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Hans Eckstein über den Bildband "Der Bungalow" BEDAUERLICHE VERÄNDERUNG

Dr. Hans Eckstein, 69, war bis 1964 Direktor des Staatlichen Museums für angewandte Kunst »Die neue Sammlung« in München. Er ist Mitglied des Deutschen Kunstrats und auch als Kunstschriftsteller ("Neue Wohnbauten«, »50 Jahre Deutscher Werkbund") und Kritiker hervorgetreten. -- Der Photograph Paul Swiridoff, 53, zu dessen Bildband über den Kanzler-Bungalow Eckstein sich hier äußert, ist vor allem durch seinen Photoband »Porträts aus dem geistigen Deutschland« (1965) bekannt geworden.
aus DER SPIEGEL 33/1967

Es konnte eigentlich niemanden verwundern, daß der sogenannte Bungalow, den Ludwig Erhard 1963/64 als repräsentatives staatliches Empfangsgebäude und als Kanzlerwohnung errichten ließ, vielfach Befremden, Mißfallen und Spöttelei auslöste. Die Tagespresse, die Illustrierten gaben zumeist mißmutig und oberflächlich urteilenden Berichten Raum. Wer es anders erwartet hatte, gab sich einer Illusion darüber hin, wie wenig die moderne Architektur noch immer als die selbstverständliche, unserer Zeit angemessene gebaute Umwelt empfunden wird.

Gewiß sind die Bauformen, die sich kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt haben, den Menschen längst vertraut geworden. Gewiß nimmt kaum noch jemand an der Modernität von Verwaltungsgebäuden, Geschäftshäusern, Wohnbauten, ja auch von Kirchen Anstoß. Höchstens extravagante Besonderheiten oder das unmittelbare Nebeneinander von Modernem und Historischem erregen zuweilen die Gemüter. Zwar ist der Historismus des Bauens, insbesondere seine »Heimatstil«-Spielart im Einfamilienhaus, noch keineswegs völlig ausgestorben wie die Pferdebahn, aber der Streit um das moderne Bauen gehört der Vergangenheit an.

An jenem Bonner Bungalow jedoch hat er sich wieder entzündet. Denn hier -- der kürzlich erschienene Bildband des Photographen Paul Swiridoff zeigt es -- ist die Moderne zum erstenmal in einen Bereich eingedrungen, in dem bisher nur das Unmoderne als legitim galt.

Ein repräsentatives Staatsgebäude, das sowohl im Äußeren wie im Inneren jede Anlehnung an die Häuser und Räume vermissen läßt, in denen die Männer des Staates bislang sich zu bewegen gewohnt waren, wird von vielen als etwas Ungehöriges, als etwas die guten Sitten und die Begriffe von Würde zutiefst Erschütterndes empfunden -- nicht zuletzt von bundesdeutschen Würdenträgern und gewiß nicht weniger von ausländischen.

So heftig der Kanzler-Bungalow vielfach abgelehnt wurde, so exemplarisch ist seine Bedeutung, denn er ist nicht nur eine hervorragende Leistung seines Architekten Sep Ruf, sondern auch eine bemerkenswerte bauherrliche Tat.

Als Bauherr war Erhard jedenfalls kein Cunctator, sondern von vorbildlicher Entschiedenheit. Es war wagemutig, mit der längst muffig gewordenen Tradition zu brechen -- sie wies den Repräsentationspflichten des Staates ein Prunkmilieu zu, das dem äußeren Rahmen einer autoritären Gesellschaft gemäß war (aus der sich zu lösen den Deutschen immer noch schwerzufallen scheint). Und es war ein erster Schritt auf einem Weg, der langsam nun auch beim Neubau unserer Auslandsvertretungen eingeschlagen wird.

Der Versuch ist oft recht unzulänglich beurteilt und in übereilter Grundsätzlichkeit verworfen worden. Nur so waren die launischen Bemerkungen über den Bungalow zu verstehen, die Erhards Vorgänger und sein Nachfolger nicht unterdrücken konnten. Dabei konnte nicht überraschen, daß dem alten Konrad Adenauer das Rufsche Bauwerk mißfiel. Erstaunlich aber war, wie wenig Kurt Georg Kiesinger sich bewußt zu sein schien, daß ein Staatsmann seinen persönlichen Geschmack nicht zum Maßstab der Beurteilung staatlicher Bauten machen sollte, die auch seiner amtlichen Repräsentationspflicht zu dienen haben (von der Wohnung ist hier nicht die Rede).

Mag Herrn Kiesinger der Bau gefallen oder nicht, mag ein Bundestagsabgeordneter (Hans Dichgans) von »Glas- und Flachdach-Mode« sprechen und diese mit der Minirock-Mode vergleichen -- auf ihren Geschmack kommt es hier nicht an, und Glasflächen und Flachdach sind keine absoluten Werte. Sie gehören nur zu den Mitteln, mit denen eine Idee des Bauens und der zeitgemäßen Repräsentation zum Ausdruck gebracht wird.

Kein Geringerer als Walter Gropius hat in einem Brief aus Amerika an den Verleger Günther Neske den Bonner Bungalow »ein erstklassiges Stück deutscher Architektur« genannt. »Die Gestaltung seiner Innenräume«, so schreibt Gropius, »deren Möblierung, die Verbindung mit der landschaftlichen Umgebung, die Auswahl der Gemälde und Skulpturen haben ein würdevolles, wohl koordiniertes Kunstwerk entstehen lassen. Nach meiner Meinung ist es sehr geeignet, vor der Welt den fortschrittlichen Geist des deutschen Volkes, seines der Zeit verbundenen kulturellen Strebens zu repräsentieren.«

Leider hat ja Kiesinger, wie man gesehen hat, in dem Bau inzwischen vieles umgestalten lassen. Dazu schrieb Gropius: »Ich bedaure, daß die wun-

* Schlafzimmer im Kanzler-Bungalow, Eßecke.

derbare Einheit des Baues bedroht ist durch eine zweitklassige innere Möblierung, die dem repräsentativen Charakter des Baues nicht gerecht werden wird.«

Gerade auch im Hinblick auf solche Veränderungen war es wertvoll, daß sozusagen noch in letzter Minute, als Erhard schon seine Koffer packte, die Aufnahmen für eine photographische Dokumentation über den Bungalow gemacht werden konnten. Soweit der Eindruck angeschauter Wirklichkeit überhaupt durch Photographie vermittelt werden kann, gibt ihn -- dank der Könnerschaft Paul Swiridoffs -- dieses Buch.

In dem kurzen Geleitwort von Erich Steingräber, dem Direktor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, lesen wir: »Es hat etwas mit dem geistigen Niveau in unserem Staat zu tun, in welcher Form seine gewählten Vertreter repräsentieren.«

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