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RAUMFAHRT Begrenzte Kontrolle

Wieder mißlang den Sowjets ein Kopplungsmanöver im All -- fast hilflos saßen die Kosmonauten in ihrem fliegenden Stahlkäfig.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Gestartet war die sowjetische Raumkapsel auf derselben Rampe wie, ziemlich genau 20 Jahre vorher, Sputnik 1. Doch so sehr damals der piepsende Erstling im All den Westen geschreckt hatte, so sang- und klanglos endete diesmal die russische Raumreise.

Mit großen Schlagzeilen hatte die »Prawda« das Jubiläumsereignis eingeläutet, gerade rechtzeitig zum sechzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Geplant war wieder ein Koppel-Manöver, mit (ler wenige Tage zuvor in eine Umlaufbahn geschossenen Orbital-Station »Saljut 6«.

Durch mehrmaliges Korrigieren ihrer eigenen Umlaufbahn sollten sich die Kosmonauten Wladimir Kowaljonok und Walerij Rjumin an die erdumkreisende Zigarre »Saljut 6« herantasten und »andocken«.

Doch die von »Tass« angekündigten »gemeinsamen Experimente mit der wissenschaftlichen Station« kamen nicht zustande. 48 Stunden nach dem Start mußten Kowaljonok und Rjumin aufgeben: »Rücksturz zur Erde« ("Bild"). Unversehrt immerhin kletterten die beiden Kosmonauten, am Dienstag letzter Woche, in der kasachstanischen Steppe aus ihrer glockenförmigen, vom Wiedereintritt in die Erdatmosphäre gebrandmarkten Raumkapsel.

Das jähe Ende der Mission »Sojus 25« war für die Sowjets der siebte Rückschlag in ihrem »Sojus"/,,Saljut«-Programm, das vor zehn Jahren (mit dem Tode des Kosmonauten Komarow in »Sojus 1") begann. Und obwohl die Amerikaner in den letzten Jahren ihr Nasa-Budget drastisch eingeschränkt haben, blieben die Sowjets nun, zu Beginn des dritten Raumfahrt-Jahrzehnts, noch immer weit abgeschlagen.

Zur selben Zeit, da die Nasa ihre Mondraketen-Generation bereits eingemottet und die wiederverwendbare US-Raumfähre erste Probeflüge erfolgreich absolviert hat, laborieren die Sowjets immer noch mit der Technologie des Andockens und des Manövrierens in der Erdumlaufbahn.

»Es ist irgendwie deprimierend, die sowjetischen Kollegen in ihren Raumkapseln zu sehen«, so war es dem US-Astronauten Eugene A. Cernan herausgerutscht, als er (zur Vorbereitung des sowjetisch-amerikanischen Gemeinschaftsfluges 1975) das sowjetische Raumfahrtzentrum Baikonur besucht hatte. »Ich meine das nicht kritisch«, fügte er höflich hinzu.

Das blanke Entsetzen muß damals die Gäste aus den USA in der Tat gepackt haben, als sie zum erstenmal die Technologie der sowjetischen bemannten Raumfahrt mit eigenen Augen begutachten konnten: So armselig ist das technische Instrumentarium in der »Sojus«-Kapsel, daß es den Kosmonauten fast zum Ruhme gereicht, wenn sie bei insgesamt elf bisher versuchten Koppelmanövern seit 1971 nur viermal unverrichteterdinge heimkamen.

»Grundlegende sowjetische Raumfahrt-Philosophie ist es«, so resümierte das Fachblatt »Aviation Weck & Space Technology«, »den Mann in der Kapsel nicht als Piloten zu betrachten, sondern als Passagier.«

Die Astronauten etwa im Apollo-Raumschiff, erläuterte Rußland-Besucher Cernan seinen Eindruck, fühlten sich »zu jedem Zeitpunkt als aktiver Teil einer Symbiose zwischen Mensch und Maschine«, als Piloten, die fortwährend über Zustand und Lage ihres hochqualifizierten technischen Geräts Bescheid wissen und »zu jeder Zeit eigene Entscheidungen treffen können«.

Hingegen: Nicht einmal aus dem Fenster sehen können die »Sojus«-Kosmonauten in den kritischen Flugphasen, um ihre Position im All zu bestimmen. Wenn sie in ihren Konturschalen liegen, können sie sich nur mit Hilfe eines Periskops orientieren.

Zudem ist die »Sojus«-Instrumententafel dürftig ausgestattet; sie ist nicht annähernd so vielfältig bestückt wie etwa das Cockpit eines kleinen Firmen-Jets.

Außer einem Globus-Sichtgerät, das die ungeiähre Position über der Erde anzeigt, und einem Umlaufbahn-Zähler gibt es knapp drei Dutzend Warnsignale und ein einziges Volt/Ampère-Anzeigegerät für sämtliche elektrischen Systeme des Raumschiffs.

Die Steuer- und Eingriffsmöglichkeiten der Kosmonauten beschränken sich im wesentlichen auf acht Druckknöpfe. Und die Art, wie Annäherungsmanöver im All gesteuert werden, paßt eher zu einem Märklin-Baukasten als zu einem Raumschiff.

In amerikanischen Raumschiffen berechnet ein Bord-Computer jeweils in Sekundenbruchteilen für eine Vielzahl von Steuer- und Triebwerken die nötige Brenndauer und korrigiert diese Ergebnisse fortlaufend, entweder durch Eingriff der Piloten oder völlig automatisch.

Die Navigations- und Steuerungssysteme an Bord von »Sojus« hingegen tassen nur einen eng begrenzten Spielraum für Manöver »von Hand«; fast alle Operationen sind vorprogrammiert. Die Kosmonauten haben keine Möglichkeit, die auf Magnettrommeln gespeicherten Flugprogramme abzuändern.

Die einzige Kontrollmöglichkeit über die Brenndauer der Triebwerke beispielsweise ist ein Blick auf die Stoppuhr. Danach muß die Bodenstation wieder mit Radarhilfe feststellen, in welcher Lage sich das Raumschiff nun befindet, und entscheiden, welches nächste Manöver daraus folgt.

»Außerordentlich begrenzt«, schrieb Aviation Weck & Space Technology«, sei auf »Sojus«-Raumschiffen auch der an Bord mitgeführte Treibstoffvorrat. Das bedeutet: Wenn nach einer beschränkten Anzahl von Kurskorrekturen das Kopplungsmanöver nicht geglückt ist, muß das ganze Unternehmen mangels Masse abgebrochen werden.

Daß die Kosmonauten auch bei »Sojus 25« wohl einige Male den Daumen zu lange auf dem Auslöseknopf ließen und bei ihren Manövern zu ungeschickt hantierten, deutete sogar die »Prawda« an: »Jeder Raumflug«, hieß es nach Kowaljonoks und Rjumins Landung. »ist eine neue Probe für die Menschen und die Technik.« Die Kosmonauten seien in der kritischen Phase des Annäherungsmanövers »sehr erregt« gewesen, sie hätten »sehr viel schneller als üblich gesprochen«. Und schließlich gab das Parteiblatt sogar zu: »Der Treibstoffverbrauch in »Sojus 25' war zu hoch.«

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