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Barocktrompeten-Belkanto mit zwei atü

Acht rein silberne Barocktrompeten hat der DDR-Trompeter Ludwig Güttler vor drei Jahren unter altem Gerümpel entdeckt. Diese Woche werden die kostbaren Instrumente, die die DDR wie einen Staatsschatz hütet, von Güttler erstmals in einem Konzert öffentlich präsentiert. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Plunder, wohin er auch guckte. Da stapelten sich die Böden und Bruchstücke alter Cembalos, da lagen die Resonanzkästen demolierter Harfen zwischen morschen Notenständern, und unter dem ganzen Krempel kamen ein paar ungewöhnlich lange, schlanke Blechblasinstrumente zum Vorschein, verbeult zum Teil und das stumpfe Silber dick mit Staub bedeckt.

Aber der Trompeter Ludwig Güttler, der sich Ende 1982 im Dresdner Schloß Pillnitz mit dem Musikwissenschaftler Wolfram Steude wieder mal nach Antiquitäten umgesehen hatte, war fündig geworden. Diesmal war er sogar auf einen Schatz gestoßen, »so kostbar und sensationell«, daß ihn die DDR sogleich zum Staatsgeheimnis erklärte.

Was Güttler und Steude damals im Trödel entdeckten, waren acht originale Dresdner Hoftrompeten, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus reinem Silber, für 100 Taler pro Stück, hergestellt und deren ziselierte Ornamente an Knauf und Stürze 1899 auch noch vergoldet worden waren. Diese Instrumente galten schon bei Hofe als so wertvoll, daß die sächsischen Kurfürsten und Könige sie als persönliches Eigentum ansahen, in besonderen Silberkammern aufbewahrten und nur in zusätzlich gesicherten Fahrzeugen mit auf Reisen nahmen.

Auch Honeckers Arbeiter-und-Bauern-Staat hielt die Prunkstücke eisern unter Verschluß. Von den Fundsachen - Versicherungswert: eine Million Mark - war offiziell nie die Rede; Bilder aus der Werkstatt des Leipziger Instrumentenbauers Friedbert Syhre, wo die Trouvaillen restauriert und wieder auf Hochglanz gebracht wurden, kamen nicht an die Öffentlichkeit. Sogar die Schallplatte, für die Güttler und sieben Kollegen letzten Juli gerade neun Minuten lang auf den Silberlingen blasen durften, wurde vom VEB Deutsche Schallplatten in Ost-Berlin durch eine Sperrfrist blockiert. _(Kurt Sandau. )

Erst am Dienstag dieser Woche, wenn Güttler und sein Ensemble die Hoftrompeten bei der Eröffnung der Heinrich-Schütz-Festtage in Dresden vor internationalem Publikum und Fernsehen erstmals live vorgeführt haben werden, dürfen auch die digitalen Glanznummern in den deutsch-deutschen Plattenhandel. _("Die Dresdner Hoftrompeten«. Musik von ) _(Johann Petzel, Girolamo Fantini, ) _(Anonymus, Claudio Monteverdi, Georg ) _(Friedrich Händel. Capriccio C 12 425. )

So einen Staatsakt nimmt der Geheimnisträger Güttler genauso gelassen hin wie einen Auftritt bei der Tagung des Weltkirchenrats oder, Ende dieses Monats, beim Europäischen Kulturforum in Budapest. Feierliche Pflichten, repräsentative Galas, selbst mehrwöchige Tourneen durch die großstädtischen Konzert- und Gotteshäuser sind ihm nicht wichtiger als seine unauffälligen Arbeiten, wenn er beispielsweise Archive und Museen nach einschlägiger Literatur durchstöbert, wieder mal ein altes Jagdhorn aus seiner Privatsammlung von über 50 Instrumenten ausprobiert oder seine Schüler unterrichtet, in Musik, deren Pädagogik und Psychologie. Direkt oder auch indirekt, mittels schriftlicher Unterweisung, profitieren an die 9000 junge DDR-Bläser von Güttlers Können. Ein Standardwerk hat er in Arbeit, »dürfte aber vor 1990 nicht damit fertig werden«.

Ludwig Güttler, 42, Kammervirtuose und (seit 1979) Professor an der Dresdner Musikhochschule, ist heute unbestritten der populärste E-Musiker der DDR. Der Dresdner Bassist Theo Adam, 59, viele Jahre umjubelter Wotan, hat seine besten Jahre hinter sich; der Tenor Peter Schreier, 50, Deutschlands stilvollster Bach-Evangelist, ist zwar noch gut bei Stimme, versucht aber den langsamen Absprung vom Solisten an der Rampe zum Kapellmeister am Pult. Beiden hat Güttler mit seiner wuscheligen Beethoven-Mähne jugendliches Draufgängertum und konkurrenzloses Können voraus.

In den Plattenläden der DDR mit ihrem berüchtigt lückenhaften Sortiment ist Güttler stets bestens vertreten, und wenn er in der Dresdner Kreuzkirche ein Konzert ansetzt, drängeln sich bis zu 7000 Fans um Einlaß, Massen von Jungen voran.

Nicht annähernd die Hälfte seiner fast 180 Auftritte im vergangenen Jahr absolvierte Güttler in dem Staat, dessen Nationalpreisträger er ist. Er darf seine Meisterkurse ebensogut in Österreich und Japan abhalten wie in Weimar. 1976 konnte er das Leipziger Bach-Collegium gründen, zwei Jahre später ein Bläser-Ensemble um sich scharen, jetzt wird er sich aus dem feinsten Orchester der DDR, der traditionsreichen Staatskapelle Dresden, sogar ein eigenes Kammerorchester ("Virtuosi Saxoniae") zusammenstellen, »und zwar ausschließlich mit

Musikern, die ich ausgesucht habe, und nicht mit jenen, die man vielleicht höheren Orts gern gesehen hätte«.

