Bangkok: »Jermans here velly happy«
Noch vor zwei Jahren fragten sie meist: »You Amelican?« und schienen sich zu freuen, wenn man sich als »Jerman« (mit langem a) zu erkennen gab. Denn so beliebt, wie sie glaubten, waren die amerikanischen Gis aus Vietnam in der Pat-Pong-Road von Bangkok nie.
Heute haben die Thai-Mädchen an der Herkunft ihrer Freier nur noch selten Zweifel: »Du Jerman, du bumsen!« heißt die jetzt gängige Anrede. Früher hätten sie das vielleicht auch auf Thai gesagt ("Dingdong, Mistel?"), aber jetzt dämmert machtvoll das germanische Zeitalter über Bangkoks Bars und Massagesalons herauf.
Das Zahlenverhältnis von US- zu BRD-Touristen, 1966 noch elf zu eins, ist heute (1973: rund 62000 westdeutsche Bangkok-Besucher) nicht einmal mehr drei zu eins. Und nach der Zahl der Übernachtungen sind die Westdeutschen -- die im Durchschnitt eine Woche bleiben -- den Amerikanern schon klar überlegen: Gegen die halbe Million deutscher Nächte in Bangkok kommt keine andere Nation an. Allerdings konnten deutsche Touristen auch noch nie so billig und bequem nach Fernost reisen wie seit der Eröffnung des Charterflug- und Jumbo-Zeitalters. Zweimal in der Woche startet während der Wintersaison in Frankfurt eine inzwischen auch unter dem Schimpfnamen »Bums-Bomber nach Bangkok« bekannte Boeing 747 der Condor: Am Freitagabend für Neckermann, am Sonnabend für die Firmen des TUI-Verbundes, und im Augenblick sind die 488 Plätze an Bord »ziemlich gut gebucht« (TUI) oder gar »restlos voll« (N-U-R).
Der Charterflug bis Bangkok (Drinks an Bord frei) dauert rund 14 Stunden, und Neckermann, der die Einreiseformalitäten schon während des Fluges abwickeln läßt, bietet ihn einschließlich einer Woche Hotel mit Frühstück ab 1140 Mark -- ein Drittel dessen, was derzeit ein Linienflugticket (Economy) Frankfurt-Bangkok und zurück kostet (3416 Mark).
»Natürlich gibt es auf diesen Flügen«, fanden die Jumbo-Stewardessen, »auch Männer, die anzügliche Bemerkungen machen, aber die gibt es ja überall.« Gewiß, doch die auf dem Fernost-Trip sind ganz klar programmiert: In ihrer Bangkok-Werbung haben die Veranstalter alle roten Laternen angeknipst.
Transeuropa propagiert Bangkok als »Stadt für »Genießer« und »Lebenskünstler«, (mit diesen Anführungszeichen), und Touropa/ Scharnow lehrten in ganzseitigen Zeitungsanzeigen »zehn Worte Thailändisch, mit denen Sie fast überall durchkommen«, zum Beispiel: »Doppelbett« -- »Ich liebe Dich« -- »Noch einmal« -- »Durst« -- und »Guten Morgen«.
Inzwischen sind die Folgen dieses Unterleibs-Marketings (und einer entsprechend vergröbernden Illustriertenberichterstattung) sichtbar: »Wir haben jetzt unter unseren neun Hotels«, erläutert, etwas verlegen, TUIs Bangkok-Chef Edward Stephanick, »zwei Vollbordells und drei Halbbordells.«
Das nämlich sind die für viele entscheidenden Hotelkategorien: Häuser, in denen man besonders bequem kann (die Mädchen warten schon im Coffee-Shop), solche, in denen es auch geht, und andere, in denen man eigentlich nicht kann; das sind die Erster-Klasse- und Luxushotels, in denen nur erfahrene Touristen sich auskennen, für welchen Tip (drei bis fünf Dollar) wer (der Etagenkellner) das Mädchen wie (durch den hinteren Personaleingang und eventuell durch den Speisenlift) aufs Zimmer schmuggelt.
Die meisten Mädchen sitzen augenblicklich nachts im düsteren Coffee-Shop des Hotels Grace, das eine der raren 24-Stunden-Lizenzen hat, während das allgemeine Nightlife, seit dem vorletzten Machtwechsel, um Mitternacht dichtgemacht wird. 200 Meter davon, jenseits der Sukumvit-Road, liegt das Ra-Jah-Hotel, laut Neckermanns Chefreiseleiter Dieter Süßmann »als größte Bumsbude hier fast so etwas wie ein Markenzeichen«.
Im Ra-Jah, das in dieser Saison von N-U-R in das Touropa/Scharnow-Programm überwechselte, sind von 300 Zimmern 200 mit deutschen Touristen belegt, die meisten als Einzelzimmer. Schräg gegenüber -- mit »Grüß Gott, tritt ein, bring Geld herein!« auf dem imitierten Fachwerkgiebel -- wirbt eines der immer zahlreicheren deutschen Restaurants in Bangkok, das »Alt-Heidelberg«, in dem Thai-Mädchen in kurzen Seppl-Hosen bayrische Kost servieren.
In dem mit Fahnen und Transparenten europäischer Reise-Unternehmer drapierten Ra-Jah, das hierzulande noch als gutes Mittelklassehotel durchgehen würde (Zimmer mit Air-conditioning und Bad; Swimming-pool; Nightclub; zwei Restaurants). geben die Deutschen den Ton an, und was für einen.
