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RAUMSTATION Baukasten im All

aus DER SPIEGEL 37/1966

Amerikas Astronauten sollen es in Zukunft Landstreichern gleichtun. Ähnlich den erdgebundenen Hoboes, die in oft wochenlangen Touren in leeren Kohlewaggons den amerikanischen Kontinent durchqueren, werden die Raumfahrer schon in wenigen Jahren monatelang in riesigen leeren Treibstofftanks die Erde umrunden.

Das Ziel solcher Weltraum-Trampfahrten ist jedoch, wie aus Ankündigungen der US-Raumfahrtbehörde Nasa Ende letzten Monats hervorging, sehr konkret: Amerika hofft auf diese Weise schneller und billiger zu großen erdumkreisenden Raumstationen zu kommen.

Tatsächlich könnte damit erstmals eine Idee verwirklicht werden, die von den Raketentechnikern in den letzten Jahren - angesichts der immer größer und aufwendiger werdenden Raumraketen - immer dringlicher verfolgt

wurde: die Wiederverwendung ausgebrannter Raketenstufen.

Ursprünglich hatten die Techniker vor allem nach Möglichkeiten gesucht, die Startstufen moderner Großraketen mehrmals verwenden zu können. Sie wollten die bis zu 40 Meter hohen Treibstofftanks dieser Startstufen samt den Triebwerken mit Hilfe von Fallschirmen oder Gleitflügeln wieder zur Erde zurückbringen. Aber all diese Vorhaben blieben bislang im Modellversuch stecken.

Das neue Nasa-Projekt sieht nun vor, wenigstens die Oberstufen von Großraketen, die zusammen mit der Nutzlast die Umlaufbahn erreichen, sinnvoll weiterzuverwenden. An einer Träger-Rakete vom Typ Saturn 1 B, die in den kommenden Monaten und Jahren US -Astronauten in dem Drei-Mann-Raumschiff »Apollo« zu Übungsflügen auf Erdumlaufbahnen hieven soll, wollen die Raumfahrtplaner das Tramp-Prinzip erproben.

Die Raumfahrttechniker der McDonnel-Werke in St. Louis (US-Staat Missouri), die auch das Zwillings-Raumschiff »Gemini« entwarfen und bauten, sollen in den kommenden zwei Jahren ein Verbindungsstück entwickeln, das den Astronauten den Übergang vom Apollo-Raumschiff zur Behausung im Treibstoff-Tank der Saturn-Oberstufe ermöglicht (siehe Graphik).

Diese Zwischenstufe muß eine Luftschleuse sowie all die Vorräte und Zusatzapparate bergen, die nötig sind, um den leergepumpten Treibstofftank (Fassungsvermögen: 250 000 Liter Flüssigwasserstoff) in ein beleuchtetes und klimatisiertes Weltraumlabor umzuwandeln. Etwaige Treibstoffreste im Tank werden vorher auf einfache Weise beseitigt: Durch ein geöffnetes Auslaßventil werden sie vom Weltraum -Vakuum abgesaugt. Die Astronauten sollen sich in dem sodann mit Sauerstoff gefüllten Tank-Labor der Saturnstufe wochenlang aufhalten, ehe sie mit der Apollo-Kapsel wieder zur Erde zurückkehren.

Eine seitliche Luke an der Zwischenstufe soll zudem dafür sorgen, daß, anders als noch bei den Gemini-Flügen, auch bei Ausflügen eines einzelnen Astronauten ins All seine Kollegen in der Kommando-Kapsel oder auch im Tank-Labor in Hemdsärmeln weiterarbeiten können - die Schotten zwischen den einzelnen Teilen des Kombi-Raumgefährts werden den Druckabfall beim Öffnen der Ausstiegsluke auf das Verbindungsstück beschränken.

Falls die ersten, schon für 1968 vorgesehenen Versuche mit den Saturn-Wohntanks erfolgreich verlaufen, wollen die US-Raumfahrtplaner das Prinzip in großem Maßstab nutzen. »Es wird dann relativ einfach sein«, so erläuterte ein Nasa-Sprecher, »aus vielen Oberstufen im Baukasten-System eine große Raumstation zusammenzusetzen, in der eine Mannschaft über viele Monate hinweg die Erde umkreisen kann.«

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