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THEATER / MILLER Barmherziger Bruder

aus DER SPIEGEL 8/1968

Der amerikanische Dramatiker Arthur Miller, 52, ist solide geworden. »Ich kann nicht der Mode nachlaufen«, sagt er, denn er sei »kein Schneider«.

Nach vier Jahren Theater-Pause hat der einstige Monroe-Gatte sein neues (neuntes) Stück ans Rampenlicht gebracht. »Der Preis«, am Broadway aufgeführt, ist nach der alten Art gefertigt.

Urväterhausrat steht auf der Bühne, in welker Ibsen-Manier bohrt der Dialog in Psyche und Plusquamperfekt und fördert längstvergangene Schuld und Schulden.

Miller hat zwei Brüder ersonnen, die sich nach 16 Jahren Feindschaft inmitten verstaubter Möbel wiedersehen: Das Haus soll abgerissen werden, und sie wollen das Gerümpel an einen jüdischen Händler verkaufen.

Mit dem Staub der frühen Jahre wirbeln sie auch alten Groll auf. Bruder Walter, heute ein bekannter Chirurg, war dem Haus entflohen, als die Wirtschaftskrise von 1936 den Vater bankrott machte; Bruder Victor dagegen, heute ein kleiner Polizist, hatte dem Studium entsagt und für den Alten Geld verdient.

»Der Eisschrank war leer, der Mann saß da mit offenem Mund«, motiviert der Polizist seine gute Tat. Und zum erfolgreichen Bruder: »Du hattest Verantwortung und hast dich gedrückt.«

Der Chirurg jedoch öffnet dem Märtyrer die Augen: Der Alte sei gar nicht krank und bankrott gewesen, sondern habe 4000 Dollar auf die Seite gebracht. Als späte Wiedergutmachung bietet der Doktor nun ·dem barmherzigen Bruder Geld und bessere Arbeit; der lehnt ab und geht grußlos. Zurück bleibt der senile Händler, Millers erste komische Bühnen-Figur; er setzt das alte Grammophon in Gang und lacht, bis ihm die Tränen fließen.

Miller sieht im »Preis« den »Sprößling« eines früheren Miller-Stücks: Mit dem »Tod eines Handlungsreisenden«, dem Pulitzer-Preis-Stück aus dem Jahre 1949, habe der neue »Preis« das Thema »Verantwortung« gemein.

»Verantwortung«, sagt Miller, »ist eine Art von Liebe.« Und nur sie allein bewahre die Welt vor »Totschlag, Gewalt und Nihilismus«.

So altersweise Ansichten paart Miller, einer der letzten Logenmeister des psychologisch-analytischen Theaters, mit Resignation: Er habe die Neigung, sagt er, »das Leben vom Rande des Grabes her zu betrachten«.

Mit seiner Karriere ist er »überhaupt nicht zufrieden«. Er habe »nur zehn Prozent von dem erreicht, was mit der Bühne zu erreichen ist«. Und wenn er seine Werke betrachte, müsse er sagen: »Mein Gott, was hätte man daraus machen können.«

Miller ist seit 1962, dem Todesjahr Marilyn Monroes, in dritter Ehe mit der österreichischen Photographin Inge Morath verheiratet. Er bewohnt ein Landhaus im Staat Connecticut, sein Haar ist schütter geworden, und die Vorbereitungen der »Preis«-Premiere haben ihn erschöpft.

Ein Schauspieler wurde während der Proben krank, und zehn Tage vor der Premiere trennte sich Miller vom Regisseur, der ihm den Bruder-Krieg zu naturalistisch inszenierte; Miller lenkte die Darsteller selbst »auf eine lyrische Ebene«.

Amerikas Kritiker wurden sich über den »Preis« nicht einig -- ob er nun ein »Theaterabend erster Klasse« ("Wall Street Journal") gewesen sei oder nur »von weniger als erster Ordnung« ("New York Times").

Der Preis des »Preises« jedoch steht fest und gut. Statt der üblichen 60 Prozent bekommt Miller 80 Prozent vom Verkauf der Filmrechte; an den Einspielergebnissen der New Yorker Aufführung ist er mit 15 statt der gewohnten zehn Prozent beteiligt.

Und auch die Welt wartet auf den neuen Miller. 40 ausländische Bühnen haben den »Preis« schon vor der Uraufführung akzeptiert.

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