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MUSIKTHEATER Barock goes Broadway

In Erfurt kommt Johann Sebastian Bach erstmals auf die Opernbühne - in einem raffinierten Stilmix des amerikanischen Komponisten Stanley Walden.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 52/2002

Goethe hat er vertont und Ringelnatz, Shakespeare, Kafka, Brecht und immer wieder, seit über 30 Jahren in über 50 Stücken, George Tabori, »meinen Freund und Kumpel im Geiste«.

1955, als GI-Klarinettist der 7. U. S. Army in Stuttgart, hat der Komponist sein erstes Orchesterstück, eine Passacaglia, notiert und es inzwischen, nach Peilung über den eigenen Daumen, auf fast 200 Werke gebracht, »Stoff genug für 50 CDs«.

Da sind viele jazzige Gelegenheitsarbeiten drunter, aber auch dicke symphonische Brocken, die in New York oder Philadelphia mit beachtlichem Erfolg aufgeführt wurden. Da finden sich Schauspielmusiken für das Berliner Grips-Theater, die Münchner Kammerspiele und das Wiener Burgtheater. Und weil »ich ein offenes Ohr für alles besitze«, hat der Fleißarbeiter auch jede Menge halbseidener Petitessen parat, Songs mit laszivem Beigeschmack, kitzligen Kleinkram. Aber ehrlich, schon mal gehört - Stanley Walden, Komponist?

Dabei ist diesem emsigen Tonsetzer einmal, am Broadway, sogar eine Fußnote in der Musikgeschichte geglückt, eine mit Hautgout allerdings; das war 1969, als er zu szenischem Schweinkram die tönende Begleitung beisteuerte. »Oh! Calcutta!« hieß die damals spektakuläre Sexrevue, in der nackte Paare unermüdlich zwischen den Beinen Maß und Hand anlegten und das, alles in allem, mehr als 20 Jahre lang. Bei fast 6000 Vorstellungen wurde so auf Waldens Klangteppich abendfüllend gefummelt.

Und nun, wie es scheint, am letzten Samstag vor Weihnachten, Waldens Wende: der Schwenk von den Lüsten in den Lenden zum Hosianna in der Höhe. Denn für sein jüngstes Beispiel furchtloser Produktionserweiterung hat sich der Amerikaner ausgerechnet einer Übergröße der abendländischen Musik bemächtigt und den frommen Stammvater der klassischen Tonkunst auf die Opernbühne gebeten: den guten alten Johann Sebastian Bach.

Seltsam: Waldens Singspiel heißt »Bachs letzte Oper«, obwohl der Thomaskantor selbst kein einziges Werk für Musiktheater komponiert und möglicherweise auch nie eine fremde Oper gehört und gesehen hat. Seltsamer noch, dass das Stück ursprünglich von »Den Danske Opera« bestellt und das Libretto vom Autor Jess Ørnsbo in dänischer Sprache verfasst worden war, nun aber, noch vor Waldens Vertonung, ins Deutsche übersetzt wurde und das Ganze in Erfurt zur Uraufführung gelangt - obwohl die thüringische Hauptstadt derzeit gar kein Opernhaus besitzt.

Die Erfurter, in deren regionalem Dunstkreis der historische Bach einst lebte, spielen die zweieinhalbstündige Novität in ihrem Kuppeltheater am Südrand der Stadt. Das ist ein mobiles wiewohl solide montiertes Zelt, das seit 1999 als Ersatz für das baufällig gewordene Stammhaus dient. Mit gerade mal 700 Plätzen unter luftiger Kuppel verströmt das Provisorium Zirkus-Atmosphäre, und die ist genau richtig für Waldens zirzensische Bach-Revue - ein Unding das Ganze, aber nicht ohne.

Schon das Libretto grätscht verwegen zwischen historischen Fakten und visionären Phantastereien. So viel beispielsweise stimmt an dem Plot: dass der Thomaskantor, Vater von 20 Kindern, durch das Arnstädter Konsistorium wegen einer »frembden Jungfer« auf seiner Orgelbank und wegen unerlaubt langer Abwesenheit von seiner Arbeitsstelle gerügt, in Weimar verhaftet, arrestiert und »mit angezeigter Ungnade« entlassen und schließlich von einem englischen Quacksalber erfolglos an den Augen operiert wurde. Den Kollegen Händel hingegen hat Bach niemals getroffen, und auch Voltaire kreuzte nie seinen Weg; da lügt das Libretto.

Vollends theatertypische Zutaten sind die über alle neun Szenen verstreuten Abstrusitäten; etwa die Schlacht in einer Kneipe, wo mit Würsten und Schweinskeulen gefochten wird, die synchrone Präsenz eines jungen und eines erwachsenen Bach oder der Einsatz einer Putzkolonne, die in der Arnstädter Kirche haushaltsnahe Tätigkeiten verrichtet. Auch so märchenhafte Erscheinungen wie der türkische Fürst, die orientalische Prinzessin oder der Mongole mit dem Krummschwert sind, wie auch anders, reine Hirngespinste des Librettisten - und legitime Aufputschmittel, um die dröge biografische Datenlage mit theatralischem Wuppdich aufzumischen.

