Zur Ausgabe
Artikel 66 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Bazon, was sollen wir denken?«

aus DER SPIEGEL 25/1977

Die Sprache verweigert nur eines, ebenso wenig Geräusch zu machen wie das Schweigen.

Bazon Brock

Nichts ist, was nicht gemäß dem Streit geschieht«, erkannte der Dichter Francesco Petrarca. Die Verleihung des nach ihm benannten, mit 20 000 Mark höchstdotierten deutschen Lyrikpreises bestätigte ihn auf drastische Weise.

Während Senator Franz Burda die sieche deutsche Filmwirtschaft mit seinen Bambis tröstet, strebt der Sinn seines Sohnes Hubert, eines studierten Kunsthistorikers, nach Höherem. Vor zwei Jahren, zum 601. Todestag des großen Humanisten und Lyrikers, stiftete er den Petrarca-Preis, den eine illustre Autorenjury -- Nicolas Born, Bazon Brock, Peter Handke, Michael Krüger, Urs Widmer -- zu vergeben hat.

Ersterkorener war Rolf Dieter Brinkmann. Er erhielt den Preis posthum, konnte sich also nicht mehr wehren. Letztes Jahr erkor man den mit grübelnd-erdhaftem Pathos formulierenden Ernst Meister und die DDR-Lyrikerin Sarah Kirsch. Und diesmal Herbert Achternbusch.

Das »bayerische Genie« ("Die Zeit") eignet sich für derartige, weihrauchgetränkte Festivitäten wie Mick Jagger für Bayreuth. Doch die Jury war offenbar, in intimer Kenntnis des Literaturbetriebes, der Meinung, wo"s Geld gibt, da spielt man mit. Daß man dem skeptisch, doch gutwillig angereisten Achternbusch allerdings eine derart jämmerliche Klamottenkiste zumutete, das war doch zu starker Tobak für den armen Poeten und Filmemacher.

Auf den Spuren Petrarcas wandelnd fand man sich dieses Jahr in Tusculum zusammen, einem Hügel nahe Rom, auf dem sich Ciceros Landhaus befunden haben soll. Die Direktion hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um dort oben einen achtsäuligen Tempel aus weinrotem Tuch zu errichten und ihn mit sündteuren Girlanden, sogenannten Tennien zu schmücken, von denen der Kulturconferencier Bazon Brock behauptete, sie seien seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr hergestellt worden. Da mochte er recht haben, denn die eingeflochtenen Orangen und Zitronen waren aus Plastik.

Hier sollte das Zeremoniell der Dichterkrönung wie zu Petrarcas Zeiten abgewickelt werden. Doch es regnete. Durch arkadisches Jauchzen verzückt, sagte man allerdings nicht »es regnet«, man sprach von der Ironie des Wettergottes. Der Böse trieb nun also das Dichtervolk und seinen Anhang ins Nymphäum der Villa Aldobrandini, dem Prunksitz eines Kardinals aus dem 17. Jahrhundert, in welcher schon Goethe 1787 zu Gast war.

Da stand man also auf geschichtsträchtigem Boden, das kalte Buffet für Selbstzahler im Magen und wartete auf die Laudatio Peter Handkes, der sich sonst so gern über die Reize der Geschichtslosigkeit ausläßt. Dazu kam es nicht, und das hatte seinen Grund. Abends zuvor nämlich waren sich Handke und Achternbusch weinunselig in die Wolle geraten. Als Handke einen Dritten als »Du Bayer« anmotzte, dies als Schimpfwort meinte und Achternbusch zudem als feige abkanzelte, brüllte ihn Achternbusch als »Limonadenkopf« nieder, der nicht wisse, was Angst sei und dessen »Geschreibsel« nur aus dem Kopf komme.

Der Laureat verschaffte sich so, mit Frau und vier Kindern im Troß, einen unheimlich starken Abgang, der Dichterfürst schwieg verdattert, kramte in seiner erschütterten Innenwelt herum und konnte später nur noch von den zahlreich angereisten Literaturgroupies getröstet werden, von denen sich manche die Frage gefallen lassen mußten, ob sie »häufig vögeln«.

Die vorbereitete Laudatio ließ Handke also in der Tasche, schwieg erst mal mit gesenktem Kopf eine Minute lang -- der Dichter sammelt sich -, erwähnte dann Achternbuschs Aggressivität beim Schreiben (!) und erzählte dann von einem Mann, der im Bus neben ihm sitzend gesagt habe, er sei jetzt in der Mitte seines Lebens und müsse noch so viele Jahre kämpfen. Da habe er, Handke, an Achternbusch denken müssen. Das kennerhafte Raunen der Kulturschickeria signalisierte ein »wie schön, der Dichter nimmt wahr, sogar im Bus«.

Handke beendete seinen Laudatio-Versuch mit einer Bemerkung zu Achternbuschs Kindern, die auch Bazon Brock nie zu erwähnen vergaß, denn ihre erfrischende Normalität irritierte all diese Sprachnarzisse.

Achternbusch verweigerte die ihm zugedachte Lorbeerkrone, schob sie sich ins Hemd, weil »Lorbeer kühlt« bemängelte allerdings, daß dieses »Gwachs« sich nicht einmal für einen Sauerbraten eigne. Wie sie alle lachten über diesen launigen Exoten aus den bayrischen Bergen.

Abends, beim Essen, wollte Achternbusch von Bazon Brock nun endlich wissen, warum er den Preis bekommen habe. Bazon -- griechisch: Schwätzer

* Peter Handke, Hubert Burda, Bazon Brock.

