Nach langem Schweigen Ein Verlag stellt sich seiner Nazi-Vergangenheit

In der Firmenhistorie sparte die Bauer Media Group die NS-Zeit aus - jetzt soll ein Historiker die braunen Jahre aufarbeiten. Recherchen von SPIEGEL und "Zapp" zeigen: Die Zeit brachte den Aufschwung.
Bauer-Verlagsgebäude in Hamburg

Bauer-Verlagsgebäude in Hamburg

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Jens Ressing/ DER SPIEGEL

Die Bauer Media Group will einen Historiker einsetzen, um die Verlagsgeschichte während des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Mit der Entscheidung reagiert das Hamburger Unternehmen auf Recherchen des SPIEGEL und des NDR-Medienmagazins "Zapp" , die dem Verlag in der vorvergangenen Woche einen Fragenkatalog zum Wirken während der NS-Herrschaft und zur NSDAP-Mitgliedschaft des damaligen Firmenchefs Alfred Bauer geschickt hatten. Die Bauer Media Group gibt 600 Magazine in 17 Ländern heraus und ist das größte Zeitschriftenhaus Europas.

In der eigenen Firmenhistorie spart der Verlag die Zeit des Nationalsozialismus bisher aus, auf einer Internetseite zur Verlagsgeschichte findet sich über die Jahre 1933 bis 1945 kein Wort.

Die von SPIEGEL und "Zapp"  in Archiven zusammengetragenen Dokumente legen allerdings den Schluss nahe, dass die braunen Jahre im Unternehmen für entscheidenden Aufschwung sorgten. Glühende Nazis waren die Bauers wohl nicht. Von der NSDAP auf das "schwerste bedrängt", wie Firmenchef Alfred Bauer es nach dem Krieg bei seiner Entnazifizierung suggerierte, schienen sie allerdings kaum. Ende 1939 trat Bauer selbst der Partei bei – um, wie er schrieb, die "dauernden Angriffe" auf die "politisch nicht zuverlässige" Firma abzuwenden. So sei das Unternehmen gezwungen worden, "leitende Angestellte, die der Partei unbequem waren, aus dem Betrieb zu entfernen".

"Der Verlag hat eindeutig von der NS-Herrschaft profitiert"

Für die Firma allerdings ging es wirtschaftlich steil bergauf: "Der Verlag hat seinen geschäftlichen Aufstieg mit dem Nationalsozialismus erlebt und eindeutig von der NS-Herrschaft profitiert", sagt der Historiker Karl Christian Führer, der sich intensiv mit der Geschichte der Hamburger Verlagshäuser befasst hat. "Aus dem Kleinverlag", so Führer, "entwickelte sich ein bedeutendes Unternehmen".

Das lag vor allem an der Radioprogrammzeitschrift "Funk-Wacht", deren Auflage bis Anfang der Dreißigerjahre bei rund 40.000 Exemplaren dümpelte und sich dann innerhalb weniger Jahre mehr als verzehnfachte, auf über 400.000 Exemplare. Der Verlegerfamilie kam dabei zugute, dass die Nazis den Rundfunk zu einem wesentlichen Propagandainstrument machten und nur noch ausgewählten Zeitschriften den Abdruck des Programms gestatteten. Zeitschriften wie Bauers "Funk-Wacht" wurden journalistische Bindemittel, um das NS-Gedankengut ins Volk zu tragen.

Ihren Gewinn investierten die Bauers auch in Immobilien. Die ausgewerteten Archiv-Unterlagen zeigen, dass Alfred Bauer 1938 in Hamburg zwei Objekte von jüdischen Eigentümern erwarb, die unter dem Druck der Nazis zum Verkauf genötigt waren. Als einer der betroffenen Eigentümer, Paul Dessauer, nach dem Krieg von New York aus die Wiedergutmachung betrieb, behauptete Bauers Anwalt, es sei 1938 ein "angemessener Preis" bezahlt worden. Jessica Erdelmann, Historikerin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, hält solche Aussagen für gewagt. Von einem angemessenen Preis könne man nicht sprechen. "Beide Verkäufe fallen in einen Zeitraum, der als Bereicherungswettlauf bezeichnet wird", sagt sie.

Es ging um die letzten Firmen und Immobilien, die im Zuge der Arisierungen jüdischen Vermögens noch zu haben waren. Bis 1939 betraf dieser Ausverkauf allein in Hamburg 1500 Unternehmen, schätzt Erdelmann. "Bauer hat von den Bedingungen profitiert, die der Nationalsozialismus geboten hat. Die Grundstücke hätte er zu solch günstigen Bedingungen sonst wahrscheinlich nicht bekommen." Dürre 90.000 Reichsmark kostete Bauer etwa das Dessauer-Grundstück, zu dem ein Textilhandelshaus gehörte, das die Käufer mit einem Partner weiterführten.

Anfang der Fünfzigerjahre einigten sich die Parteien auf eine Entschädigung: Dessauer bekam 54.000 Mark für das Kaufhaus und das Grundstück. Im zweiten dokumentierten Fall zahlte Bauer 15.000 Mark Wiedergutmachung.

Anders als andere Medienhäuser wie DuMont oder Bertelsmann, die ihre Verstrickungen mit dem Naziregime aufarbeiten ließen, hat Bauer damit bis heute gewartet. Grundstücke oder Liegenschaften aus Arisierung würden sich nicht mehr im Besitz des Unternehmens befinden, sagte ein Sprecher. Das historische Interesse des Verlagshauses schien bisher allerdings begrenzt: Man habe "weder kaufmännische noch historische" Unterlagen, so der Sprecher, die länger zurückreichen als die gesetzliche Aufbewahrungsfrist.