Selbst aufgedrehte Satire macht sich keinen Begriff davon, wie bilderbuchhaft teutonisch angetrunkene deutsche Touristen durchs Hotel krakeelen; nachts schauern das Deutschlandlied (alte Fassung) oder »Bier her, Bier her« durch die Flure; die thailändischen Etagenkellner lächeln dann hilflos und etwas
mitleidig: »Jermans here velly happy.«
»Die Deutschen haben hier völlig die Rolle der amerikanischen Vietnam-Urlauber übernommen«, sagt TUIs Flugbegleiter Ernest Westdorp, der auch ein Zimmer im Ra-Jah hat, »sie benehmen sich genauso mies, doch sie zahlen sehr viel schlechter.« Im Idiom der Mädchen: »Jermans much dingdong, but not like pay.«
Die rührenden Romanzen aus den Illustriertenberichten, die Bangkok-Ehen (von denen 90 Prozent scheitern), die weinenden Pärchen beim Flughafenabschied, die treuen Liebhaber, die zwei-, dreimal im Jahr kommen und in der Zwischenzeit Schecks schicken
sie sind die unerheblichen Ausnahmen. Der Alltag zeigt den Reiseleitern die, so der Branchen-Jargon, »Bums-Touristen« von einer anderen, weniger schmeichelhaften Seite.
»Man glaubt gar nicht«, so sagt der Touropa/Scharno-Mann im Royal-Hotel (Klasse: Halbbordell), »wie viele die Mädchen ganz brutal behandeln, sie schlagen oder ihnen hinterher (vorher nehmen ist noch nicht üblich) das versprochene Geld oder Geschenk verweigern.«
Das rüde Benehmen vieler Touristen, die von dem kärglichen »broken English« der Thais nichts verstehen, droht die angenehmen siamesischen Sitten zu verderben. Die Höflichkeit des Thailänders, der, auch wenn er verneint, zunächst immer erst einmal freundlich ja sagt ("Jes, can do« -- »Jes, not can do"), beginnt diesen Gästen gegenüber zu ermüden; zutage tritt statt dessen, was bislang in Bangkok weithin unbekannt war: Nepp.
Die Diebstähle in Hotelzimmern haben so zugenommen, daß in vielen Hotels jetzt jedes Mädchen, das ein Gast mitbringt, an der Rezeption registriert wird. Überhaupt: »Die Mädchen waren früher in jeder Beziehung anständiger«, sagt Uschi Hof, Reiseleiterin im Ra-Jah. »Jetzt verlieren sie ihren Charme und werden ordinär -- das haben sie von den Touristen gelernt.«
Deutsche Männer, so scheint es, können so schnell nicht begreifen, daß in Ostasien Prostitution etwas anderes ist als in der Herbertstraße auf St. Pauli. Daß eine ganze Nacht hier billiger ist als daheim die billigsten fünf Minuten (Schnitt: zehn Dollar), macht sie erst recht mißtrauisch: Solche Mädchen müssen ja wohl krank sein oder klauen. Anders können sie sich »soviel Schmus für so'n bißchen Geld«, wie es ein Kölner Automechaniker formulierte, einfach nicht erklären.
Wer indes die Mädchen rücksichtsvoll behandelt und mit ihnen zu reden versucht (was durchaus nicht die Norm ist) -- der ist wohl auf ewig für deutsche Damen des Gewerbes verloren. »Nirgendwo auf der Welt«, schwärmt ein chronischer Fernostfahrer, »kauft man so billig wie hier.« Und das gilt in der Tat nicht nur fürs Horizontale, sondern für das gesamte Service- und Komfort-Angebot (vom Überfluß des Kulturgeschichtlichen nicht zureden).
Ein Zimmer in einem Luxushotel wie dem Oriental in Bangkok (eine Woche per Charter mit Frühstück 1750 Mark), in den Mandarin- und Hyatt-Palästen in Hongkong, Bali, Singapur kostet kaum mehr als ein Bett in einer mittleren Frankfurter Vertreter-Absteige; ein vielgängiges Thai- oder China-Dinner gibt es heute noch in den besten Restaurants für maximal fünf Dollar.
Nur ganz wenige Fernost-Urlauber bleiben ausschließlich in Bangkok. Das beliebteste Anschlußziel ist das Dutyfree-Dorado Hongkong, dann Singapur, dann Nepal. Außer den anspruchsvolleren Rundreisen (Burma, Laos, Korea, Malaysia) und den teureren Exkursionen (Sikkim, Japan) gibt es mehrere Erholungsgebiete mit Strand, Sand und Palmen: Pattaya am Golf von Siam (zwei Autostunden von Bangkok; viele Mädchen, großzügige Hotels), die malaysische Insel Penang (eine Flugstunde> und Bali (sieben Stunden).
Obwohl das Interessanteste der Gegend wahrhaftig nicht ihre sowieso nur selten makellosen Strände sind, kommen inzwischen auch Touristen nur zum Baden herbei; die Zahl der Vier-, Fünf- und Sechswöchner unter ihnen steigt; Neckermann hat auf Penang gar die ersten Überwinterer gesichtet.
Über 100 Kombinationsmöglichkeiten bei Fernostreisen offerieren Scharnow/Touropa; über 5000 propagiert Neckermann, bei dem der Durchschnittskunde immerhin 2250 Mark für seine Tour bezahlt (50 Mark mehr als im Vorjahr und das trotz reduzierter Reisepreise).
Den Anteil der deutschen Herren, die nachts in Bangkok das Bild des Bundesbürgers prägen und deren Interesse eigentlich nur das eine ist, schätzen die Touristiker auf 20 bis 30 Prozent, aber mit steigender Tendenz.
Uschi Hof im Ra-Jah glaubt auch zu wissen, woher der Ansturm letzten Grundes kommt:
»In Deutschland, bei der Emanzipation und all dem, können die ja mit einer Frau nicht mehr das anfangen wie hier in Thailand, wo die Frau dem Mann noch völlig untertan ist. Hier können die noch mal richtig den Mann markieren.«