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MEDIZIN / DIABETES-MITTEL Bauplan geändert

aus DER SPIEGEL 5/1969

Vierzehn Jahre lang prüften die Forscher eine einzige Wirkstoffgruppe. Doch fast alle der 8000 chemisch verwandten Substanzen, die synthetisiert wurden, kamen zum wissenschaftlichen Müll: Es waren unwirksame oder gar für den menschlichen Organismus schädliche Verbindungen.

Jetzt aber sollen sich die Forschermühen auszahlen. Eines der Präparate, unter der Laborchiffre HB 419 gemeinsam von den Farbwerken Hoechst und der Pharmafirma Boehringer in Mannheim entwickelt, hat alle pharmakologischen und toxikologischen Prüfungen bestanden.

Von Sonntag bis Mittwoch dieser Woche debattieren im bayrischen Rottach-Egern 250 Arzneimittel-Chemiker und Mediziner über die Befunde an etlichen tausend Patienten, denen HB 419 in den letzten beiden Jahren probeweise verabreicht wurde. Wenn das Resümee der Experten günstig ausfällt, soll das Präparat demnächst auf dem Medikamentenmarkt ausgeboten werden: als vorläufig wirksamstes Mittel gegen den sogenannten Erwachsenen- und Altersdiabetes (Zuckerkrankheit)* -- 200- bis 300mal so wirksam wie die bislang erhältlichen Anti-Diabetes-Tabletten.

Es wäre ein neuer Erfolg im Kampf gegen die -- nach Herz- und Kreislaufleiden und Krebs -- dritthäufigste Volkskrankheit. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung in den Wohlstands-Staaten, mehr als eine Million Menschen allein in der Bundesrepublik haben »Zucker« (allerdings weiß nur jeder zweite Diabetiker von seiner Krankheit). Beim Diabetiker ist der Zuckergehalt des Blutes überhöht, weil der

* Es wirkt nicht gegen die meist schon in der Jugend auftrtende Form der Zuckerkrankheit, bei der die körpereigene Produktion des Insulins völlig ausgefallen ist.

Organismus die Kohlehydrate aus der Nahrung unzureichend verwertet.

Lange Zeit galt der Diabetes als bloßer Mangel des Körpers an Insulin, einem Hormon, das in den sogenannten Inselzellen der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und die Zuckerverwertung im Körper steuert. Doch neuerdings sind die Ärzte bei der Erklärung von Ursachen und Auswirkungen dieses Leidens, bei dem auch der Eiweiß- und Fettstoffwechsel gestört ist, uneins und unsicher.

Üppige Esser und Bewegungsfaule vor allem werden davon betroffen; aber es scheint auch eine erbliche Belastung und ein ganzes Bündel anderer Faktoren dafür zu geben. Insgesamt, so schätzen die Mediziner, hat fast jeder dritte Mensch eine Veranlagung für Diabetes.

Die Behandlung der Zuckerkranken hingegen konnte immer mehr verfeinert werden. Diabetes war unheilbar, bis 1921 entdeckt wurde, daß die Verabreichung von Insulin, das aus tierischen Bauchspeicheldrüsen gewonnen wurde, den Insulinmangel des Kranken ausgleichen kann. Ein beträchtlicher Fortschritt war es, als die Chemiker 1955 zwei Medikamente fanden, die in Tablettenform zu verabreichen sind; 40 Prozent der Diabetes-Kranken wurden von der Spritze erlöst (allerdings ging das nur, wenn ihnen noch ein Rest an körpereigener Insulinproduktion verblieben war).

Das nun in Hoechst und Mannheim synthetisierte HB 419 gehört zur gleichen chemischen Gruppe wie die Vorläufer von 1955. Winzige Veränderungen im Bauplan des Moleküls genügten, die Wirksamkeit drastisch zu erhöhen: Während von den herkömmlichen oralen Antidiabetika täglich ein bis anderthalb Gramm verabfolgt werden mußten, ist die neue Substanz schon in Quantitäten von fünf Milligramm pro Tag voll wirksam.

Und auch sonst melden die Pharmakologen vielversprechende Befunde: An diabetischen Ratten beobachteten sie nicht nur, daß HB 419 die dem Körper noch verbliebene Insulinproduktion anregt, es entfaltete zusätzlich auch eine (in Grenzen) heilende Wirkung: Die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse vormehrten sich wieder.

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