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BUCHMESSE Beichte beim Drink

Louis Begley belauscht einen Ehebrecher bei seinen Geständnissen
Von Jeanette Stickler
aus DER SPIEGEL 41/2003

John North ist Schriftsteller in mittleren Jahren und in seinem Metier das, was man erfolgreich nennt: mit hohen Auflagen, vielen Übersetzungen, Preisen. Mit Lydia, einer weithin anerkannten Ärztin, führt er, täglichen Sex durchaus inbegriffen, eine glückliche und zufrieden stellende Ehe.

Zum Verhängnis wird ihm eine, selbstverständlich, junge und gut aussehende Journalistin, die ein Interview mit ihm führt. Begehrlichkeiten entstehen in dem eigentlich zurückhaltenden und bedächtigen Mann - und schließlich Begierde. Mit Raffinesse und Virtuosität spielt Léa das alte Spiel der Verführung, dem North alsbald erliegt. Die kapriziöse Französin wechselt zwischen Nähe und Distanz, Verfügbarkeit und Abwendung, becirct den zweifelnden und doch willigen Schriftsteller mit Lasterhaftigkeit und Amoralität.

Der Gewährsmann in dem neuen Roman »Schiffbruch« des US-Autors Louis Begley, 70, ist ein namenloser Ich-Erzähler, den näher zu beschreiben sich der Autor gar keine Mühe macht: Er dient lediglich als Zuhörer. Ihm, dem Wildfremden, offeriert North in einer Bar einen Drink und bittet darum, seine Geschichte erzählen zu dürfen: den minutiös genauen Bericht über seinen ganz persönlichen Schiffbruch.

Schonungslos gegen sich selbst, Fehler, Lügen, Halbwahrheiten tapfer bekennend, offenbart sich ein Mensch, der kühl und nüchtern, mit Spott und Hohn auf sein in Bedrängnis geratenes Leben blickt - das Leben eines Schriftstellers, der über die Abgründe des Schreibens ebenso eloquent zu räsonieren weiß wie über die des Ehebruchs, alles im Ton leiser Bitterkeit. Klug, einsichtig und, wie es einem Schriftsteller von seinem Rang angemessen ist, mit sprachlicher Eleganz zieht North Bilanz. Nie zuvor hat sich Louis Begley so wagemutig auf das halsbrecherische Glatteis sexueller Begierden begeben.

In »Schiffbruch« ist ihm das dichte und eindringliche Porträt eines so gewieften wie skrupulösen Ehebrechers gelungen, der nicht um Sympathie wirbt, allenfalls um ein klein wenig Verständnis für die Unwägbarkeiten der männlichen Psyche - grandios. JEANETTE STICKLER

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