Gleichwohl tat sich Stanley Walden, 70, anfangs schwer. Oh my God, da würde er, bei allem Respekt vor den maßlosen Größenunterschieden, immerhin als Komponist einen Komponisten vertonen, von Kollege zu Kollege. Andererseits sollte er, der jüdische Bestseller-Produzent vom Broadway, einen protestantischen Kirchenmusiker aus dem barocken Germany besingen und ausgerechnet er, der engagierte Jazzer, in die himmelstürmende Welt der Kantaten und Passionen eintauchen und plötzlich Gotteslob anstimmen, wo er doch viele Jahre durch Striptease-Bars getingelt war. Würde das gehen?

Wochenlang grübelte Walden auf seiner 12 Hektar großen Farm im Staat New York, wie er dem ehrenwerten Kantor auf die Schliche kommen könnte: »Bachs letzte Oper« völlig ohne O-Ton Bach? Oder, im Gegenteil, nur mit Bach-Musik? Oder so und so? Schließlich legte er sich fest: Bach plus Walden. Eine »Hommage« sollte es werden, aber ohne »Trittbrettfahrerei": »Ich versuche nicht, einen Berg zu bezwingen, sondern ihn in all seiner Größe zu schildern.« So näherte er sich Bach, dem Everest der Musik, auf Knien und mit ein wenig Schalk im Ohr.

Nun zitiert, imitiert, parodiert, karikiert Walden den großen Ahn. Er ist ein Streuner durch alle Stile, ein Jongleur aller Genres. Einmal wirkt die Musik so andächtig, als hätte er mit gefalteten Händen komponiert; doch schon im nächsten Moment kommt richtig Schwung in des Kantors Sippschaft. Walden mixt sein Bachanal mit Bravour: Choräle, Orgelstücke, Wohltemperiertes Klavier, Kunst der Fuge - ein Panoptikum mobile barocker Kostbarkeiten.

Aus der »Matthäus-Passion« übernimmt Walden das »Haupt voll Blut und Wunden«, aus dem Musikalischen Opfer das sechsstimmige Ricercare. Mit insgesamt 27 Anleihen bei Bach (und ein paar zusätzlichen Motiven von Händel, Pachelbel, Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel und pietistischen Kirchengesängen) ist »Bachs letzte Oper« auch ein Ratespiel für barockomane Quizlinge, wo was her ist - gleichsam Bach à la Jauch.

Doch purer Bach bleibt in der Partitur gleichwohl die Ausnahme. Mal lässt Walden zwei Bach-Melodien gleichzeitig intonieren und durch die synchrone Doppelung verfremden, mal unterlegt er einer originalen Bach-Melodie eine neutönerisch schräge Begleitung eigener Machart. An Stelle einer Ouvertüre werden die Namen sämtlicher Bach-Kinder rezitiert, auf der Basis der vier Buchstaben-Töne des berühmten Namens und völlig ohne instrumentale Stütze; ein pfiffiger Einfall.

Walden verlangt ein mittelständisches Orchester, knapp 50 Musiker. Bei Streichern und Bläsern trägt er fast dünn auf; mehr Wirbel macht er am Schlagzeug, das er durch aparte Instrumente exotisch einfärbt: Beim »Löwengebrüll« beispielsweise gibt ein geriebener Katzendarm bestialisch Laut, bei der »Freeka« jault ein Schlauch durch die Luft. Verglichen mit den wüsten Materialschlachten so mancher Neutöner backt Walden allerdings kleine Bagels; kein unsympathischer Zug.

Das Ganze taugt zur Erbauung und verspricht Entertainment - Barock goes Broadway. Aber für mehr als eine Fußnote in der Musikgeschichte reicht es bei Walden auch diesmal nicht. Allzu gefällig und beiläufig rollt er seinen akustischen Bilderbogen auf und ab; kein dramatischer Schub, der echt Drive und Spannung in die Partitur bringt, kein Sog, der mitreißt. Bacchantisch ist das Stück in keinem Takt.

Und ob es Walden nun gewollt oder einfach nicht verhindert hat: Wenn er etwa Bachs Ehefrauen ihre Liebeslieder anstimmen lässt, schöpft er eben doch reichlich dicke aus dem melodischen Fundus des hochverehrten Thomaskantors und lockt das Publikum ungeniert in den Wellness-Bereich der Partitur, zu den klaren Tönen und den reinen Harmonien.

Für den Erfurter Generalintendanten Guy Montavon, dem die Stadt gerade erst den Schauspielbetrieb dichtgemacht hat, war es jedenfalls »als thüringische Bühne« Ehrensache, die in der Region stationierte Bach-Story zur Uraufführung anzunehmen, nachdem die dänischen Auftraggeber mangels Geld passen mussten: »Wer, wenn nicht wir, sollte es denn machen?«

Im September nächsten Jahres, zur feierlichen Einweihung des stattlichen neuen Musiktheaters, will Montavon in seinem Uraufführungseifer ("Jedes Jahr ein neues Stück") nachlegen. Dann darf bei ihm der nächste historische Halbgott der Gegend auf der Opernbühne debütieren: der gute alte Luther. Der mit dem Tintenfass. KLAUS UMBACH

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