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AUTOREN Beben in Santa Monica

In einem neuen Buch läßt Christa Wolf ihren Roman »Medea« gegen eine »männlich dominierte« Kritik verteidigen und plaudert Werkstattgeheimnisse aus.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Zu Beginn des Jahres 1993 saß die ehemalige Starautorin der DDR weit weg von Deutschland im milden Klima des kalifornischen Küstenorts Santa Monica vor ihrem Computer und gab Suchbegriffe wie »Argonauten«, »Kolchis« oder »Goldenes Vlies« ein. Christa Wolf war seit einigen Monaten Gast des Getty-Centers und in Vorarbeiten zu einem neuen Roman vertieft, als daheim der von ihr seit längerem befürchtete Sturm wegen einer offenbar lange verdrängten und verschwiegenen Stasi-Tätigkeit in den Jahren 1959 bis 1962 losbrach (SPIEGEL 4/1993).

Eine von ihr kurzfristig in die »Berliner Zeitung« eingerückte »Auskunft« bewirkte, daß »unsere berühmteste Schriftstellerin« sogar der »Bild«-Zeitung eine Meldung auf der ersten Seite wert war ("Christa Wolf: Ich war IM"). Die folgenden Wochen zählte sie schon bald »zu den härtesten in meinem Leben«.

Zwei sehr unterschiedliche Bücher ließen später das Ausmaß jenes biographischen Bebens spüren, das schon das zweite nach der Wende war (1990 hatte es eine hitzige Debatte aus Anlaß der Erzählung »Was bleibt« gegeben): In der Dokumentation »Akteneinsicht Christa Wolf« (1993) lieferte die Autorin die von vielen geforderte Offenlegung ihrer Verstrickung mit dem DDR-Geheimdienst, in ihrem Prosawerk »Medea. Stimmen« (1996) suchte sie erzählend Zuflucht bei einer verfolgten und, wie sie zu zeigen versuchte, verfemten Frauengestalt aus der griechischen Mythologie - bei jener Medea, die der Dramatiker Euripides einst als kindermordende Rächerin hinstellte.

Jetzt kommt ein drittes Buch hinzu: In einem Materialienband zu »Medea« gibt die längst wieder in Deutschland lebende

Autorin Einblick in die Werkstatt*. Ziel

des Bandes ist aber vor allem, der - wie die

* Marianne Hochgeschurz (Hrsg.): »Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild«. Verlag Gerhard Wolf Janus press, Berlin; 190 Seiten; 40 Mark.

Herausgeberin Marianne Hochgeschurz gleich eingangs behauptet - »männlich dominierten« Rezeption des »Medea«-Werks weibliche Blicke entgegenzusetzen.

Wissenschaftlerinnen aus Italien geben sich Mühe, es den Herren Kritikern aus Deutschland zu zeigen, zumal nach Ansicht der Turiner Germanistin Anna Chiarloni ohnehin »die gründlichsten Beiträge über die literarische Situation nach der Wende von der Auslandsgermanistik geleistet wurden«. Als zum Teil »männlichrührend« wird auch die SPIEGEL-Kritik (9/1996) zurückgewiesen.

Tatsächlich wurde die Wolfsche »Medea«-Version von der hiesigen Literaturkritik zumeist als brav und bieder eingeschätzt: Christa Wolfs literarische Revision machte aus der rasenden Medea eine kaum noch rebellische Opferfigur. Einwände gab es nicht allein - um »dem Kumpel Euripides beizustehen« (Chiarloni) - von männlicher Seite. Die Literaturkritikerin Ursula März etwa sah »zuviel betulichen Feminismus« und »ein etwas übermächtiges Wohlwollen für die Figur«.

Nie war in den Kritiken die Rede davon, Christa Wolf hätte sich nicht gegen das seit Euripides durch die Theater- und Romanwelt geisternde Bild einer mörderischen Medea erheben dürfen - gefragt wurde, ob ihre Figur kräftig genug ist, um als eigenständige Variante Anspruch auf einen Platz in der Literaturgeschichte zu haben.

Solche Zweifel an der literarischen Qualität lassen sich nicht ausräumen, indem Autorin und Mitstreiterinnen nun den Nachweis erbringen, daß die Figur Medea in ihrer in schriftlose Vorzeit zurückreichenden Geschichte schon viele Umdeutungen erlebt hat - was bekannt war.

In den interessantesten Passagen des Materialienbandes berichtet die Autorin selbst von der Realisierung des im Juni 1991 erstmals im Tagebuch erwähnten »Medea-Projekts«. Sie läßt sich nicht nur dabei über die Schultern blicken, wie ihr das Computersystem »Orion« in Santa Monica immer neue Titel und Namen »aufrollte, ausdruckte, auf Querverweise verfiel, auf die ein Mensch nie käme«, sondern auch Fragen, Zweifel und anfängliche Wissenslücken deutlich werden. Früh hat sie den Gedanken verworfen, den Medea-Stoff »mit verschiedenen Varianten« zu erzählen.

Dabei wäre gerade das eine überzeugende Schreibhaltung für eine Autorin gewesen, die 1983 schon eine andere Figur der griechischen Mythologie erzählend und essayistisch neu belebt hat: die Seherin Kassandra - mit großem Erfolg.

* Marianne Hochgeschurz (Hrsg.): »Christa Wolfs Medea.Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild«. Verlag GerhardWolf Janus press, Berlin; 190 Seiten; 40 Mark.

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