Solch ungewöhnlichen Freiraum verdankt Güttler natürlich nicht nur seiner künstlerischen Autorität und Beliebtheit, sondern auch seiner Funktion als Exportschlager. Die DDR weiß den »neuesten Gott der Trompete« ("Die Welt"), der sich mit »Paganini-Qualität« ("Hamburger Abendblatt") an »die Spitze seiner Zunft geschmettert hat« ("FAZ"), wohl zu schätzen.

Doch so richtig und ehrenvoll die Hoheitsadressen der westlichen Feuilletons auch sein mögen, Güttler liegt viel mehr daran, Ton und Timbre der Trompete, bei der »das Erhabene und das Lächerliche so nah beieinander liegen« (Güttler), weiter zu kultivieren. Schon jetzt, weniger als zehn Jahre nach seinem Start in die Solistenkarriere, hat er einen Trompetertypus geprägt, der mit all den aufgepusteten und krebsrot anlaufenden Strahlemännern nichts mehr gemein hat.

Natürlich setzt er, wenn es sein muß, sein Blech auch unter Hochdruck und bläst mit ungebremstem Schub alle die Koloraturen, Triller und aberwitzigen Tonwiederholungen, nach denen das Publikum lechzt wie nach dem Tastendonner von Horowitz. Aber er stellt den pausbäckigen Kraftprotz nicht gern heraus und stellt sich auch nie so in Positur.

Im Gegensatz etwa zu dem 1,55 Meter kleinen Adolf Scherbaum, Star der ersten Barockwelle nach dem Kriege, dem der Wind, den er machte, stets unübersehbar zu Kopf stieg, holt der 1,92 Meter große Güttler selbst für reißerische Spitzentöne die Luft aus stillen Reserven. Und anders auch als der hemdsärmelige Franzose Maurice Andre, der mit seinen gut zwei Zentnern jahrelang den europäischen Trompeter-Thron besetzt hielt und dessen Leibesfülle immer unter Volldampf steht, spielt Güttler sichtlich entspannt: Atemraubend sind seine Kunststücke nur für die Zuhörer.

Lieber stuft er die Töne so fein ab wie ein einfühlsamer Flötist; das weiche, wandlungsfähige Piano, gleichsam die Kehrseite des üblichen Trompetengeschmetters, ist Güttlers Spezialität. Noch bei mehr als zwei atü Druck auf seine Backenmuskulatur holt er aus dem Blech reinen Belkanto.

Da wirkt nach, daß Güttler, bevor er mit 14 zur Trompete griff, bereits Klavier, Cello, Orgel und Horn gespielt hat; daß er sich während seiner Leipziger Lehrjahre regelmäßig unter Sängern und Streichern umhörte und auch heute noch, wenn ihm Zeit bleibt, immer mal wieder Musik macht, ohne zu blasen. Die »künstlerische Vereinsamung«, die aus »hervorragenden Trompetern« letztlich »mangelhafte Musiker« macht, ist ihm ein Greuel.

1986, nach dem Europäischen Jahr der Musik, in dem selbst ihm langsam die Luft ausging, will Güttler »erst einmal

daheim verschnaufen«, gleichzeitig aber, nach schwierigen Präludien, sein längst fälliges Debüt in Amerika geben.

Immer noch geht der Weltstar, der längst in Helsinki, Wien, Rom, Budapest, England und Frankreich gastiert und im November zu einer mehrwöchigen Japan-Tournee aufbricht, aus Dankbarkeit zurück in die Provinz, wo einst gute Freunde dem vielversprechenden Newcomer den Weg ebneten, nach Gengenbach im Schwarzwald beispielsweise, nach Reinhartshausen bei Augsburg oder in die kleine Kirche in Keitum auf Sylt.

Und Anhänglichkeit bezeugt der umworbene Güttler auch gegenüber dem rheinischen Schallplattenverleger Winfried Ammel, der 1982, als seine Firma Delta Music selbst noch krauchte, dem DDR-Label »Eterna« die Aufnahmen mit dem DDR-Star finanzierte.

Mittlerweile hat Ammel auf »Capriccio« 17 Güttler-Platten - nicht wenige preisgekrönt - im Repertoire, und Bestseller Güttler, den die Deutsche Phono-Akademie bereits 1983 zur »Neuentdeckung des Jahres« ausrief, hält ihm die Treue - sogar gegen Lockrufe von Teldec, Phonogram und Deutsche Grammophon, die Herbert von Karajan als Begleiter angeboten haben soll.

Inzwischen bekommt Güttler allerdings auch zu spüren, daß er dem Maestro die kalte Schulter gezeigt hat: Die Salzburger Festspiele blieben ihm bislang versperrt. Zwar hat sich dort eine Mehrheit unter den Programmplanern längst für ein Güttler-Engagement ausgesprochen, aber zwei blocken weiter ab, und einer davon hat das Sagen: Herbert von Karajan hält einen Auftritt des Dresdners beim österreichischen Luxus-Festival nicht für opportun. Sein Schade.

Kurt Sandau.»Die Dresdner Hoftrompeten«. Musik von Johann Petzel, GirolamoFantini, Anonymus, Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel.Capriccio C 12 425.

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