Ballermannsong »Layla« Musik wie ein Porno

Der Gassenhauer »Layla« ist schwer umstritten – dabei steht er in langer und ehrwürdiger Tradition: Schon die ältesten überlieferten Lieder der Menschheit handeln vom Saufen oder vom Vögeln. Bestenfalls von beidem.
Ballermannstar Mickie Krause auf Mallorca, 16. Mai 2022

Ballermannstar Mickie Krause auf Mallorca, 16. Mai 2022

Foto: Thomas Reiner / picture alliance

Für Freundinnen und Freunde schöner Künste mag es etwas ernüchternd sein, aber die ältesten überlieferten Lieder der Menschheit handeln vom Saufen oder vom Vögeln. Bestenfalls von beidem gleichzeitig, wenn auch feierlich verbrämt. Wobei auch religiöse Feiern schon in der Bronzezeit ohne Bier oder Wein eine recht verkniffene Angelegenheit gewesen wären.

Musikarchäologen haben nicht nur die in mesopotamischen Tonsystemen und auf Tontafeln aufgezeichnete Melodie, sondern auch den in Keilschrift festgehaltenen Text einer hurritischen Hymne an die Göttin Nikkal in Teilen rekonstruieren können. Er ist so alt wie die Büste der Nofretete, etwa 3400 Jahre: »Mögen die Frauen ihren Männern gebären und jene, die jetzt noch Jungfrauen sind, eines Tages gesegnet sein mit Kindern«.

Lyrische Lakonie und Direktheit

Der älteste komplett erhaltene Song ist so alt, dass schon der karthagische Feldherr seinen Text gekannt und beherzigt haben könnte. Erhalten ist er auf der Stele des Seikilos und geht so: »Solange du lebst, tritt auch in Erscheinung. Trauere über nichts zu viel, eine kurze Frist bleibt zum Leben. Das Ende bringt die Zeit von selbst«. Hoch die Tassen!

Von ihren antiken Vorbildern unterscheidet sich die moderne Gebrauchsmusik für die Massen dadurch, dass darüber gegenwärtig ernsthaft »debattiert« wird – und durch seine lyrische Lakonie und Direktheit: »Die wunderschöne Layla« tritt als »schöner, jünger, geiler« in Erscheinung, wobei der Kindersegen für das »Luder« kontrazeptivbedingt ausgeklammert bleiben muss.

Dabei steht »Layla« in einer langen und ehrwürdigen Binnentradition. Es ist Musik für Kegelbrüder und (doch, doch) Kegelschwestern, die mit Sangria im Kopf einfach gerne mal »die Sau rauslassen« wollen. Voraussetzung hierfür ist eine gewisse Grundverschwiemeltheit. Deshalb heißt es bei Falko Ochsenknecht auch nicht »Du kannst mal meinen Penis in den Mund nehmen«, sondern: »Du kannst mir mal die Nudel putzen«.

Mickie Krause besingt ebenfalls ein »Luder, die ist schöner, blonder, fester, denn sie ist ’ne Krankenschwester«, die, so will es offenbar die männliche Fantasie, ihre Kompetenzen aus eigenem Antrieb überschreitet: »Ich spür’ so gerne ihre heiße Hand, die bringt mich außer Rand und Band. Wo sie hingreift, da wächst kein Gras. Und dafür macht es Höllenspaß«.

Auch Ikke Hüftgold schreibt Texte, die man in Keilschrift auf Tontafeln meißeln und ebenfalls tief in Mesopotamien vergraben sollte: »Das Reh hustet laut, was kommt da denn raus? Micaela Schäfer, und sie zieht sich aus! Auf die Frage, warum es sie gefressen hat«, also das Reh die Darstellerin: »Dicke Titten, Kartoffelsalat!«.

In »Anna-Lena« von einem Künstler namens Honk wird das feministische Diktum von den »braven Mädchen« aufgenommen, die in den Himmel kommen. Anna-Lena (»Geiler Arsch, geiler Blick, geiles Stück«) hingegen »tut’s gleich beim ersten Mal« und »treibt’s am liebsten überall«.

Vermutlich ist Anna-Lena eine Schwester im Geiste von Joana, laut Roland Kaiser »geboren, um Liebe zu geben« – ein Schlager, dessen Subtext in der Ballermannversion von Peter Wackel durch Zwischenrufe wie »du geile Sau«, präziser: »du Drecksau« beziehungsweise »du Luder« dezent freigelegt worden ist.

Das Luder im Dampfschlager

Das Luder ist ein Begriff aus dem Jägerlatein und bezeichnet den ausgelegten Kadaver, mit dem der Waidmann das Raubtier anlockt. In seiner sexuellen Bedeutung ist das Luder für den Ballermann so wichtig, dass personifizierte »Luder« wie Mia Julia oder Melanie Müller ihre Karrieren als Pornodarstellerinnen hier mühelos als Gesangsdarstellerinnen ausklingen lassen können. Eine runde Sache.

Zumal der Dampfschlager in ästhetischer Hinsicht selbst ein musikalisches Äquivalent zur Pornografie darstellt. Mit seinen rudimentären Melodien, dem rhythmischen Stampfen, tiefen Bässen und der Steigerung ins Absurde ist er im Grunde eine überzuckerte Parodie auf Musik – und dient mit seinen grellen Reizen der sofortigen Bedürfnisbefriedigung (»Party!«).

So funktioniert misogyner Sexismus fürs Bierzelt, vergnügte Verlogenheit als Ausgelassenheitsmotor.

Der misogyne Sexismus für die Grundschule dagegen ist auf seine großmäulige Weise ebenso verlogen, sein stummeldeutscher Sprechgesang aber bedeutend schlechter gelaunt: »Deine Ma kriegt Penis in’ Arsch, bis die Leber versagt. Ich fick die Futt kaputt, sie wird Totalschaden gebumst« (Farid Bang). Das »Luder« ist hier die allgegenwärtige »Hure« oder ihr Sohn, der »Hurensohn« – seltsam, dass man noch nie von einer »Strichjungentocher« gehört hat.

Beide Genres schenken sich nicht viel und sind daher auch kaum gegeneinander auszuspielen, beide sollten von der »Kunstfreiheit gedeckt« (Danger Dan) sein. Eine Zensur findet nicht statt. Gleichwohl obliegt es dem jeweiligen Gastgeber, welche Musik auf seiner Party aufgelegt wird – und welche nicht.

Wer übrigens eine echte »Party!« feiern möchte, ist mit hurritischen Hymnen schlecht beraten. »Hurrian Hymn No. 6« in der Interpretation von Michael Levy ist in den vergangenen 3400 Jahren nur 238.000, »Layla« von DJ Robin und Schürze in den letzten vier Monaten 35 Millionen Mal geklickt worden.

Sieht ganz so aus, als hätte da der Markt mal wieder etwas entschieden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.