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Regisseure Bei Anruf Kreuzwort

Das Telefon als Waffe der Frau: Der Filmemacher Spike Lee erzählt in »Girl 6« ein Milchmädchen-Märchen vom Geschlechterkampf.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Mit Sexmaschinen ist das so eine Sache: Erst ersannen die Menschen groteske Apparaturen aus Holz und Leder, Stahl und Plastik zur Befriedigung ihrer Gelüste, dann sandte der Himmel den großen Soulsänger James »Sex Machine« Brown zwecks Triebstau-Entsorgung ins Reich der Erdlinge - am Ende des Jahrhunderts aber gilt das Telefon als Mittel der Wahl für gefahrenarme und folgenlose Ausschweifung.

Nun ist Spike Lee, wie allerhand andere Filmemacher vor ihm, aufgebrochen zu einer Expedition ins digital verstöpselte Wunderland der Liebe. Und der US-Regisseur, der vielen Kritikern seit Filmen wie »Do the Right Thing« oder »Jungle Fever« als Agitprop-Künstler und wütender Streiter für die Sache der afroamerikanischen, also schwarzen Minderheit gilt, enttäuscht auch diesmal nicht die Erwartungen: Wo andere erst mal neugierig die oft schwer zu fassende Wirklichkeit erkunden, exekutiert Lee sogleich eine These; wofür anderen eine Postkarte genügt, dafür braucht er gleich einen ganzen Film - es gilt, eine Botschaft zu versenden.

Immerhin ist diese Botschaft diesmal sehr bunt verpackt. »Girl 6« ist eine vertrackte, scheinbar mit leichter Hand hingestrichelte Komödie. In der Titelrolle ist die schöne schwarze Schauspielerin Theresa Randle zu sehen, die Lee schon in »Jungle Fever« und »Malcolm X« zeigte; und damit der Film auch wirklich ein Erfolg wird, läßt Lee dazu Gaststars wie Madonna, Naomi Campbell und Quentin Tarantino aufmarschieren. Die teils neuen, teils klassischen Songs zum Film stammen vom mittlerweile namenlosen Popstar Prince, von dem sich der Regisseur, wie er versichert, eigens für dieses Werk die Erlaubnis geholt hat, den Mann bei seinem alten Namen zu nennen.

»Girl 6« erzählt die Geschichte einer jungen schwarzen Frau, die Schauspielerin werden möchte. Ihr erster wichtiger Vorsprech-Termin aber gerät zum Desaster, weil der Regisseur (dargestellt von Tarantino, wem sonst?) ein zynischer Schweinehund ist, der sogleich ihre nackte Brust begutachten will.

Wenn schon Prostitution, folgert die Heldin, dann auf ordentlicher Geschäftsgrundlage: Sie heuert bei einer Telefonsex-Agentur an, wo sie als »Mädchen 6« erstens die Attraktion des Ladens wird, zweitens eine Menge netter Freundinnen trifft und drittens endlich die Träume träumt, die ihr anerzogene Prüderie und gesellschaftliche Konvention bis dahin verwehrten - befreie deinen Telefon-Wortschatz, dein Hirn wird folgen, so etwa lautet die Kampflosung dieses Films.

Leider aber hat das Drehbuch der Autorin Suzan-Lori Parks jenseits der These, wonach das Telefonsex-Geschäft ein Mittel weiblicher Emanzipation sein könne, wenig zu erzählen; zudem spricht der Film verwirrend viele Bildsprachen: Die farbsatt durchgestylte Welt des Nummer-6-Girls ist kontrastiert mit nostalgisch ausstaffierten Traumsequenzen - und mit grobkörnigen Videoaufnahmen von den armselig geilen Telefonsex-Kunden.

Weil Spike Lees jüngstes Werk also Zuschauer und Kritiker ziemlich ratlos zurückläßt, hat sich der Regisseur nun zu etwas entschlossen, was er sonst haßt wie die Pest: Er gibt Interviews.

So sitzt er morgens um neun in einer großen New Yorker Hotelsuite, nippt am Kaffee und pflegt seine notorisch schlechte Laune. Er schimpft darüber, »daß die meisten Kritiker immer mich rezensieren statt meine Filme«. Er redet über Aids und die Isolation des modernen Großstadtmenschen, über die Schwäche der Männer und die Stärke der Frauen: »Beim Telefonsex haben die Frauen die absolute Kontrolle über die Situation«, sagt Lee, »die Männer erzählen von ihren Problemen, und die Frauen lackieren sich währenddessen die Fingernägel, lösen Kreuzworträtsel oder kritzeln irgendeine Zeichnung aufs Papier« - die Wurschtigkeit als emanzipatorischer Akt.

Nebenbei berichtet Lee von pädagogischen Erfolgen, die ihm am Rande der Dreharbeiten gelangen. Mit Quentin Tarantino etwa, dessen Hit »Pulp Fiction« durch den verschwenderischen Gebrauch von Schmähvokabeln für Schwarze diverse Bedenkenträger zum Protest provozierte, habe er ein ernstes Wort gesprochen: »Ich glaube, er wird das Wort ,Nigger' nie wieder so gedankenlos benutzen wie in diesem Film«; schließlich sei der Kerl »ein feiner Regisseur«.

Genau zehn Jahre ist es her, daß Spike Lee mit dem Film »She's Gotta Have It« zum erstenmal für Aufruhr sorgte und in Cannes einen Preis gewann. Von den auffälligen Parallelen zwischen Nola Darling, der verwegen über die Männer triumphierenden Heldin von »She's Gotta Have It«, und jener Frau namens Lovely, die in »Girl 6« ihre Freiheit erkämpft, will der Regisseur nichts wissen: Alles Quatsch, sagt er, und seine Stimme schwillt im Zorn zu dröhnender Lautstärke, »es gibt keinen bewußten Bezug zwischen den Filmen - wer was anderes behauptet, ist ein Trottel«.

In Wahrheit aber ist »Girl 6« nicht bloß die offensichtlich beabsichtigte Persiflage auf Heimvideo-Spießigkeit und erfolgreiche Laßt-uns-Frauen-doch-mal-allein-über-die-Männer-reden-Komödien wie »Waiting to Exhale«; vor allem ist der Film eine kaum gewollte Parodie auf den Spike Lee der frühen Jahre - auf einen Regisseur, der mit Verstand und Gefühl von einer Schwarzen-Welt erzählte, die kaum sonst einer im Kino bis dahin kannte.

Heute sieht man bei Lee so viele schöne Frauen schmutzige Dinge sagen, daß sich selbst im Film einer darüber wundert, warum die Telefon-Agentinnen nicht halb so häßlich sind, wie er es vermutete. Und unter all dem Oberflächenglanz, zwischen heimlichen privaten Telefon-Geschäften, heimlichen Dates mit einem Kunden und ein paar unheimlichen Begegnungen mit dem Ex-Mann, geht dem Mädchen Nummer sechs einfach ihre Geschichte verloren.

Das ist nicht weiter schlimm, aber traurig darf man es schon finden. Denn Spike Lee mag in den vergangenen Jahren ein revolutionärer Fieberkopf gewesen sein und ein sentimentales Großmaul - ein bloß auf gelackte Bilder bedachter Streber war er nie.

Wolfgang Höbel

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