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"TAT" Beat im Bus

aus DER SPIEGEL 4/1971

Tyrannenmacht muß schwinden, die Demokratie marschiert -- hinter den Kulissen. Westdeutschland hat sein zweites Kollektiv-Theater.

Als am letzten Mittwoch -- in einer Fassbinder-Bearbeitung der »Bettleroper« von John Gay -- der Räuber Macbeath als modischer Flipper-Mackie über die Bühne des Frankfurter »Theaters am Turm« (TAT) schlenderte, da war über das Resultat der Einstudierung weit weniger zu sagen als über das Prinzip, nach dem sie zustande gekommen war.

»Jedes Mitglied war für den gemeinsamen Stil der Inszenierung verantwortlich«, so beschrieb in einer ausführlichen Verlautbarung der »Bund für Volksbildung« als TAT-Rechtsträger eine von der Berliner »Schaubühne am Halleschen Ufer« bereits erprobte, nun erstmals auch in Frankfurt praktizierte Arbeitsweise. Selbst »Bühnenbild, musikalische Arrangements und Kostüme wurden gemeinsam erarbeitet und in jeder Phase der Entwicklung diskutiert«.

Diese von aktuellen politischen Theorien begünstigte Kunst-Methode Ist in

Frankfurt durch hartnäckige Zermürbungstaktik des Ensembles gegen den Intendanten durchgesetzt worden. Konsequenz: Der bisherige TAT-Chef Felix Müller, 37, nimmt seinen Abschied, ein noch zu wählendes »kollegiales Gremium« soll künftig auch den Spielplan aufstellen, Regisseure bestimmen und Rollen verteilen.

Damit endet eine Periode der TAT-Geschichte, in der sich das Theater -- vor allem durch drei Handke-Uraufführungen -- immerhin überregionalen Ruf und ein progressives Profil erworben hat. Zumal mit dem von Müller zeitweilig verpflichteten Regisseur Claus Peymann und dem Dramaturgen Wolfgang Wiens hatte das TAT eine Alternative zu den müden Städtischen Bühnen Frankfurts angeboten und auf Gastspielreisen auch auswärtigen Ruhm geerntet.

Der Versuch des engagierten Führungs-Trios, das ohnehin kräftig subventionierte Haus (gegenwärtiger Etat: 1,4 Millionen Mark Zuschüsse von Stadt und Staat, 240 000 Mark Einnahmen durch Kartenverkauf) von den Abonnenten-Ansprüchen der Frankfurter Volksbühne sowie lästigen Gastspielverpflichtungen auf dem Lande zu lösen und zu einer anspruchsvollen Modellbühne zu machen, schlug allerdings zunächst fehl.

Wiens wechselte 1969 zum »Verlag der Autoren« über, Peymann inszenierte an verschiedenen Theatern und ist derzeit an der Berliner »Schaubühne« tätig. Auch jüngere Schauspieler verließen das TAT-Ensemble.

Die überalterte Restmannschaft frischte Müller mit Nachwuchs auf, an dem er wenig Freude hatte. So registrierte der Intendant unwillig, daß die jungen Leute Mao und Che verehrten, im Gastspielbus Beat spielten und verdiente Kollegen zur Übersiedlung ins Altersheim aufforderten.

Mehr Mitbestimmung, wie gefordert, wollte Müller den Schauspielern anfangs gerne zugestehen. Er ließ Ensemble-Delegierte an Sitzungen des Bühnenvorstands teilnehmen und besprach mit ihnen den Spielplan. An seine Intendanten-Kompetenz jedoch wollte er nicht rühren lassen. Entlassungen vermuteter Rädelsführer konnten indes den Machtanspruch der Schauspieler nicht dämpfen.

Die Rebellen fühlten sich vor allem durch einen wagemutigen Kultur-Beschluß des SPD-Unterbezirks Frankfurt vom November 1970 bestärkt, der nach lokalem Brauch auch für die SPD-beherrschten kommunalen Gremien einschließlich des Volksbildungsbund-Vorstands verbindlich ist. Danach soll das »Theater am Turm« für Experimentier-Aufführungen reserviert sein, Lehr-Gastspiele in Schulen und Fabriken geben und keine Eintrittsgelder mehr erheben ("Nulltarif").

In dieser Lage zogen zwölf teils gekündigte TAT-Angehörige zum Volksbildungsbund-Direktor Roland Petri, um sich über ihren Intendanten zu beschweren. Von Petri eingeleitete Unterhandlungen führten zu Müllers Rückzug (bei Gehalt-Fortzahlung bis Sommer 1972), Annullierung der Kündigungen und einer Berufung Petris zum kommissarischen Theaterleiter. Petri: »Die Spannungen sind weg. Ich bin stolz auf dieses Ensemble.«

Wie lange am zweiten deutschen Theater ohne Intendant, dafür mit »neuen Präsentationsformen« (Petri), die Freude vorhält, steht noch dahin. Ahnungsvoll raunte die »FAZ": »Auch ein Kollektiv braucht einen Kopf, korrekter: Köpfe.«

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