers nach Gutdünken aus dem Ibolithischen zu übertragen. Bekannte Gültig in seinen persönlich adressierten Briefen: »Ibolithisch gibt es nicht, es ist eine Fiktion, wie das Gedicht überhaupt, das ich vorangestellt habe. Ich lade Sie sehr herzlich ein, es in Form eines gereimten oder reimlosen Vierzeilers ins Deutsche zu 'übersetzen'.«

Er hoffe zuversichtlich, so ermunterte Gültig die deutschen Poeten, »daß Sie sich und den Lesern das geistige Vergnügen einer solchen 'Übersetzung' bereiten werden, die einen vergnüglichen und bedeutungsvollen Aufschluß gibt über die assoziative und gefühlsmäßige Wirkung von Lauten, Konsonantenfolgen, Rhythmus, Sprachmelodie, Gliederung und Reim«.

Zwar gab es mehr als fünfzig Prozent »Reimdienstverweigerer« (Gültig): 49 der 95 zum Übersetzen aufgeforderten Dichter machten eine Fehlanzeige - Ernst Jünger: »Leider bin ich zur Zeit zu konzentriert«; Albrecht Goes: »Nein, ich tu nicht mit« - oder reagierten gar nicht, wie zum Beispiel Erich Kästner. Aber die restlichen 46 Autoren haben laut Gültig - bewiesen, »daß entgegen anderslautenden Gerüchten der Humor hierzulande noch nicht ganz ausgestorben ist«.

Gültig ließ es nicht dabei bewenden, die 46 Übersetzungen des ibolithischen Verses »baemu suti« zu sammeln und als Buch herauszugeben, das einen großen Teil der praktizierenden deutschen Schriftsteller zu seinen Mitarbeitern zählt- unter anderen Werner Bergengruen, Günter Eich, Hermann Kasack, Walter Mehring, Hans Erich Nossack, Franz Tumler, Hermann Stahl und den Freund der »99 Bräute«, Siegfried Sommer. Zusätzlich versah er die Übersetzungen mit scheinbar ernsthaften philologischen Analysen.

Aus der Einsendung des wohlbeleibten Bundestagsvizepräsidenten Carlo Schmid

Steck den Kopf nicht in die Luft,

willst du eine Blume pflücken.

Wenn dort auch ein Vogel ruft

Lieber Freund, du mußt dich bücken!

schließt Gültig, Carlo Schmid habe »durch seine Übertragung sehr schön herausgearbeitet, daß der ibolithische Verfasser ein Herr mit Bäuchlein gewesen sein muß, denn nur dann kann er das Bücken nach einer Blume als so

beschwerlich und vor allem als so schlecht vereinbar mit einer synchronen Würdigung des Himmels erachtet haben«.

Einen sehr anderen Sinn als Carlo Schmid sah Ruth Schaumann, Verfasserin religiös-erbaulicher Erzählungen und Gedichte, in Gültigs Lautmalerei:

Niemals hab ich singend je

Gottes ewigliche Liebe

ganz erschaut als aus dem Weh,

das sich Menschen antun ...

Wolfgang Weyrauch, der nun 55jährige, auf Nachwuchspoesie spezialisierte Autor, reimte:

Brot, Salz, falsche Klagen,

mag alles taumeln,

keinen Trost versagen:

Frieden allen.

Gültig gewinnt dem eine zeitkritische Nuance ab: »Der bittere Haß einer geknechteten Volksseele bebt in dieser verzweifelten Parodie auf den priesterlichen Zweckoptimismus.«

Die gemütliche Interpretation des Literaturkritikers und Napoleon-Biographen Friedrich Sieburg

Der Rauch, der aus der Pfeife steigt,

der Dampf, der aus der Schussel quillt,

der warme Mund, der mühsam schweigt,

sind alle der Verbrennung Bild

läßt den Dr. Gültig an den »unvergessenen Volksschriftsteller« Ernst Zahn denken, »der dieselben Ingredienzien: Pfeifenrauch und Pfeife, die dampfende Knödelschüssel, den herb verhaltenen warmen Frauenmund und die aus dem Ganzen durch langsames Umrühren gewonnene Philosophie mühelos zu einem umfangreichen Bergbauernroman verarbeitet hätte«.

Tatsächlich gaben die meisten, der Autoren spielerisch einen Beitrag zu ihrer Psychologie zum besten - durch die Vorstellungen, die sie mit dem sinnleeren Wortgeklapper des Vierzeilers assoziierten. Stefan Andres zum Beispiel dachte an eine stramme, etwas sonderbare Amme:

Amme du der Sterne, Nacht,

gib die Brust auch unsern Augen,

bis der Tag uns weiterjagt

mit der Sonnenpeitsche.

Heimito von Doderer, der österreichische »Dämonen«-Autor und lateinkundige Verfechter einer herrenhaften Selbstdisziplin - »nulla dies sine linea« (Kein Tag ohne Linie) - unterstellte den ibolithischen Zeilen ein Selbstporträt des unbekannten Autors:

Traurig bin ich morgens,

vormittags schon härter.

Mittags werd' Ich keck,

nachmittags ganz unausstehlich.

Und der Balkanese unter den deutschen Autoren, der Maghrebinier aus Tschernopol Gregor von Rezzori, übersetzte das »baemu suti« schlicht, als habe Goethe die Zeilen gekannt und als Original ausgegeben, was in Wirklichkeit mir Übertragung gewesen sei. Rezzori (mit »Wipfeln« statt »Gipfeln"):

Über allen Wipfeln ist Ruh ...

Gültig ist mit dem Erfolg seiner Arbeit so zufrieden, daß er plant, nächstens einen erweiterten Band der »baemu suti« herauszugeben. Außerdem hat er an seiner Wohnungstür in der Frankfurter Varrentrappstraße 61 ein Metallschild befestigt mit der Aufschrift »Gesellschaft für ibolithische Sprache und Kultur«. Gültig: »Meine Frau sagt, wir sind blamiert.«

* »baemu suti oder Das Ibolithische Vermächtnis«, ein literarisches Gesellschaftsspiel von Heinz Gültig; Diogenes Verlag, Zürich; 136 Seiten; 12,80 Mark.

Ibolithiker Gültig: 49 Reimdienstverweigerer

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