-- nahm ein Messer, ritzte wild auf dem Papiertischtuch herum, dozierte über die sprunghafte Konstruktion der Achternbusch-Sätze, schlug den Roman »Land in Sicht« auf, um »wahllos« ein Beispiel daraus zu zitieren, das wirklich sehr sprunghaft klang. Achternbusch: »Glaub« scho, daß du des glaubst. Du hast nämlich a Zeile ausglassen.«

Da der Wettergott, der alte Lauser, tags darauf ein Einsehen hatte und die Sonne scheinen ließ, versammelte man sich zunächst im Garten der Kardinals-Villa zur Lesung der anwesenden Dichter. Achternbusch soff Rotwein: »Meinst du, ich setz mich der Wirklichkeit ohne Alkohol aus?« Ernst Meister las Wuchtiges mit einer wuchtigen Lupe, der Düsseldorfer Kunstprofessor Fritz Schwegler, bekannt geworden durch seine gesungenen Plastiken, veranstaltete poetische Aktionen, die Achternbusch nun gar nicht mehr in den Kopf wollten. Hilfesuchend fragte er: »Bazon, was sollen wir denken?«

Doch Bazon, von Achternbusch schlitzohrig Bazi genannt, dachte schon an seinen großen Coup. In den Tempel nach Tusculum zurückgekehrt, lasen zunächst weitere Dichter, von denen einer namens Peter Jirak durch Beifallsverhaltung nach allen Regeln der Mißachtung geschlachtet wurde. Achternbusch soff. Bazon schlug seinen gerade herausgekommenen Wälzer »Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten« auf, rezitierte zwei Gedichte und kündigte eine »sakrale Handlung« an. Von seinem Verleger mit einer Hacke unterstützt, schaufelte er inmitten des Tempels ein Loch und begrub sein Buch darin.

Mit der Warnung, daß Tempelschändung bis auf den heutigen Tag mit dem Tode bestraft werde, bat er das Volk anschließend aus dem Tempel, damit der heilige Bezirk nun sich selbst überlassen werde. Achternbusch soff.

Im anliegenden Amphitheater noch mehr Gedichte. Einer kräuselte Sätze über »Frauen, so schön und dumm wie Pfauen« und Christoph Derschau, Autor von »Den Kopf voll Suff und Kino«, hatte Ad-hoc-Lyrik parat: »Als ich über dein Land schaute, Cicero« die Notdurft verrichtend, bekam ich Lust, mein Genitalium zu photographieren.«

Da ging der Genius Lokus mit ihm durch. Und Handke schlief, und Achternbusch soff, und keiner ahnte noch Böseres. Abends sollten nämlich Achternbuschs Filme »Bierkampf« und »Die Atlantikschwimmer« aufgeführt werden, seine Art der Dichterlesung.

Wie es sich für Literaten geziemt, hatte man zur Würdigung der laut Lenin wichtigsten Kunst des 20. Jahrhunderts den schmuddligsten Saal von Frascati gemietet, in dem es nach Schweiß und Urin stank (ob der Derschau dort auch wieder ...?). Der Projektor hatte eine falsche Tonanlage. Der geeignete Vorführapparat, einst im Besitz einer Pfarrei, war wenige Tage zuvor gestohlen worden.

Sie machten"s wie die Elefanten. Die ziehen, sagt man, wenn sie traurig sind, einfach zum nächsten Ort. Hubert Burda lud zum Essen. Nun soffen sie alle. Schließlich hatte man einen neuen Projektor organisiert. Doch der hatte die falsche Spannung. Beim Anschalten zerplatzten die Lampen -- und nicht nur die.

Auch Achternbusch. »Leckts mich doch am Arsch, mit eurem Cicero«, schrie er, »und mit eurem Petrarca. Der hat sein Schwanz auch nur überall reingängt. Ich hasse euch Lächerlichkeiten, ihr Pack ohne Mehrheit!« Dabei stürzte er den Projektor vom Sockel, und Hubert, der arme Hubert Burda jammerte um die 3000 Mark Schaden. Achternbusch warf mit Geschirr nach dem Bazi, der sieh rechtzeitig duckte und schimpfte ihn einen Winsler.

Irgendwo fand er eine mannsgroße Puppe, warf sie unter die Leute: »Da habt"s euren Preisträger Achternbusch!« Wer ihn beruhigen wollte, bekam Schläge. Da saßen sie nun, die Kulturschaffenden und Kulturgeschafften, die Kritiker, Journalisten und Dichter, die sich höchstens mal papierne Feuilletongefechte liefern, und zitterten und zagten vor diesem wutschnaubenden Urvieh, das sich mit gewalttätiger Würde dagegen wehrte, daß man in arkadischer Sabberei weiter mit ihm Schlitten fahre. Selbst Bazon, der Happening-Veteran, konnte das Ruder nicht mehr an sich reißen.

Später im Hotel versuchte Hubert Burda Wiedergutmachung mit dem, was er für einzig wirksam hielt. Er überreichte Achternbusch den Scheck mit dem Preisgeld von 20 000 Mark. »Da schau, was ich mit deim Scheißgeld mach"«, höhnte Achternbusch und verbrannte das Papier.« Es lebe der Partisan!« heißt ein Kapitel aus seinem letzten Buch »Land in Sicht«.

Nur Herbert Burda will immer noch nichts einsehen. In ein paar Monaten, so meinte er, wenn die Wut verraucht sei, wolle er Achternbusch das Geld übergeben. So sehr er es nötig hätte -- man kann nur hoffen, daß diese Wut nicht verraucht. Rauchzeichen dieser Art sind wichtig zur Orientierung.

Wolfgang Limmer
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.